Jungle+ Artikel 13.08.2026
Die Zeitungskolumnen von George Orwell

Leser ärgern

Die Wahrheit auszusprechen, das war George Orwell das Wichtigste. Ein Band, der die Zeitungskolumnen des englischen Schriftstellers nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung präsentiert, gibt einen Eindruck davon, wie er diesem Anspruch in der alltäglichen Arbeit zu entsprechen versuchte.

Ein Journalist ist jemand, »der nachher alles vorher gewußt hat«, schrieb Karl Kraus einmal. Dass das auch ganz anders zugehen und wie ein solcher konsequenter, unbequemer Journalismus dann aussehen kann, das lässt sich etwa anhand von »As I Please« (»Wie es mir gefällt«) studieren. So hieß eine Kolumne, die wöchentlich in der linken britischen Zeitung Tribune erschien, verfasst von jemandem, der, so der damalige Herausgeber, jede Woche mit der festen Absicht in die Redaktion zu kommen schien, »so viele Leser wie möglich zu ärgern«. Der Name ihres Autors ist in aller Munde, aber der größere Teil seines Werks – Essays, Reportagen und journalistische Arbeiten – ist hierzulande weitgehend unbekannt geblieben: Als Journalist ist George Orwell erst noch zu entdecken. »Zeilen der Zeit« gibt nun Anlass dazu: Der kürzlich erschienene Band macht seine Kolumnen zum ersten Mal auf Deutsch zugänglich.

Orwell schrieb diese von 1943 bis 1947, nachdem er, frustriert von Zensur und Zeitverlust, seinen Posten bei der BBC gekündigt hatte. Es sind wöchentliche Interventionen, die den Autor als Kritiker im Handgemenge zeigen: als scharfsichtigen Beobachter des kriegsgeprägten britischen Alltags, der soziale Veränderungen und die ideologischen Kämpfe der Zeit ernst und mit beißendem Witz analysiert – immer unabhängig. In vielem von dem, was Orwell hier an alltäglichem Material entfaltet, lässt sich denn auch der reale Hintergrund sowohl von »Animal Farm« (erschienen 1945) als auch »1984« (1949) erkennen. So wird greifbar, wie Orwell in diesen fiktionalen Werken die Erfahrung der Gegenwart verarbeitete, um sie, zur Kenntlichkeit entstellt, vor Augen zu führen.

Wahrheit ist für Orwell nichts Abstraktes oder Subjektives, das man nach Belieben formen oder ignorieren kann, sondern etwas Konkretes, das außerhalb des Einzelnen existiert.

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