Künstlerin in der Cancel Culture
Bereits die erste Sequenz setzt den Ton: Mit ihren Tänzerinnen probt Noga Erez die Choreographie einer bevorstehenden Show in Tel Aviv. Aufregung liegt in der Luft. Gleich geht es auf die Bühne. Man habe ihr geraten, verrät die Musikerin, ihren Song »Fire Kites« besser nicht zu spielen, aber sie trägt ihn trotzdem vor. Darin geht es zu düsteren Beats und einer synkopisch vertrackten Hookline um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. »We don’t need bombs, we got fire kites«, lautet der Refrain. Gemeint sind mit Brandsätzen bestückte Spielzeugdrachen, wie sie im Jahr 2018 von Gaza nach Israel flogen. Damit will die Musikerin nach eigenem Bekunden zeigen, wie verfahren der israelisch-palästinensische Konflikt ist und wie makaber sich das für die Jugend auf beiden Seiten der Grenze anfühlt. Der Song stammt aus dem Album »Kids«, das Konzert, das den Film eröffnet, findet im Sommer 2023 im »Barby Club« statt, kurz vor dem Tag, der alles verändert hat.
Noga Erez ist eine der bekanntesten Indie-Künstlerinnen Israels. Geboren 1989, lernte sie früh verschiedene Instrumente und studierte Komposition an der Jerusalem Academy of Music and Dance. Während ihres Wehrdiensts spielte sie in einer Militärkapelle, danach war sie einige Zeit Sängerin in einer Indie-Band und gerade dabei, eine Jazz-Platte aufzunehmen, als sie sich der elektronischen Tanzmusik zuwandte. 2016 veröffentlichte sie im Trio mit ihrem Lebensgefährten, dem Multiinstrumentalisten Ori Rousso, sowie dem Schlagzeuger Ran Jacobovitz unter ihrem Namen die Debütsingle »Dance While You Shoot«. Im Jahr darauf folgte bei dem einflussreichen Berliner Label City Slang das Album »Off the Radar«. Bereits mit der ersten Single-Auskoppelung sorgte sie in Israel für Aufsehen; auch international erregte das Album Aufmerksamkeit; vor allem wegen ihres Gespürs für Rhythmik und abgründige Themen wurde Noga Erez schnell zu den kommenden Stars der globalen Clubmusik gezählt.
Erez ist wie viele israelische Künstler:innen mit einer immer feindlicheren aktivistischen Öffentlichkeit konfrontiert.
Das Markenzeichen der heute 36jährigen Songwriterin, Sängerin und Produzentin ist es, zu schweren Bässen und Dancebeats zwischen entspanntem Singsang und pointiert gerappten Parts hin- und herzuwechseln. Ihre Texte sind persönlich und auf spielerisch Weise politisch und konfrontativ. In Interviews äußert sich Erez seit ihren Anfängen kritisch über die israelische Regierung unter Benjamin Netanyahu und spricht sich für eine Zweistaatenlösung aus. Ebenso entschieden distanziert sie sich von der internationalen BDS-Bewegung, vor allem seit ihr nach missverständlichen Aussagen in einem Interview in Israel vorgeworfen worden ist, dem eigenen Land ablehnend gegenüberzustehen. Immer wieder sagt sie Sätze wie: »Without an army, we would all be dead.«
2021 erschien ihr zweites Album »Kids« mit dem umstrittenen Song »Fire Kite«, 2024 das dritte, »The Vandalist«; sie tourte um die Welt, trat bei Festivals wie dem South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, im dänischen Roskilde oder auf dem deutschen Melt auf, stellte ihre Single »Views« in der US-amerikanischen Late-Night-Show »Jimmy Kimmel Live!« vor und arbeitete unter anderem mit Missy Elliott und Robbie Williams zusammen.
Fünf Jahre Filmarbeiten
In einer Phase, in der weltweit vielleicht nicht alles, aber immerhin eine ganze Menge für die in Tel Aviv lebende Künstlerin möglich schien, setzt der Dokumentarfilm »Noga« der Brüder Benjamin »Benji« und Jono Bergmann ein. Das Duo hat bereits mit dem Film »Wirecard – Die Milliarden-Lüge« (2021) über die Aufdeckung des entsprechenden Finanzskandals von sich Reden gemacht. Nun haben die Brüder die Musikerin über fünf Jahre aus nächster Nähe beobachtet; ihre Kamera mischt sich während der Proben unter die Schar der Tänzerinnen und begleitet die Protagonistin auch während einer persönlichen Krise. Es geht um Spannungen zwischen ihr und ihrem Kollaborateur und Lebensgefährten Rousso sowie um die komplexer werdende kulturpolitische Gemengelage. Erez ist wie viele israelische Künstler:innen mit einer immer feindlicheren aktivistischen Öffentlichkeit konfrontiert. Ungefiltert, so scheint es jedenfalls, werden Telefonkonferenzen mit dem Management eingefangen, selbst wenn tatsächlich delikate Entscheidungen verhandelt und verkündet werden; auch eher intime Momente wie morgendliches Zähneputzen werden gezeigt.
Klugerweise legen die Brüder Bergmann ihren Film weder als lineare Erfolgsgeschichte vom Aufstieg eines Popstars noch als mit Spezialwissen auftrumpfendes Fanvehikel an. Vielmehr versuchen sie, in vielen, nicht immer chronologisch erzählten Momentaufnahmen, die sie in nach Songtiteln benannten Kapiteln anordnen, die Entwicklung einer Ausnahmekünstlerin erfahrbar zu machen. Sie überblenden deren Hoffnungen, Pläne und Entscheidungen mit dem Zeitgeschehen und räumen auch Roussos Sicht auf die Dinge ausreichend Platz ein.
Die Folgen des traumatisierenden Massakers der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg in Gaza bringen auch regierungskritische Künstler:innen aus Israel in eine »Lose-lose-Situation«, wie Erez es beschreibt.
Denn obwohl Erez und Rousso von außen stets als perfektes Paar erscheinen, brodelt es bisweilen heftig. Immer wieder stellt sich die Frage: »Are we okay?« Für eine gewisse Zeit scheint sogar eine Trennung möglich, weil Rousso nach Jahren der Beziehung und der gemeinsamen konzentrierten Arbeit mehr Abstand sucht. Gerade in Phasen der geballten medialen Aufmerksamkeit fragt er sich, ob sein Anteil am gemeinsamen Projekt vielleicht doch nicht ausreichend kommuniziert wird. Erez hingegen scheint bei aller an den Tag gelegten Professionalität und allen Versuchen, sich souverän auf seine Forderungen einzulassen, doch unter der Ungewissheit, ob sie wieder zusammenfinden werden, mehr zu leiden, als sie sich zunächst anmerken lässt.
Dann aber stehen wieder andere Themen im Vordergrund. Während sich das Private zuletzt einvernehmlich und sogar mit Gewinn lösen lässt, gilt das nicht für die Bereiche, in denen sich persönliche Karriereplanungen und politische Entwicklungen überlagern. Die Folgen des traumatisierenden Massakers der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg in Gaza bringen auch regierungskritische Künstler:innen aus Israel in eine »Lose-lose-Situation«, wie Erez es beschreibt. Sich häufende Ausladungen von Festivals und Konzerten, für die sie bereits gebucht oder im Gespräch gewesen sei, machen ihr ebenso zu schaffen wie immer krassere Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen in sozialen Medien. Wie damit umzugehen ist, kann weder der Film noch seine Protagonistin abschließend beantworten. Klar ist nur, dass es nicht in Frage kommt, aufzugeben.
Eine Zeitlang verlagern Erez und Rousso den Schwerpunkt ihrer Arbeit zurück nach Israel. Denn auch hier werden weiterhin euphorisierende Musik und kritische Stimmen benötigt. So wird einer der Höhepunkte des Films ein Clubkonzert in Tel Aviv, bei dem Erez zur Eröffnung verkünden kann, dass es weltweit übertragen werde. Besonders, ergänzt sie, freue sie sich darüber, so auch viele Fans im Iran zu erreichen. Dafür erhält sie langanhaltenden Applaus.
Noga (Deutschland/Israel/Österreich/USA 2026). Drehbuch und Regie: Jono und Benji Bergmann. Mit Noga Erez, Ori Rousso. Filmstart: 12. August