Der analoge Mann
Letztens in Kraków. Unsere Freundin Dominika schleppt Julia und mich zu ihrem Lieblingsveganer »No Bones« in einem lauschigen Hinterhaus. Wir sitzen draußen im Schatten. Jede Hardcore-Band scheint auf Stippvisite in Kraków schon mal hier gewesen zu sein. Die Wände sind übersät mit Stickern. Dann die Überraschung. Auf der Karte findet sich kein Salat und auch nichts, was überwiegend aus Gemüse besteht. Wir wählen ein Currygericht mit Reis, viel Soße und frittiertem Fleischersatz. Mir schmeckt es, Julia nicht. Sie will sich gesund ernähren. Und gesund ist nun mal eine Ernährung, die zu 70 Prozent aus Gemüse besteht. Frischem Gemüse! Das Restaurant ist eher ein veganer Schnellimbiss.
Zu Hause koche ich für Julia und mich und verarbeite dabei täglich einen richtigen kleinen Berg von Frischgemüse.
Nun ist es auf Reisen sowieso nicht leicht, sich gesund zu ernähren. Restaurants bieten selten reine Gemüsegerichte an. Ich vermute, weil es kaum Nachfrage gibt und weil die Gewinnspanne zu niedrig ist. Fleischgerichte sind ja immer teurer. Julia und ich mieten deshalb immer Appartements mit Kochnische, weil wir dann morgens unser eigenes Frühstück zubereiten und uns zwischendurch auch mal einen Salat machen können. Wenn wir dann mit Freunden und Bekannten unterwegs sind, ist es okay, in den Restaurants ausnahmsweise nicht so gesund zu essen. Wer bestellt sich schon im Brauhaus den einzigen Salat auf der Karte?
Von einem veganen Restaurant erwarte ich allerdings etwas mehr. Gesundes Essen, das überwiegend aus Gemüse besteht. Zu Hause koche ich für Julia und mich und verarbeite dabei täglich einen richtigen kleinen Berg von Frischgemüse. Vielleicht ist das Essen in dem Krakówer Restaurant inzwischen das normale Vegan. Ich kenne mich da nicht aus. Ich bin auch kein Veganer, noch nicht mal Vegetarier. Ich kaufe kein Fleisch und bestelle kein Fleisch, mache allerdings Ausnahmen. Wenn ich eingeladen werde, esse ich, was auf dem Teller ist, weil es praktischer und auch höflicher ist. So halte ich es auch mit dem Alkohol. Ich bin überwiegend abstinent, trinke aber gelegentlich etwas. Allerdings nur sehr gelegentlich. Da Alkohol überall angeboten wird, sage ich fast immer nein.
Am folgenden Tag führt Dominika uns in die Salatbar »Chimera«. Schon als Kind war Dominika mit ihrer Mutter in dem Selbstbedienungsrestaurant. Es atmet noch uralte sozialistische Luft, ist aber trotzdem sehr gemütlich eingerichtet. Ein Pianist spielt im Hinterzimmer. Das Beste: Es gibt viel Gemüse und es ist billig! Und sehr lecker! So soll es sein. Ich bin versöhnt mit der Restaurant-Welt. Am nächsten Tag gehen wir gleich nochmal ins »Chimera«.