Im Spiegelkabinett der KI-Propaganda
So erfolgreich wie keine andere Partei in Deutschland nutzt die AfD seit ihrer Gründung die sogenannten sozialen Medien, um ihre Botschaften zu verbreiten und den sprichwörtlichen Wutbürger zu reizen. Der Ausdruck »soziale Medien« ist dabei irreführend. Denn heutzutage handelt es sich um individualistische Netzwerke, in denen Nutzerinnen und Nutzer primär mit virtuellen Accounts parasoziale Beziehungen pflegen, also einseitige emotionale Beziehungen beispielsweise mit Internetpersönlichkeiten, Influencern oder gleich mit einem KI-generierten Avatar.
Erfolg auf Tiktok hatte beispielsweise der AfD-Politiker Maximilian Krah, der junge Männer dazu aufrief, sich abzuhärten und Zärtlichkeit zu missachten, kurz: »rechts« zu sein, um beim anderen Geschlecht erfolgreich zu sein. Die Propaganda funktioniert durch direkte Ansprachen und simplifizierte Botschaften, die an Alltagserfahrungen anknüpfen und diese ideologisch ausdeuten. Ihr kommt dabei eine psychische Funktionsweise des Sehtriebs zugute: durch das kontinuierliche Starren auf einen Strom kurzweiliger Videos kommt es kaum noch zu einer bewussten Erfassung und Verarbeitung des betrachteten Inhalts. Stattdessen schlägt dieser ins Unbewusste durch und entfaltet so seine Wirkung.
Die automatisierte Erstellung von Online-Propaganda zielt darauf, die mediale Öffentlichkeit mit den eigenen Botschaften regelrecht zu überschwemmen – im Sinne Steve Bannons, der vom »Fluten der Zone mit Scheiße« sprach
Versuche anderer politischer Parteien, sich in sozialen Medien zu inszenieren, wirken im Vergleich zu diesen Erfolgen der AfD fast hilflos. Offenbar begünstigt die Form der sozialen Medien eher rechtsextreme Propaganda, Verschwörungstheorien und Antisemitismus – das allerdings bei weitem nicht nur in rechter Form. Der britische Historiker Niall Ferguson schrieb kürzlich in einem gemeinsam mit John-Clark Levin verfassten Artikel in The Free Press, angesichts des derzeitigen Wiederauflebens von Holocaustleugnung, Geschichtsrevisionismus und antisemitischer und antizionistischer Verschwörungstheorien müsse er anerkennen, in seinen Bemühungen, der Öffentlichkeit die Lektionen der Geschichte zu vermitteln »komplett gescheitert« zu sein. Die Ursache dafür sei die Funktionsweise von sozialen Medien wie Tiktok, noch einmal dramatisch verschärft durch KI-generierte Inhalte.
Prominente Persönlichkeiten wie Krah sind freilich nur ein Teil der AfD-Propagandamaschine; wirklich erfolgreich ist diese, weil an ihr tagtäglich unzählige Personen mitwirken, vom Bundestagsabgeordneten, dessen Team regelmäßig professionell bearbeitete und geschnittene Tiktok-Videos postet, bis hin zum anonymen AfD-Anhänger, der auf eigene Faust Facebook-Gruppen mit rechten Memes zuspamt.
Neue KI »Alternita Studio«
Um ihren Parteimitgliedern zu ermöglichen, Online-Inhalte zukünftig noch schneller, in größerer Zahl und normierter zu generieren, hat die Partei nun ein KI-gestütztes Programm entwickeln lassen, das den Namen »Alternita Studio« trägt. Man muss nur die intendierte Botschaft eingeben und es spuckt Texte, Graphiken und Propagandaslogans im Stil der Partei aus. Bild und simple Botschaft ergeben zusammen ein Sharepic, das zum massenhaften Weiterverbreiten in den sozialen Medien animiert.
Die Basis des Programms bildet eine Deep-Learning-Struktur, die mit Studien zur Viralität politischer Inhalte gefüttert wurde, um vorauszusagen, was sich am besten verbreiten wird, und entsprechende Meldungen zu kreieren. Außerdem kann es Texte so umformulieren, dass sie juristisch weniger angreifbar sind. Gibt man beispielsweise den Input »Ausländer raus« ein, soll das Programm die Botschaft in »Kriminelle Ausländer raus« umformen. So hilft die KI bei der taktischen »Selbstverharmlosung« (Götz Kubitschek).
Über die Funktionsweise des Programms hat erstmals Correctiv berichtet. Das Rohmaterial, um fortlaufend neue Botschaften zu produzieren, sucht es demnach auf Plattformen wie Nius, Bild, NTV, Apollo News oder Junge Freiheit und anderen Portalen der Neuen Rechten. Deren Material wird ausgewertet und gefiltert, um seinen Gebrauchswert für die Empörungsmaschinerie zu bestimmen. Daraus werden dann Beiträge im reißerischen Boulevard-Stil kreiert. Für die Generierung der medialen Inhalte werden zwei bekannte Large Language Models (LLMs) verwendet: »Opus 4« von Anthropic und »Gemini« von Google.
Die automatisierte Erstellung von Online-Propaganda zielt darauf, die mediale Öffentlichkeit mit den eigenen Botschaften regelrecht zu überschwemmen – im Sinne Steve Bannons, der vom »Fluten der Zone mit Scheiße« sprach. Auch die bereits überzeugten Anhänger können noch intensiver mit Online-Material gefüttert werden. Dieses soll die lebensweltliche Erfahrung immer mehr vorstrukturieren. Die medialen Botschaften werden durch die permanente Erregung, die sie auslösen, libidinös besetzt. Sie entwickeln sich allmählich zur Schablone für die Wahrnehmung der analogen Wirklichkeit. Der Konsument wird wie durch Werbung konditioniert. Doch soll er hier nicht zum Kauf verleitet werden, sondern dazu, seine Weltwahrnehmung anhand eines bestimmten Rasters einzuordnen. Dabei entwickelt sich, ähnlich wie beim durchschnittlichen Verschwörungstheoretiker, eine »psychose ordinaire« (Jacques-Alain Miller), ein schleichender, alltäglicher Wirklichkeitsverlust.
Manipulation der lebensweltlichen Erfahrung
Durch diese Manipulation der lebensweltlichen Erfahrung sollen sich die Konsumenten mit den falschen Verhältnissen identifizieren und diese verfestigt werden. Die Arbeiter, die infolge der Entwicklung des Weltmarkts als doppelt freie Arbeitskräfte potentiell global zirkulieren, sollen weiter darin bestärkt werden, sich anhand ethnischer Bestimmungen voneinander zu trennen. Der Klimawandel, der insbesondere bestimmte Arbeiter, Alte und Pauperisierte betrifft und längst sinnlich erfahrbar ist, soll verleugnet werden, um aus überkommenen Produktionsweisen den letzten Profit herauszupressen. Kommt es dann zu einer hitzebedingten Übersterblichkeit von geschätzt knapp 12 000 Personen, wie zuletzt in Deutschland, wird diese Tatsache weggelacht oder verleugnet. Um sich derart gegen die Wirklichkeit abzuschirmen, braucht es die permanente Bestätigung in der virtuellen Welt.
Digitale Propaganda wird so auch zum Instrument im politischen und ökonomischen Klassenkampf. Fortschritte in Rechenleistung und Datenverarbeitung eröffnen ganz neue Möglichkeiten, sowohl in der Überwachungstechnik als auch in der Manipulation der Medienkonsumenten. Folgerichtig liebäugelt die AfD, insbesondere der Flügel um die Co-Vorsitzende Alice Weidel, mit den sogenannten Tech Bros des Silicon Valley und mit Elon Musk, der in einer Person den Industriekapitalisten, den rechtsextremen Kulturkämpfer und, mit seiner Plattform X, den Vorreiter in der Verbreitung und Popularisierung oft KI-generierter Propaganda vereint.
Aus diesen Allianzen von IT-Konzernen, Kapitalinteressen und Parteien wie der AfD entstehen derzeit Schnittstellen, die zwischen Medien und dem Triebhaushalt der Wählerschaft vermitteln. Die Digitalisierung betreibt so die Auflösung von Politik in »Hyperpolitik« (Anton Jäger), bei der die politischen Subjekte in einem Zustand der emotionalen Dauererregung und -empörung befangen sind, während ihre reale Handlungsmacht und Einbindung in gesellschaftliche und politische Strukturen und Organisationen sich immer weiter auflösen. All das äußert sich in aggressiven und identitären Kulturkämpfen, während Klassenkonflikte oft verfremdet als Generationenkonflikte erscheinen.
Eine Linke, die sich der Aufklärung verpflichtet sieht, kann nicht in das Spiel der Empörung einsteigen, sondern muss sich ihm konsequent verweigern.
Eine Linke, die sich der Aufklärung verpflichtet sieht, kann nicht in das Spiel der Empörung einsteigen, sondern muss sich ihm konsequent verweigern. Für das Verständnis des Problems ist es nötig, die Felder der politischen Ökonomie, der Psychoanalyse und der Medientheorie miteinander zu verknüpfen. Außerdem gilt es, sich dafür einzusetzen, dass das Interesse an Datenschutz und Open-Source-Software wächst. Nicht nur der Staat baut sein digitales Panoptikum immer weiter aus, auch die sozialen Medien haben in der Überwachung ihre Geschäftsgrundlage.
Zugleich gilt es zu erkennen, dass die Atomisierung der Gesellschaft und die Wendung des Einzelnen weg vom realen Anderen und hin zur digitalen Welt Ausdruck einer tiefgreifenden gesellschaftlichen und persönlichen Entfremdung sind. Helfen könnten mehr Räume der Begegnung. Virtuelle Vernetzung besteht selbst dort, wo nicht nur noch Bots die Posts von Influencern liken, zu großen Teilen in einer parasozialen Simulation von Sozialleben. Im Gegensatz dazu ist es im persönlichen Umgang möglich, sich wirklich kennenzulernen und sich über das eigene Elend als spezifischen Ausdruck des allgemeinen Elends auszutauschen, was der vom Internet beförderten Zersplitterung in unterschiedliche Interessensgruppen, Subkulturen und digitale Communitys entgegenwirken könnte.
Denkt man an Gegenden wie das sozial verödete ostdeutsche Hinterland, wird klar, wie sehr Langeweile, Vereinsamung und Passivität die Menschen dazu animieren, sich im digitalen Spiegelkabinett zu verlieren.