13.08.2026
AfD-Anhänger und Nationalsozialismus

Der Nazi-Traum lebt weiter

Das Programm der AfD widerspricht Interessen und Lebenspraxis derer, die ihr die Stimme geben. Der Erfolg der Partei rührt daher, dass sie als Vehikel von unbearbeiteten Kollektivphantasmen dient.

Es ist und bleibt absurd. Wieder einmal hat jüngst eine Studie unter dem Titel »Das AfD-Paradox« klipp und klar dargelegt, dass das Gros der Wähler der AfD haargenau aus jenen besteht, die am meisten von der Politik der Partei zu befürchten hätten. Der Ökonom Marcel Fratzscher, der Autor der Studie, konstatiert darin völlig zutreffend: »Die Widersprüche zwischen den Interessen der AfD-Wäh­ler:in­nen und den Positionen der AfD könnten kaum größer sein.« Und fährt fort: Durch »Steuersenkungen für die S­pit­zen­ver­die­ner:in­nen, niedrigere Löhne für Ge­ring­ver­die­ner:in­nen und eine Beschneidung der Sozialsysteme (…) käme es zu einer Umverteilung von Einkommen und sozialen Leistungen von AfD-Wäh­ler:in­nen hin zu den Wäh­ler:in­nen anderer Parteien«.

Ein ähnliches Paradox ist auch bei den erzreaktionären Positionen der Partei im sogenannten Kulturkampf zu beobachten. Im sachsen-anhaltischen Wahlkampf wettert die AfD gegen das Bauhaus und die Moderne insgesamt. Diese seien ein »Irrweg«, so der stellvertretende Landesvorsitzende Hans-Thomas Tillschneider. In Mecklenburg-Vorpommern verspricht die AfD, ein Ende damit zu machen, dass »nichtssagende Klötze und andere kalt wirkende, tradi­tionslose geometrische Formen in die Welt gesetzt« werden. Die, die sich in solchen »Klötzen« durchaus wohlfühlen, wählen die Partei trotzdem.

Assoziiert wird mit dem Nazi-Geraune die einstige narzisstische Stimulation des Herrenvolks, dem die Hilfsvölker zu dienen hätten.

Auch paradox: Nach Angeben des Bundesinstituts für Bevölkerungsentwicklung lag 2023 »das Niveau der Schwangerschaftsabbrüche in Ostdeutschland deutlich oberhalb des westdeutschen Levels«. Ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger sowie deren Nachkommen, denen an der liberalen Abbruchregelung des verblichenen Staats offenbar viel liegt, wählen in Massen eine Partei, die die befristete straffreie Abtreibung nach Beratung abschaffen möchte. Ähnliches gilt auch dafür, dass ausgerechnet jene, die sich sicher nie eine Privatschule für ihr Kind leisten können, eine Partei wählen, die das öffentliche Schulsystem schwächen will zugunsten ebensolcher Privateinrichtungen und heimischer Beschulung.

Kurz gesagt: Unmittelbar nachvollziehbare Motive geben nur für eine kleine Minderheit der AfD-Wähler den Ausschlag – christliche Fundamentalisten, verkrachte Kulturkritiker und Aktiendepotbesitzer, die allesamt kaum in der Köthener oder Stralsunder »Platte« wohnen dürften. Was treibt aber die, die man dort tatsächlich antrifft, dazu, der AfD so treu zu folgen?

Sie können nur von Kollektivphantasmen getrieben sein, die tief in die Mentalitätsgeschichte zurückreichen. Allein so ist es auch nur im Ansatz zu erklären, warum das gegen die Lebenswelt und -praxis der Wähler gerichtete Geraune von deutscher Architektur, deutscher Familie und deutscher Heimat nicht doch ein paar mehr dieser Wähler befremdet. Offenbar assoziieren die AfD-Anhänger mit den völkischen Parolen den bei ihnen ungebrochenen Traum vom Nationalsozialismus, dem sie bis heute anhängen.

Assoziiert wird mit dem Nazi-Geraune die einstige narzisstische Stimulation des Herrenvolks, dem die Hilfsvölker zu dienen hätten (weshalb der AfD-Wähler glaubt: »Ausländer bekommen hier alles und sind zu frech«). Dem Herrenvolk gehört man qua Abstammung an, dessen wirtschaftlicher Erfolg ist ein unbestreitbares Anrecht, der KdF-Wagen das sichtbare Zeichen für beides.

In Ostdeutschland sieht das aus Gründen noch finsterer aus. Erst ward man ums Wirtschaftswunder gebracht, das vorbei war, als man seiner per Mauerfall habhaft werden wollte; dann musste man die Überbleibsel der Boom-Jahre mit Ausländern teilen.

Klingt weit hergeholt? Nicht, wenn man sich vor Augen hält, dass das sogenannte Wirtschaftswunder, der Nachkriegsboom für viele ein Substitut des »Endsiegs« war, eine Belohnung für den Nationalsozialismus. Wird diese Belohnung karger, bleibt sie gar aus, wirkt auch das gesellschaftliche Zugeständnis schwächer, das man für jene Belohnung machte, also: nicht allzu offen dem nationalsozialistischen Wunschbild zu huldigen. Die Krise bringt in diesem Sinne die Wahrheit über die subjektive Wirklichkeit ans Licht, während die objektive Wirklichkeit der Verdrängung anheimfällt.

In Ostdeutschland sieht das aus Gründen noch finsterer aus. Erst ward man ums Wirtschaftswunder gebracht, das vorbei war, als man seiner per Mauerfall habhaft werden wollte; dann musste man die Überbleibsel der Boom-Jahre mit Ausländern teilen. Nunmehr, als Gipfel des Belogen- und Betrogenseins, lebt man nicht nur häufig in besonders abgehängten Regionen des Vaterlands, sondern soll womöglich noch auf das letzte Insigne des Volksgenossen, das Auto, verzichten. Und das, obwohl man nun doch sicher deutscher ist als die im Westen, die »Deutsch sprechenden Amerikaner« (Björn Höcke).

Knapp der Hälfte der ostdeutschen Wahlberechtigten scheint das der Kränkung offenkundig zu viel und deshalb wohl wirken die rhetorischen Versatzstücke aus dem Blut-und-Boden-Arsenal der AfD in Sachen entarteter Moderne und Mangel an blonden Kindern so unwiderstehlich. Egal, wie weit derlei krimineller Unfug an den realen Interessen und Umständen vorbeigeht, er schmeichelt dem kollektiven Phantasma. Und das entscheidet mehr als alles andere über den Ausgang von Wahlen in ostdeutschen Flächenstaaten.