»Das Regime schafft gezielt ein Klima der Angst«
Sie sind im kurdisch besiedelten Gebiet im Westen des Iran geboren. Wie war es für Sie als Frau und als Kurdin, unter diesem Regime aufzuwachsen?
Ich habe dort bis zum Abschluss meines Studiums gelebt. Kurd:innen standen schon immer unter dem repressiven Druck der iranischen Zentralregierung und wurden systematisch ökonomisch, politisch und gesellschaftlich benachteiligt. Meine Eltern sind daher wie viele andere kurdische Familien in Städte wie Teheran und Karaj gezogen, um der Armut in der kurdischen Region zu entkommen. Auch ich war gezwungen, für mein Studium nach Tabriz zu gehen, da es in den kurdischen Städten keine einzige Technische Fakultät gibt.
Wie präsent war der antikurdische Rassismus?
Als kurdische Frau war die erste Frage, die einem in Universitäten gestellt wurde: »Hast du auch ein Messer?« In der iranischen Gesellschaft dominiert ein negatives Bild von Kurden: »Der Kurde« sei ungebildet und gewalttätig und müsse erst mit Hilfe der persischen Kultur zivilisiert werden. Die kurdische Frau wird oft als machtlos und untergeordnet angesehen.
»Das Regime wirft uns ›Terrorismus‹ vor. Mit diesen Vorwürfen wurde eine Liste an Interpol übermittelt, verbunden mit der Aufforderung zur Auslieferung.«
Sie haben den Verein Hengaw mitgegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, »Menschenrechtsverletzungen in Kurdistan und ganz Iran« zu dokumentieren. Wie kam es dazu?
Schon als kleines Kind auf dem Weg zwischen Teheran und den kurdischen Regionen des Iran hatte ich das Gefühl der Heimatlosigkeit. Mein Traum war, dass ein Staat Kurdistan eines Tages stark genug sein würde, um alle Kurden aufzunehmen. Ich wurde dahingehend politisch aktiv, weswegen ich meine Heimat verlassen musste und nach Erbil zog, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Dort machte ich mich mit journalistischer Arbeit und der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen vertraut und beobachtete, wie die persische Opposition kurdischen Stimmen oft ähnlich ablehnend begegnete wie die Regierung. Mein Lebenspartner und ich beschlossen daher, Menschenrechtsverletzungen gegen die kurdische Bevölkerung zu dokumentieren und zu veröffentlichen.
Was waren Ihre Beweggründe?
Die Menschen in den kurdischen Regionen ermutigten uns sehr. Wir bauten Kontakte zu Gefängnissen in verschiedenen kurdischen Städten im Iran auf. Wenn ein kurdischer politischer Gefangener, der 24 Jahre inhaftiert war, mitbekam, dass sein Fall wieder Aufmerksamkeit erhielt, war das für uns sehr bedeutsam.
Hengaw besteht nun seit zehn Jahren und die ehrenamtliche Dokumentation der ständigen Nachrichten über Mord, Verhaftungen und Hinrichtungen zehrt sehr an uns. Dennoch machen wir weiter.
Wie sieht die Arbeit von Hengaw konkret aus?
Das iranische Regime betrachtet uns als Feinde, allein weil wir über täglich stattfindende Menschenrechtsverletzungen berichten. Deshalb haben wir in verschiedenen Städten ein verdecktes Netzwerk aufgebaut, um für jede Nachricht mindestens zwei Quellen finden zu können. Diese Quellen dürfen einander oft nicht kennen, um sich nicht selbst zu gefährden. Wir erhalten Nachrichten aus Gefängnissen, aus der Bevölkerung und der Gesellschaft, überprüfen sie und veröffentlichen sie. Monatlich und jährlich erscheinen Sonderstatistiken zu Hinrichtungen, Todesurteilen, Inhaftierungen sowie zu Themen rund um Kinder und Frauen, stets mit besonderem Fokus auf ethnische und religiöse Diskriminierung.
Welche Folgen hat das für Sie persönlich?
Wir stehen ständig unter Bedrohung durch das iranische Regime, weshalb wir gezwungen waren, die Autonome Region Kurdistan im Irak zu verlassen. Der Iran stellt Hengaw als Israel nahestehende Organisation dar und beschuldigt uns der Zusammenarbeit mit dem Mossad, dabei dokumentieren wir ausschließlich Menschenrechtsverletzungen. Wer uns hilft, riskiert seine eigene Verhaftung und Anklage wegen Zusammenarbeit mit dem Mossad, was sogar mit der Todesstrafe geahndet werden kann.
Wir stehen ständig unter Bedrohung durch das iranische Regime, weshalb wir gezwungen waren, die Autonome Region Kurdistan im Irak zu verlassen.
Anfang Juli hat das Regime eine Liste mit 37 Namen veröffentlicht, darunter der von Arslan, dem Mitgründer von Hengaw, sowie mein eigener. Das Regime wirft uns »Terrorismus« vor. Mit diesen Vorwürfen wurde die Liste an Interpol übermittelt, verbunden mit der Aufforderung zur Auslieferung.
Wie ist die Lage im Iran, besonders in den kurdischen Regionen?
Sie ist schlimmer, als ich es je zuvor erlebt habe. Die Zahl der Hinrichtungen ist auf ihrem höchsten Stand. Die Menschen haben wegen des Kriegs große Angst, beschuldigt zu werden, mit dem Mossad zusammenzuarbeiten. Die Wirtschaft ist am Rande des Zusammenbruchs, viele Menschen haben durch den Krieg ihre Arbeit verloren, Frauen sind von der Repression besonders stark betroffen. Die Hinrichtungen haben ein Ausmaß erreicht, das die gesamte Bevölkerung in Furcht vor jedem noch so kleinen Protest versetzt. Das Regime schafft gezielt ein Klima der Angst.
Wie kam es zu Ihrer zweiten Auswanderung, diesmal nach Deutschland?
Mein Leben in der Autonomen Region Kurdistan im Irak war sehr schön, ich war zufrieden und hatte dort meine zweite Heimat gefunden. Diese erneute Auswanderung vor zwei Jahren war für mich daher sehr schwer. Die Bedrohungen durch das iranische Regime hatten ein Niveau erreicht, auf dem ein normales Leben schlicht nicht mehr möglich war, kein unbeschwertes Treffen mit Freunden, keine Sicherheit. Am Ende blieb uns nur die Flucht. Ein neues Land, eine neue Sprache, neue Menschen, die die Schwierigkeiten deines Lebens als Kurde nicht verstehen – das war sehr belastend. Aber ich kann leben und meine Arbeit fortsetzen. Dass es ein Land gibt, das dich willkommen heißt und in dem du deine Träume verwirklichen kannst, verdient großen Respekt.
Mein Leben in der Autonomen Region Kurdistan im Irak war sehr schön, ich war zufrieden und hatte dort meine zweite Heimat gefunden. Diese erneute Auswanderung vor zwei Jahren war für mich daher sehr schwer.
Wie waren Ihre ersten Monate in Deutschland?
Die Bedrohungen durch die Islamische Republik blieben akut, und es kamen Angriffe durch die monarchistische iranische Opposition hinzu. Anhänger des Sohns des ehemaligen Schahs, Reza Pahlavi, verbreiteten in den sozialen Medien Fotos von uns, bezeichneten uns als Terroristen und forderten den deutschen Staat auf, uns abzuschieben. Als wir noch in der Geflüchtetenunterkunft lebten und ein Foto von uns mit Annalena Baerbock bei einer Veranstaltung der privaten Bildungsinitiative German Dream kursierte, behaupteten sie, Hengaw habe enge Verbindungen zum deutschen Außenministerium, und das sei der Grund, weshalb Reza Pahlavi nicht von diesem Ministerium oder überhaupt nach Deutschland eingeladen werde. In der Unterkunft suchten sie gezielt die Konfrontation mit uns. Wir waren gezwungen, die Unterkunft selten aufzusuchen und schließlich sogar die Stadt zu verlassen, um in Sicherheit zu kommen. Bis heute gehen wir kaum zu Demonstrationen, und wenn doch, nehmen wir anonym teil.
Wie sehen Sie dabei Ihre Rolle als Kurdin im Exil?
Wir Kurd:innen befinden uns selbst im Exil nicht nur im Kampf mit der Islamischen Republik Iran. Teile der iranischen Opposition, die vorgeben, gegen das Regime zu kämpfen, setzen Kurd:innen im Exil ähnlich unter Druck. Sie wollen uns diktieren, was wir zu sagen haben, leugnen die kurdische Identität und verunglimpfen jeden, der für Minderheitenrechte eintritt, als Separatisten. Wer versucht, dich zum Schweigen zu bringen, kann kein Verbündeter sein.
Wie sehen Sie in die Zukunft?
Das, womit wir täglich konfrontiert werden, ist sehr schwer zu bewältigen. Ich hatte Kontakt zu vielen politischen Gefangenen, die kurz vor ihrer Hinrichtung standen, aber trotzdem nicht hoffnungslos waren. Deshalb kann auch ich es nicht übers Herz bringen, hoffnungslos zu sein. Solange den Kurd:innen und anderen ihre Menschenrechte und ein menschenwürdiges Leben verwehrt werden, werden wir jedenfalls weitermachen.