06.08.2026
Die russische Armee hat hohe Verluste

Zu wenig Kanonenfutter

Die russische Armee hat Schwierigkeiten, ihre hohen Verluste an Soldaten im Krieg gegen die Ukraine auszugleichen. Der Staat wendet bei der Rekrutierung immer repressivere Maßnahmen an, unter Wehrpflichtigen grassiert die Angst.

»Es gibt keinerlei Notwendigkeit für eine Mobilmachung.« So lautet der kategorische Befund des stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrats, Dmitrij Medwedjew, am Mittwoch vergangene Woche. Anderslautende Behauptungen seien »Blödsinn« und nichts als »verlogene Provokation« und »Teil einer Propagandakampagne«. Nun wäre es allerdings fahrlässig, Aussagen von Medwedjew einfach für bare Münze zu nehmen. Denn der Politiker ist nicht nur dafür bekannt, grob ausfällig gegen Regimegegner zu werden, sondern auch für Aus­sagen und Versprechen, die sich später als falsch herausstellen.

Um seine These zu untermauern, legte Medwedjew bei einer ministerienübergreifenden Sitzung zum Stand der Rekrutierung für die »militärische Spezialoperation« gegen die Ukraine aktuelle Zahlen vor. Im ersten Halbjahr hätten demnach rund 200.000 Personen einen Vertrag mit den russischen Streitkräften unterzeichnet, weitere 16.000 hätten sich einem freiwilligen Kampfverband angeschlossen. Im Vergleichszeitraum 2025 seien es noch über 210.000 Vertragsunterzeichner und über 18.000 Freiwillige gewesen. In den Jahren 2023 und 2024 hätten, so Medwedjew, die Werte bei unter 200.000 Vertragsunterzeichnungen gelegen, eine exakte Statistik liegt aber nicht vor.

Verlustmeldungen hält das russische Verteidigungsministerium wohlweislich unter Verschluss. Doch anhand offen zugänglicher Daten ermittelte das russische Exilportal Mediazona bislang über 236.000 Namen von Soldaten, die im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ums Leben gekommen seien.

Ob das zum Ausgleich der hohen Verluste an der Front ausreicht, ist fraglich. Verlustmeldungen hält das russische Verteidigungsministerium wohlweislich unter Verschluss. Doch anhand offen zugänglicher Daten ermittelte das russische Exilportal Mediazona bislang über 236.000 Namen von Soldaten, die im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ums Leben gekommen seien. Recherchen der US-amerikanischen Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) sprechen für den Zeitraum von Beginn des Kriegs 2022 bis Juni 2026 von 400.000 bis 450.000 toten Militärangehörigen auf russischer Seite. Rechne man die Verwundeten dazu, liegen die Verluste pro Monat demnach bei 30.000 bis 34.000 Soldaten, bei schätzungsweise lediglich rund 27.000 Neuzugängen.

Wachsendes Defizit in den Streitkräften

Es sind keine großen Rechenkünste vonnöten, um ein wachsendes Defizit zu konstatieren. Dabei verfügte Präsident Wladimir Putin Ende Juli bereits zum dritten Mal innerhalb der vergangenen Monate eine Aufstockung der ständigen Truppenstärke auf nunmehr 1.535.000 Militärangehörige, ein Plus von 25.000. Zusammen mit den Zivil­angestellten hat die russische Armee damit eine Sollstärke von mehr als 2.426.000. Bei der letzten Anhebung im Juni sprach Putin davon, dass über 700.000 Armeeangehörige bei der »militärischen Spezialoperation« eingesetzt seien.

Beim Abgleich der für das erste Quartal 2026 von Medwedjew genannten Zahlen mit den Ausgaben aus dem Staatshaushalt für Neuzugänge beim Militär kam das unabhängige Rechercheportal Istories zu dem Schluss, dass die offiziellen Angaben zehn bis fünfzehn Prozent über dem tatsächlichen Niveau liegen. Janis Kluge von der Denkfabrik Stiftung Wissenschaft und Politik errechnete bei der Anwerbung von Soldaten für denselben Zeitraum einen Rückgang von 20 Prozent im Vergleich zu 2025.

Will Russland seine Truppenstärke halten oder sogar erhöhen, scheint eine noch intensivere Rekrutierung unausweichlich. Dass oftmals über eine »neue Mobilmachung« spekuliert wird, lässt vergessen, dass die sogenannte Teilmobilmachung vom September 2022 nach wie vor in Kraft ist – weshalb damals Einberufene ihren Dienst nicht quittieren können. Lediglich die massenhafte Einberufung per Einzugsbefehl wurde noch im Herbst 2022 eingestellt, wohl auch weil sie zu enormem Unmut in der Bevöl­kerung geführt hatte.

Angesichts hartnäckiger Gerüchte über eine bevorstehende Ausweitung der Mobilmachung und einzelner bekannt gewordener Exzesse bei der laufenden Rekrutierung macht sich in den vergangenen Wochen in der russischen Gesellschaft Unruhe bereit. 

Stattdessen erhöhte die Regierung die Prämienzahlungen für Vertragssoldaten, während Rekrutierungsagenturen Druck auf verschuldete Männer ausüben, sich der Armee anzuschließen. Diese Agenturen bilden ein breitgefächertes Netz, das nach intransparenten Regeln funktioniert. Es ist ein Nebenprodukt der Kriegswirtschaft, an der sich einige skrupellos bereichern. Die Regionalverwaltungen verpflichten staatliche und private Unternehmen zudem dazu, eigene Angestellte an die Armee zu überstellen. Wer seine Belegschaft vollzählig am Arbeitsplatz behalten will, muss an Rekrutierungsagenturen Gelder zahlen. Doch die bisherigen Praktiken reichen nicht mehr aus, um den Nachschub an Soldaten zu ­sichern.

Angesichts hartnäckiger Gerüchte über eine bevorstehende Ausweitung der Mobilmachung und einzelner bekannt gewordener Exzesse bei der laufenden Rekrutierung macht sich in den vergangenen Wochen in der russischen Gesellschaft Unruhe bereit. Von Panikstimmung berichteten Menschenrechtsorganisationen wie die Bewegung der bewussten Verweigerer (DSO), die den von staatlicher Rekrutierung Betroffenen Beratung und juristische Unterstützung anbieten. Anfragen häuften sich, heißt es von DSO, da viele wissen wollten, wie sie sich der Mobilmachung entziehen könnten – ob durch Rückstellung, Ausreise oder Feststellung der Untauglichkeit.

Dass die russische Regierung nach der Parlamentswahl in der zweiten Septemberhälfte unpopuläre Maßnahmen ergreifen wird, gilt als wahrscheinlich. Wie weit sie gehen könnte, ist eine andere Frage. Einberufungen nach dem Modell der Teilmobilisierung von 2022 setzen weitaus härtere polizeiliche Eingriffe voraus, denn dieses Mal wissen die Betroffenen viel früher und wohl auch genauer, was sie erwartet. Das Exilportal Wjorstka verweist auf kremlnahe Quellen, die eine Ausweitung des Kriegsrechts für möglich halten, worauf Teile des Sicherheitsapparates schon lange dringen. Auch das Verbot der Ausreise ohne ein Ausreisevisum, wie es zu Sowjetzeiten Usus war, stünde zur Diskussion. Russlands autoritärer Kriegskurs ist eine Einbahnstraße, Richtungswechsel sind darin nicht vorgesehen.