Inszenierung des Ungewissen
Reiht man die jüngsten Meldungen aus dem Innern des iranischen Regimes aneinander, ergibt sich ein bemerkenswertes Muster. Da ist erstens ein grotesk erscheinender Medienbericht über Präsident Masoud Pezeshkian, der den Obersten Führer des Iran, Mojtaba Khamenei, angeblich in einem abgedunkelten Wagen mit getönten Scheiben in Teheran »getroffen« haben soll, ohne dessen Gesicht zu sehen, und der hinterher seine eigenen Mitarbeiter gefragt haben soll, ob die Stimme neben ihm überhaupt dem Obersten Führer gehörte. Zweitens gaben zwei Quellen aus dem Umfeld von Pezeshkian laut einem exklusiven Bericht von Iranwire und darauf basierenden Berichten an, dass in den höchsten Rängen des Regimes Gerüchte kursierten, Khamenei befinde sich in äußerst kritischem Zustand und könne »jederzeit« sterben. Ein regierungsnaher Politiker habe demnach bestätigt, dass bisher kein Kabinettsmitglied den Obersten Führer getroffen habe: Man wäre nicht überrascht, bald von seinem »Märtyrertum« zu hören.
Drittens ist da ein durchgestochener interner Bericht des Präsidialamts über eine Umfrage, der dokumentiert, dass die iranische Gesellschaft zutiefst frustriert und regimekritisch ist. Viertens gab es zunächst unbestätigte Berichte über die Ablösung von Sicherheitsratssekretär Mohammad Bagher Zolghadr durch den 71jährigen Mohsen Rezaei, die sich nun bewahrheitet haben. Beide sind hochrangige Veteranen der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), der regimetreuen Parallelarmee, die für die Unterdrückung der Opposition, für terroristische Aktivitäten und die Verbreitung des iranischen Systems im Ausland zuständig ist. Der aufgerückte Rezaei wird mit internationalem Haftbefehl gesucht, weil er verdächtigt wird, an der Planung des Bombenanschlags auf das jüdische Gemeindezentrum Amia mit 85 Toten in Buenos Aires vom Juli 1994 beteiligt gewesen zu sein. Fünftens werden Pezeshkians wiederholte halböffentliche Rücktrittsdrohungen zitiert, mit denen er sich offenbar Zugeständnisse von den Hardlinern erkämpfen will. Schließlich kursiert, sechstens, die Behauptung, Außenminister Abbas Araghchi werde aus dem für die Verhandlungen mit den USA und Oman zuständigen Team gedrängt, weil er sich stärker am IRGC-Befehlshaber Ahmad Vahidi orientiere als an seinem eigentlichen Dienstherrn Pezeshkian.
Fast alle Meldungen laufen über Iranwire und Iran International, zwei in London ansässige regimekritische Exilmedien mit engen Verbindungen untereinander, und fast alle stützen sich auf »Quellen nahe der Regierung Pezeshkian« oder »mit dem Vorgang vertraute Personen«.
Jede dieser Geschichten für sich ließe sich als gewöhnliches Gerücht aus dem iranischen Machtapparat abtun. In der Summe aber fällt auf: Fast alle Meldungen laufen über Iranwire und Iran International, zwei in London ansässige regimekritische Exilmedien mit engen Verbindungen untereinander, und fast alle stützen sich auf »Quellen nahe der Regierung Pezeshkian« oder »mit dem Vorgang vertraute Personen«. Wer immer diese Quellen sind – sie sitzen erkennbar im selben Lager. Auffällig ist zudem die zeitliche Verdichtung: Sämtliche sechs Meldungen datieren zwischen dem 3. und 7. August.
Zusammengenommen machen die sechs Geschichten einen bemerkenswert stimmigen Eindruck: Ein pragmatischer, um Diplomatie bemühter Präsident wird von einer unsichtbaren, möglicherweise sterbenden Führungsfigur gedemütigt und entmachtet; sein Außenminister wird von Kommandeuren der Revolutionsgarden an die Leine genommen; ein IRGC-Hardliner rückt in die sicherheitspolitische Schaltzentrale auf; und ausgerechnet eine interne Studie des Präsidialamts belegt, dass die eigene Bevölkerung mit dem System längst abgeschlossen hat. So einheitlich fügt sich das nicht zufällig zusammen; hinter diesen Berichten dürfte ein Interesse stehen.
Am ehesten kommt das Interesse jener Politiker um Pezeshkian in Betracht, die eher für eine diplomatische Verständigung mit dem Westen eintreten. Jedoch sind es vor allem die Revolutionsgarden, die das durch den Tod des ehemaligen Obersten Führers Ali Khamenei entstandene Machtvakuum nun füllen. Staatliche iranische Quellen berichteten, Mojtaba Khamenei habe am Montag zahlreiche Kommandeure ernannt. Wer eine solche Kampagne vermutet, sollte daraus dennoch nicht schließen, Berichte über Khameneis bedenklichen Zustand seien bloß erfunden. Im Gegenteil: Gerade eine gesundheitliche Krise des Obersten Führers würde den idealen Nährboden für eine solche Erzählstrategie liefern.
Läge Khamenei tatsächlich im Sterben, wäre genau jetzt der Moment, in dem konkurrierende Fraktionen um die öffentliche Deutungshoheit ringen, auch um ihren Einfluss auf seine Nachfolge zu stärken – mit durchgestochenen Berichten, die dem dominanten Lager der IRGC-Hardliner Schwäche unterstellen und der pragmatischen Fraktion des Regimes um Pezeshkian Kompromissfähigkeit bescheinigen.
Diese Geschichten verdienen daher weder blindes Vertrauen noch pauschales Abtun als Erfindung. Näher an der Wahrheit liegt vermutlich eine dritte Lesart: In einem System, das sich aus Angst vor Kontrollverlust in Schweigen hüllt, wird jede Information sofort zur Waffe – auch und gerade etwaige Nachrichten vom nahenden Tod des Mannes an der Spitze.