20.08.2026
Sorge ums Humankapital

Herumlaborieren am Humankapital

Länger arbeiten und dabei weniger krank sein – so sollen die Arbeiter:innen die Wirtschaftskrise überwinden, wenn es nach der Bundesregierung und Kapitalvertreter:innen geht. Letztere treibt dabei jedoch noch ein viel gravierenderes Problem um: Es gibt immer weniger Arbeiter:innen.

Beim großen deutschen Charaktermaskenball mit dem Veranstaltungsmotto »Mehr Ausbeutung wagen« gibt es eine Bühne, auf der Hinz und Kunzin zum uralten Beat der Galeerensklaventrommel ihren Kommentar zum Herzensanliegen der versammelten Produktionsmittelbesitzer ins Mikrophon grölen können: Das Humankapital sei frech und faul geworden, meldete sich zu oft krank, und man müsse es nun endlich wieder an eine kürzere Leine nehmen. Zuletzt hatte sich etwa Nikolas Stihl, der Leiter des seinen Familiennamen tragenden Kettensägenkonzerns, vorgedrängt und verlangt, die in Teilen der Metallindustrie tariflich vereinbarte 35-Stunden-Woche solle auf 40 Stunden ausgedehnt werden, natürlich ohne Lohnausgleich.

Die Industriebosse, Boulevardmedien und Politiker, die nun als Gefängniswärterchor fordern, die Insassen des Knast namens Weltkapitalismus müssten mehr arbeiten und dabei weniger verdienen, stehen in einer erhellenden Tradition, denn schon ihre Vorgänger in der Weimarer Republik und später im Nationalsozialismus taten alles, um die aus Schiss vor Revolution und Sowjetunion eingeführten Arbeitszeitverkürzungen rückgängig zu machen und, im Falle der Nazis, die Arbeitszeiten erheblich auszuweiten. Und sie stehen auf verlorenem Posten, denn wenn eine nationale Industrie über Jahrzehnte meint, sie könne globale technologische Trends ignorieren und die aus der Regierungswirken des Hartz-IV-Kanzlers Gerhard Schröders (SPD) resultierenden Überprofite lachend in die Taschen von Aktionären statt in Innovation und Investitionen zu stecken, wird kein weiteres Lohndumping den angerichteten Langzeitschaden wieder reparieren können.

Wie das Online-Magazin Makroskop anhand von ­Daten der Deutschen Bundesbank berechnet hat, stieg hierzulande die Produktivität der von Menschen verrichteten Arbeit zwischen 1960 und 2024 um 344 Prozent. Die Löhne stiegen im selben Zeitraum nur um 190 Prozent.

Der Wirtschaftsforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) drückte es in der »Tagesschau« so aus: »Wir sind in einer Erneuerungskrise. Das Problem ist, dass uns unsere Geschäftsmodelle abhanden gekommen sind. Die cash cows, etwa der Verbrennungsmotor, ziehen nicht mehr.« Lohnsenkungen seien eine »Kapitulation«. Stattdessen brauche Deutschland »hohe Produktivität und eine neue Industrialisierung«. Apropos Produktivität: Wie das Online-Magazin Makroskop anhand von ­Daten der Deutschen Bundesbank berechnet hat, stieg hierzulande die Produktivität der von Menschen verrichteten Arbeit zwischen 1960 und 2024 um 344 Prozent. Die Löhne stiegen im selben Zeitraum nur um 190 Prozent. Wenn die deutsche Industrie nun, da die Produktivitätszuwächse immer kleiner werden, fordert, ausge­rechnet die Arbeiter:innen müssten gefälligst die Gürtel enger schnallen, ist das von atemberaubender Frechheit.

Den alternden Gesellschaften gehen die Arbeitskräfte aus

Wäre die deutsche Regierung zu mehr fähig als zur Hetze gegen angeblich zu faule Arbeitnehmer, wüsste sie, dass das Phänomen global ist und mit der Demographie zusammenhängt. Japan ist hier der Extremfall, denn der Wirtschaftsgroßmacht, von der man in den achtziger Jahren annahm, sie werde ökonomisch bald die ganze Welt dominieren, gehen seit eben jenen achtziger Jahren zusehends die Arbeitskräfte aus: Die alternde Gesellschaft bringt nicht ausreichend Nachwuchs hervor und Einwanderung gibt es kaum. ­In China, das Japan als vermeintlich unaufhaltsamer neuer wirtschaftlicher Weltherrscher abgelöst hat, haben Jahrzehnte der Ein-Kind-Politik zu einer Angebotskrise auf dem Arbeitsmarkt beigetragen. Zu beobachten ist das Phänomen allerdings in allen indus­trialisierten Staaten und immer deutlicher auch in ärmeren Ländern in Nahost, Lateinamerika oder Asien (nur in Afrika vollzieht sich der Trend zu weniger Kindern langsamer). Selbst Postfaschisten wie die italienische Regierung unter Giorgia Meloni können nicht anders, als klammheimlich nach Zuwanderern zu suchen, die das Defizit an Arbeitskräften ausgleichen sollen.
Gehen den Firmen jedoch die Arbeitnehmer:innen aus, haben Letztere mehr Macht. Ein Beispiel aus Österreich: Hoteliers sehen sich immer öfter dazu gezwungen, ihren Mitarbeiter:innen menschenwürdige Unterkünfte statt Mehrpersonenschlafsäle zur Verfügung zu stellen. Denn die, die das nicht machen, finden kein Personal mehr, zumindest kein motiviertes.

Das ist der Hintergrund der Hetze gegen »faule« neue Generationen, die zu viel work-life balance wollen, statt sich an der Maloche zu ergötzen.

Das ist der Hintergrund der Hetze gegen »faule« neue Generationen, die zu viel work-life balance wollen, statt sich an der Maloche zu ergötzen, und daher rühren überall auf der Welt eine neue Besessenheit von »pronatalistischer« Politik, die Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen und das Vorgehen gegen Schwangerschaftsabbruch. Darum die Investitionen in Automatisierung und Robotik in Ländern wie China oder der lächerliche Versuch Elon Musks, mit humanoiden Robotern eine neue Sklavenkaste zu erschaffen. Und deshalb die immer lauter werdenden Forderungen von Seiten der AfD und ihrer Gesinnungsgenossen nach staatlichem Arbeitszwang, erst mal nur für Asylbewerber und alle, die von Staatshilfe abhängig sind.

Nach hinten losgehen dürften die Versuche der Bundesregierung, den Krankenstand dadurch zu verringern, dass das Krankschreiben erschwert wird. Die Arbeitskraftverkäufer werden nämlich nicht nur weniger, ihre Träger werden auch fragiler. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Medizinischen Hochschule Hannover, in der die Gesundheit Erwerbstätiger in Niedersachsen zwischen 2005 und 2018 untersucht wurde, zeigte, dass vor allem Lohnabhängige zwischen 18 und 44 Jahren viel häufiger und schwerer erkranken, als es bei Vorgängergenerationen üblich war. Sehr häufig handelt es sich um Erkrankungen des Bewegungsapparats, also von Muskeln, Rücken, und Gelenken, sowie um neurologische und, seltener, psychiatrische Probleme. Die Gründe dafür dürften unter anderem in zunehmender Arbeitsverdichtung liegen. Diejenigen, die gegen angeblich faule und krankfeiernde Arbeiter:innen polemisieren, haben die Arbeitsbedingungen geschaffen, die für tatsächliche Erkrankungen der weniger werdenden Arbeitskräfte sorgen.