13.08.2026
Debatte um Männlichkeitsbilder

Das andere Geschlecht

Statt neue Vorstellungen von Männlichkeit zu entwerfen, sollte der Feminismus an seinem eigentlichen Versprechen festhalten: Freiheit statt neuer Normen.

Vor 16 Jahren legten einige Grüne ein Manifest vor, in dem sie mehr feministisches Engagement von Männern forderten. Nun debattieren die Grünen über ein neues Männermanifest mit dem Titel »Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit«. Eine Gruppe um die Co-Bundesvorsitzende Franziska Brantner hat es verfasst und fordert »ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann«. Erforderlich sei das, weil autoritäre Bewegungen Geschlechterpolitik zu einem ihrer wichtigsten Themen machen. Braucht die Gesellschaft überhaupt noch ein Ideal von Männlichkeit?

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Eine Gruppe von grünen Po­liti­ker:in­nen hat ein Manifest für »moderne Männlichkeit« vorgelegt, unterzeichnet unter anderem von der Co-Parteivorsitzenden Franziska Brantner und ihrer Vorgängerin Ricarda Lang. Die Diagnose: Man habe lange darüber diskutiert, was Männer nicht sein sollen – nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend –, aber vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann. Das dadurch entstandene Vakuum, so das Manifest, füllen nun wieder die alten Bilder.

Die Reaktion darauf war heftig und überwiegend negativ: Das Papier sei klischeehaft, eine Luftnummer, mache den Feminismus für männliches Unvermögen verantwortlich, biedere sich an Rechte an und so weiter. In diese Kerbe soll hier nicht geschlagen werden – das Papier zeugt von einem ernsthaften Bemühen, der um sich greifenden Instrumentalisierung des Themas Gender etwas entgegenzusetzen. Und das ist notwendig. Denn rechtsextreme Bewegungen haben das Eintreten für streng binäre Geschlechternormen zu ihrem Erkennungszeichen gemacht, zu dem Dach, unter dem sich religiöse Fundamentalisten, marktliberale Multimilliardäre und staatsautoritäre Gruppen zusammenfinden, so verschieden sie sonst sind. Das verändert auch den Rahmen, in dem feministische und queere Initiativen sich bewegen, und es ist richtig, sich damit zu beschäftigen.

Das Papier der Grünen geht von einer falschen Prämisse aus: dass es im bürgerlichen Patriarchat ein starres Männerbild gegeben habe, so wie es ein Frauenbild gab, und dass jetzt beide gleichermaßen aufgebrochen werden müsste.

Jedoch geht das Papier der Grünen von einer falschen Prämisse aus: dass es im bürgerlichen Patriarchat ein starres Männerbild gegeben habe, so wie es ein Frauenbild gab, und dass jetzt beide gleichermaßen aufgebrochen werden müssten. Aber das stimmt nicht. Männlichkeit war im Patriarchat nie einheitlich. Männer waren zwar nicht frei von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen, aber dennoch gab es plurale Männerbilder. Männer unterschieden sich nach Klasse, Konfession, Vermögen. Es gab den Krieger und den zerstreuten Professor, den Familienvater und den Abenteurer, den Einzelgänger und das Vereinsmitglied, die einen definierten sich über Individualität, die anderen über Zugehörigkeit – alles legitime und höchst unterschiedliche Modelle von Männlichkeit.

»Die Männer« -- eine Erfindung des Feminismus 

Die gesamte patriarchale Kulturgeschichte widmete sich den Differenzen zwischen Männern, von Plato versus Aristoteles bis Marx versus Bakunin. Simone de Beauvoir hat in ihrem Buch »Das andere Geschlecht« 1949 ausführlich analysiert, dass Männer im Patriarchat das erste, das »normale« Geschlecht waren, Frauen hingegen das zweite, das andere. »Die Männer« hat es vor dem Feminismus als Gruppe, über die verallgemeinernde Aussagen getroffen wurde, nicht gegeben, außer in ihrer Beziehung zu Frauen und Familie: Sie waren Ehemänner, Söhne, Väter, aber ihre Geschlechtlichkeit endete, sobald sie in der Öffentlichkeit standen.

Öffentliche Männlichkeit ist also per se eine plurale Angelegenheit – was man ja auch daran sieht, wie ungehalten »alte weiße Männer« reagieren, wenn ihre persönliche Individualität einmal hinter ihrer geschlechtlichen Kategorisierung zurücktreten soll. Bei Frauen hingegen prägte die Geschlechtsidentität ihr gesamtes Dasein. Es gab keinen Raum, um ihr zu entkommen. Die weibliche Individualität, die in Wirklichkeit ja ebenso ausgeprägt ist wie die männliche, verschwand hinter der Behauptung eines gemeinsamen »Frauseins«, das sich vor allem um die Gebärfähigkeit drehte. Der patriarchalen symbolischen Ordnung zufolge war es Aufgabe und Wesen der Frauen, Kinder zu gebären und großzuziehen, die Familie und das Gemeinwesen zu unterstützen, ihre eigenen Anliegen hintanzustellen, kurz: den Gegensatz zur als männlich konzipierten Autonomie zu repräsentieren.

Was möglicherweise verunsicherte Männer vom Feminismus lernen können, ist, dass Sicherheit und Geborgenheit nicht im Widerspruch zu Freiheit und Stärke stehen.

Das Geschlechterbild der bürgerlichen Moderne hat also nicht die Struktur: »Männer sind so, Frauen sind so.« Sondern: »Männer sind Individuen, auf deren individuelle Persönlichkeit es ankommt, Frauen hingegen sind geschlechtliche Wesen, sie haben ihre Individualität zurückzustellen, wenn sie wirklich weiblich sein wollen.« Ein Selbstbestimmungsrecht wurde Frauen allenfalls unter dem Vorbehalt zugesprochen, dass es ihren weiblichen Pflichten nicht entgegensteht.

Wenn das grüne Manifest nun Männlichkeit analog zu Weiblichkeit auffasst, übersieht es diese Asymmetrie. »Moderne Männlichkeit« kann nicht als Spiegelbegriff zu »moderner Weiblichkeit« verstanden werden, weil »Männer« noch nie ein kollektives politisches Subjekt waren. Was junge Männer heute verunsichert, ist, dass sie – in einer Zeit, in der Geschlecht und Gender in der öffentlichen Debatte so dominant und präsent sind – gar keine Vorstellung davon haben, was eine männliche Geschlechtsidentität überhaupt beinhalten soll. Denn Männer, das sind doch einfach nur Menschen. In vielen Sprachen bedeutet dasselbe Wort sowohl »Mann« als auch »Mensch«. Deshalb greift es zu kurz, wenn das grüne Manifest nun weitere Möglichkeiten vorschlägt, wie der Begriff der Männlichkeit gefüllt werden kann. Ja klar, auch Männer können ihre Nägel lackieren, na und?

Die Autor:innen des Manifests hätte gut daran getan, sich zu vergegenwärtigen, warum es einen »Maskulinismus« analog zum Feminismus nicht geben kann. Dieser entstand vor dem Hintergrund einer jahrtausendealten Tradition patriarchaler Misogynie. Er wies deren Frauenbild zurück und entwickelte stattdessen neue, eigene und freie Bedeutungen des Frauseins. Männer stehen heute aber vor einem ganz anderen Problem. Sie müssen sich erst einmal selbst als Geschlechtswesen begreifen, also von jener Illusion des autonomen universalen Subjekts verabschieden, die sie im Patriarchat verkörpern sollten.

Die Autor:innen des Manifests hätte gut daran getan, sich zu vergegenwärtigen, warum es einen »Maskulinismus« analog zum Feminismus nicht geben kann.

Genau das ist die Lücke, in die zum Beispiel der US-Kriegsminister Pete Hegseth stößt, wenn er US-Soldaten Testosteron spritzen will, damit sie »männlicher« werden. Seine Antwort auf die Frage, was Männlichkeit sei, ist paradoxerweise die Angleichung der Männer an die Frauen: Was diesen im Patriarchat zugemutet wurde, nämlich Konformitätszwang, soll in dem nun aufziehenden autoritären Zeitalter auch den Männern blühen.

Der Feminismus hat die Frauen aus dem Konformismus zugewiesener Geschlechterrollen befreit mit dem Ziel, dass nicht mehr nur die Männer, sondern alle Menschen in ihrer Autonomie respektiert werden, und dass alle ihre geschlechtsbezogenen Identitäten frei ausleben können. Die autoritären Gender-Krieger streben heutzutage das genaue Gegenteil an: Sie weisen nicht nur den freiheitlichen Anspruch von Frauen und queeren Personen auf geschlechtliche Selbstbestimmung zurück, sondern wollen nun auch die traditionelle Freiheit im männlichen Selbstausdruck auslöschen. Auch Männer sollen uniform werden, zur Reservearmee für autoritäre Machthaber, die sich die Welt aneignen wollen.

Man muss das immer wieder betonen: Allen diskursiven Gender-Nebelschwaden zum Trotz geht es den Profiteuren des postpatriarchalen Chaos (wie man den derzeitigen Zustand der Welt charakterisieren könnte) nicht um das Verhältnis der Geschlechter, sondern um Herrschaft und persönlichen Profit. Die Instrumentalisierung von Gender-Debatten für einen autoritären Gesellschaftswandel wurde von rechten Think Tanks und Politikern strategisch vor­bereitet und vollzogen. Kein noch so männerfreundlicher Feminismus der Welt hätte das verhindern können.

Wir brauchen in dieser Situation keine weiteren Versuche, Männlichkeit zu beschreiben oder gar zu definieren. Sie sind von vornherein genauso sinnlos wie jeder Versuch, »Weiblichkeit« inhaltlich zu fassen. Aber was die Welt und damit möglicherweise auch verunsicherte Männer vom Feminismus lernen können, ist, dass Sicherheit und Geborgenheit nicht im Widerspruch zu Freiheit und Stärke stehen; dass man die eigene Geschlechtsidentität ausleben kann, ohne in Stereotype zu verfallen; dass auch geschlechtlich differenziertes Menschsein immer pluralistisch ist; und dass jeder Versuch, uns auf Konformismus zu trimmen, nur unserer Ausbeutung dient. Und dagegen gilt es sich zu wehren – damit wir keine Figuren in einem Spiel sind, das andere spielen, sondern unser eigenes Spiel gestalten können, zusammen mit allen, die in einer freien und pluralen Gesellschaft leben wollen.