Sommer ohne Menschen
Vielleicht wäre das derzeitige Wetter aushaltbarer, wenn es sich im sozusagen menschenleeren Raum abspielen würde. Also ohne Leute, die nach Schweiß stinken (und, natürlich, gleichzeitig sehr ausgeprägte Meinungen zu Themen wie regelmäßiges Duschen und Deodorants haben), auf schweißnassem Handgeben zur Begrüßung und zum Abschied bestehen, keine eigenen Getränke mit sich führen und einem deswegen vorausschauend eingepackte Wasserflaschen entreißen und leertrinken, und so weiter und so fort.
Apropos Klimaanlage oder auch nur Ventilatoren: Die sind nur was für Feiglinge und politisch Verkommene, natürlich.
Fast noch schlimmer als die Stinker und Stinkerinnen sind allerdings diejenigen, die betonen, dass sie ganz wunderbar mit der Hitze zurechtkämen. Beziehungsweise dass es ihnen gar nicht warm genug sein könne, wobei in ihren elaborierten Schilderungen der eigenen Wärmeresistenz immer ein wenig moralische Überlegenheit mitschwingt. Weil sie sich irgendwie zum Globalen Süden zugehörig fühlen oder so, genau bekommt man das meistens aber nicht mit, weil es viel zu heiß ist, um sich Stuss anzuhören. Macht aber auch nix, der Mann mit dem hochroten, schweißnassen Gesicht hat ohnehin genug ehrfürchtig lauschende Zuhörer um sich versammelt, denen er ausführlich von Joggingtouren in der Mittagshitze und ähnlichem Unfug berichten kann. Und von seinem herrlichen Sommerleben in der Dachgeschosswohnung ohne Klimaanlage, plus Tagesausflügen, sprich Wanderungen durch Gegenden, in denen weit und breit kein See zum Abkühlen zu finden ist, natürlich. Apropos Klimaanlage oder auch nur Ventilatoren: Die sind nur was für Feiglinge und politisch Verkommene, natürlich.
Und irgendwann trifft man den Hitzeliebhaber dann im Supermarkt, wo er sich versonnen die Hände in der Truhe mit dem gefrorenen Gemüse kühlt, was er aber ganz schnell seinlässt, wenn er einen sieht. »Boah, ist das kalt hier«, wird er dann sagen, und dass er es gar nicht abwarten kann, seine Einkäufe erledigt zu haben und endlich wieder rauszugehen. »Zu warm? Blödsinn, sind doch grad mal 40 Grad, da lebe ich erst so richtig auf.« Und man nickt dann bloß und geht schwer bepackt nach Hause und stellt die Klimaanlage an, oder den Ventilator, und so schlecht ist dieser Sommer tatsächlich nicht.