Die Zombie-Linke
Es hat etwas von einem absurden Theaterstück. Die sozioökologische Weltkrise des Kapitals tritt in den kapitalistischen Zentren in ihr manifestes Stadium, während die etablierte Linke sich in verbissener Krisenignoranz und Populismus verliert. Es ist schon fast beeindruckend, unter welch absurden Hirnverrenkungen man es immer noch schafft, sich dieser Krisenevidenz zu entziehen.
Europa durchlitt im Juli eine historische Hitzewelle, die Tageshöchsttemperaturen in Deutschland stiegen auf Werte von mehr als 40 Grad. Die Klimakrise, befeuert vom Verwertungszwang des Kapitals, ist gerade dabei, in eine Klimakatastrophe umzuschlagen. Ein Ende des Wachstumswahns, in dem sich der Verwertungszwang ideologisch ausdrückt, wird schlicht überlebensnotwendig. Und die neue Witzfigur an der Spitze der Linkspartei, Luigi Pantisano, forderte die Einrichtung neuer kostenloser Badestellen, da diese nicht »zum Luxusgut« werden dürften; nur hilft das wenig, wenn die Flüsse kaum mehr Wasser führen.
Die Traditionslinke personifiziert das irrationale Kapitalverhältnis zum Wirken einer Gruppe von Weltbösewichten.
Pantisanos Kollegin im Parteivorsitz, die notorisch sozialdemokratische ehemalige Jacobin-Redakteurin Ines Schwerdtner, plädierte angesichts historischer Dürren, austrocknender Flüsse und kommender Nahrungsmittelkrisen immerhin für besseren Hitzeschutz, um für den »nächsten Hitzesommer« gerüstet zu sein. Es brauche Investitionen in Infrastruktur, Hitzepläne für Schulen und Krankenhäuser sowie einen besseren Arbeitsschutz, bei dem die »Arbeitgeber in die Pflicht genommen« werden müssten. Diese sollten für mehrere Pausen und ausreichend Trinkwasser sorgen, meinte Schwerdtner. Da taucht er wieder auf aus der historischen Versenkung, der sozialdemokratisch gewendete Lenin’sche Kampf ums Teewasser: als Satire, aufgeführt von jenen Mittelschichtsschnöseln mit Proletentick, die tonangebend in der Partei sind. Selbstverständlich könnten solche Maßnahmen sinnvoll sein, doch ihnen allen ist gemeinsam, dass sie nur an den Folgen der Klimakrise herumdoktern, während die systemische Ursache, der Verwertungszwang des Kapitals, verbissen ausgeklammert wird.
Krisenblindheit der Traditionslinken
Was ist die Ursache der Krisenblindheit der Traditionslinken, die ja nicht nur die linken Debatten übers Klima und nicht nur die der Linkspartei, sondern auch das wachsende autoritär-leninistische Milieu prägt? Da ist vor allem der Krisenopportunismus zu nennen, also das Bemühen der Seilschaften der Linkspartei, in der öffentlichen oder staatlichen Krisenverwaltung unterzukommen. Hierzu muss radikale Krisentheorie ignoriert oder marginalisiert werden. Denn mit radikalem Krisenbewusstsein landet man nun mal weder in Talkshows noch in Koalitionsverhandlungen. Die Systemfrage zu einer Verteilungsfrage umzudeklarieren, eröffnet schlicht Karrierewege im Politikbetrieb. Der Opportunismus, der von der allgemeinen Tendenz zur staatlichen Krisenverwaltung zu profitieren hofft, ist ein stumpfsinniger, inzwischen hegemonialer Populismus. Dem Volk wird aufs Maul geschaut, um sich zum Vertreter der Interessen des »kleinen Mannes« zu erklären. Das ist der Irrweg des Populismus, der sich an der kulturindustriell und identitär geformten »Volksmeinung« orientiert, also am falschen ideologischen Schein der Gesellschaft, anstatt diesen falschen Schein mit der harten, unbequemen Krisenrealität zu konfrontieren.
Dieser populistische Stumpfsinn, der niemals systemoppositionell agieren kann, amalgamiert mit den ideologischen Zerfallsprodukten des Traditionsmarxismus, bringt so eine besonders rohe Form verkürzter, rechtsoffener Kapitalismuskritik hervor. Der innere Widerspruch des Kapitals, das sich mit der Lohnarbeit seiner eigenen Substanz entledigt, wird komplett ignoriert, um sich im Klassenkampffetisch, in Proletarierfolklore und einer neoleninistischen Schnitzeljagd nach »Interessen« zu verlieren. Die Traditionslinke personifiziert das irrationale Kapitalverhältnis zum Wirken einer Gruppe von Weltbösewichten, und alle Krisen werden so simplifiziert, als wären sie das Ergebnis der Interessen irgendwelcher Machtgruppen. Das ist nicht nur kompatibel mit der faschistischen Sündenbocksuche, es befördert in der Krise auch den Antisemitismus. Mitunter kann ein regelrechter, auf Israel fokussierter Erlösungsantisemitismus konstatiert werden, der halluziniert, dass die Auslöschung des jüdischen Staates die Voraussetzung für das Überleben der Menschheit sei.
Unter falscher Unmittelbarkeit ist die Tendenz sozialer Bewegungen zu verstehen, unbewusst in Denkformen zu verharren, die den sozialen Zuständen und Widersprüchen entsprechen, gegen die sie sich eigentlich richten.
Abgesehen von der schlichten Blödheit dieses regressiven Milieus, die vermeintliche Allmacht der »Herrschenden« zu beklagen, während die Klimakrise mehr und mehr die Kapitalverwertung beeinträchtigt und Milliardäre panisch ihre Endzeitbunker errichten, gibt es noch einen ideologischen Faktor, der in der manifesten Systemkrise der Selbstauflösung der Traditionslinken Vorschub leistet. Es ist die falsche Unmittelbarkeit der konkreten Forderungen, die sich unmittelbar aus den sozialen Folgen der dynamischen Krise ergeben: Arbeitsplätze sichern, Sozialstaat verteidigen etc. Und eben dies ist illusorisch. Die Uhren können nicht zurückgedreht werden, um wieder im Wirtschaftswunderland oder in der Sowjetunion zu landen. Unter falscher Unmittelbarkeit ist somit die Tendenz sozialer Bewegungen zu verstehen, unbewusst in Denkformen zu verharren, die den sozialen Zuständen und Widersprüchen entsprechen, gegen die sie sich eigentlich richten. Zu überwinden wäre diese falsche Unmittelbarkeit nur durch Vermittlung der Praxis mit radikaler Krisentheorie.
Im Spätwerk »Land of the Dead« (2005) von George A. Romero, dem Altmeister des Zombie-Films, gibt es eine prophetische Szene: Die Untoten gehen weiterhin ihrer alltäglichen Beschäftigung, ihrer Arbeit nach. Sie geben vor, lebendig zu sein, ohne dass ihre Tätigkeiten noch einen Sinn ergeben. Diese Szene ist das perfekte Bild für den gegenwärtigen linken Geisteszustand. Die Krise, falls sie wahrgenommen wird, ist dort nur etwas, das die alten, unveränderten Postulate nach sich zieht: Sozialstaatsnostalgie, Verklärung des in Auflösung übergehenden variablen Kapitals (»Proletariat«) zum revolutionären Subjekt, platte Bonzenkritik. Während das Kapital in seiner Agonie die Zivilisationsgrundlagen zerstört, übt sich die Zombie-Linke in einer realitätsfernen Identitätspolitik, gerade weil sie in dem nun einsetzenden Transformationsprozess selber substanzlos, konservativ oder gar reaktionär geworden ist.
Hier geht diese Zombie-Linke ganz in der ideologischen Gesamtbewegung der Länder des spätkapitalistischen Zentrums auf. Aus Angst vor Identitätsverlust – das heißt: vor dem Verlust dessen, wozu das Kapital die Menschen mittels Sozialisation zugerichtet hat – scheint selbst der erste Schritt zu einem emanzipatorischen Kampf um den Verlauf der anstehenden Systemtransformation unmöglich: zu sagen, was Sache ist. Sollte das kollabierende Kapital nicht emanzipatorisch überwunden werden, wird die Menschheit in faschistischer Barbarei versinken.