13.08.2026
Soziale Herkunft im Journalismus

»Medienhäuser sollten über Quoten für Arbeiterkinder nachdenken«

Nach­wuchs­jour­na­list:in­nen in Deutschland stammen überproportional häufig aus akademischen Elternhäusern. Über die Ergebnisse der neuen Studie »Klassismus im Journalismus« und den Einfluss sozialer Herkunft auf journalistische Karrierewege sprach die Jungle World mit der Co-Autorin Tanja Köhler, Professorin für digitalen Journalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Wie gut ist die soziale Herkunft von Jour­na­list:in­nen untersucht?

Schon in den siebziger und achtziger Jahren zeigte sich eine deutliche soziale Schieflage: Jour­na­list:in­nen stammten überwiegend aus der Mittel- und Oberschicht, Menschen aus Arbeiterfamilien waren stark unterrepräsentiert. In den folgenden Jahrzehnten ließ das Forschungsinteresse jedoch nach. Man glaubte, durch Bildungsexpansion werde sich das Problem von selbst lösen.

Sie sprechen in Ihrer Studie von einer »doppelten Bildungsselektion«. Was meinen Sie damit?

Unsere Ergebnisse zeigen eine Selektion auf zwei Ebenen. Fast der gesamte von uns untersuchte journalistische Nachwuchs hat Abitur. Zudem haben mehr als 90 Prozent der Vo­lon­tär:in­nen und Jour­na­lis­tensc­hü­ler:in­nen eine Hochschule besucht. Das ist relevant, weil Bildungschancen in Deutschland stark vom Elternhaus abhängen. Von 100 Akademikerkindern nehmen 78 ein Studium auf. Hat kein Elternteil einen Hochschulabschluss, sind es nur 25. Hat kein Elternteil eine Berufsausbildung, sind es sogar nur acht. Damit setzt sich die soziale Selektivität des Bildungssystems bis in den Journalismus fort.

Soziale Herkunft prägt unseren Blick auf die Gesellschaft. Welche Themen Redaktionen wichtig finden und wie sie darüber berichten, kann auch mit den Erfahrungen der Menschen zusammenhängen, die dort arbeiten. 

Auf welche Hürden treffen junge Menschen aus nichtakademischen Elternhäusern?

Es gibt nicht die eine Hürde, sondern eine ganze Kette von Nachteilen. Unsere Studie zeigt: Nach­wuchs­jour­na­list:in­nen aus nichtakademischen Familien verfügen seltener über hilfreiche Netzwerke und können seltener auf finanzielle Unterstützung ihrer Eltern zurückgreifen. Das kann sich auch auf den Zugang zu Volontariaten und Journalistenschulen auswirken. Häufig braucht es dafür bereits erste praktische Erfahrungen. Praktika sind aber teilweise schlecht oder gar nicht bezahlt. Wer sich das nicht leisten kann, kann im Bewerbungsverfahren schlechtere Karten haben. Hinzu kommen subtilere Mechanismen. In Auswahlgesprächen können soziale Ähnlichkeiten eine Rolle spielen, etwa ein bildungsbürgerlicher Habitus. Wenn man nicht aus einem bildungsbürgerlichen Umfeld stammt, kann man bei bestimmten Fragen Probleme haben.

Welche Folgen haben akademisch zusammengesetzte Redaktionen für die Berichterstattung?

Soziale Herkunft prägt unseren Blick auf die Gesellschaft. Welche Themen Redaktionen wichtig finden und wie sie darüber berichten, kann auch mit den Erfahrungen der Menschen zusammenhängen, die dort arbeiten. Sind Redaktionen sozial sehr homogen, können bestimmte Lebenswelten leichter aus dem Blick geraten. Das ist auch für das Verhältnis von Medien und Publikum relevant. Andere Untersuchungen zeigen, dass mit niedrigerem Bildungsniveau das Vertrauen in Medien tendenziell sinkt. Es geht also nicht nur um einen gerechteren Zugang zum Journalismus, sondern auch um mehr Perspektivenvielfalt in der Berichterstattung.

Was sollte sich ändern?

Praktika und freie Arbeit müssen ausreichend vergütet werden. Stipendien, Mentoring und Förderprogramme für sozial weniger privilegierte Zielgruppen sollten ausgebaut werden. Auch über Quoten für Arbeiterkinder sollten Medienhäuser nachdenken. Denn strukturelle Benachteiligung verschwindet nicht allein dadurch, dass man sich zu Diversität bekennt.