Mann der harten Worte
»Ich bin konservativ. Und das ist auch gut so.« Das mutige Bekenntnis des Kandidaten für den Posten des Berliner Regierenden Bürgermeisters, Stefan Evers, das auf seinem Wahlkampfplakat zu lesen ist, tönt laut und stolz gegen das Schweigen an, das konservativ veranlagte Menschen in Politik und Gesellschaft immer noch umgibt. Denn auch wenn der epochemachende Film »Wenn der weiße Flieder wieder blüht« bereits 1953 wagte, von Heimat und Familie zu sprechen, was im Nachgang die Gründung zahlloser Wandervereine anstieß, so blieben Konservative doch beargwöhnte Abseitige: im besten Fall als schwarze Vögel belächelt und abgeschoben auf Chefsessel und Traktoren, wo sie ihr Sosein leben konnten, doch ohne Garantie, dass ihnen die hart erkämpften Rechte auf Dividenden und Zigeunerschnitzel unter dem Druck einer unmenschlichen Sozialdemokratie nicht wieder entzogen werden würden. Und mit diesen Rechten obendrein die Chancen auf die kleinen Fluchten, ein verstohlenes Zuwinken im Schützenzelt, das Schibboleth eines gesummten Heino-Schlagers, das kurz Raum für flüchtige gemeinsame Zärtlichkeiten schaffte. Und dann doch immer wieder die würgende Einsamkeit inmitten des Eichenfurniers, wo man seine Sehnsucht über ein Kohl-Autogramm verströmt. Gewiss, ein Ernst Jünger, ein Leslie Mandoki, sie dinierten mit den Großen der Welt, doch wo findet ein westfälischer Unternehmensberater in einer von Cannabisclubs und Unisextoiletten bestimmten Welt Platz, um seine ungestillten Neigungen auszuleben?
Gewiss, ein Ernst Jünger, ein Leslie Mandoki, sie dinierten mit den Großen der Welt, doch wo findet ein westfälischer Unternehmensberater in einer von Cannabisclubs und Unisextoiletten bestimmten Welt Platz, um seine ungestillten Neigungen auszuleben?
Aber die Trance verfliegt, und zurück bleibt die Realität – eine plakatierte Realität in pastellenem Cadenabbia-Türkis, und darauf abgebildet das fast noch junge, fast schon alte Antlitz des Stefan Evers, dessen gewiss scheckheftgepflegtem Mund sich die deliriumsfördernde Eingangssentenz verdankt. Ein Mann der harten Worte und der vielen Posten; nun soll also ein weiterer hinzukommen, ein vorläufiger Solitär in der Tiara des Vielbekränzten. Dass er sich, um dieses Ziel zu erreichen, einen, nun ja, schon irgendwie historischen Spruch des neigungsverwandten Klaus Wowereit ausborgt und für seine Zwecke zurechtmodelt, man könnte es ihm nachsehen in einer Zeit, in der Zitate gleichsam die letzten Heringe sind, die in den globalen Datenstürmen das abendländische Dauercamperidyll am Boden halten – wäre da nicht die seit Bonner Zeiten mal paternalistisch, mal bigott, jedoch so oft wie möglich repressiv daherkommende Politik der Unionsparteien gegen Homosexuelle, von Adenauers nahtloser Übernahme der Nazi-Gesetzgebung bis zur vergifteten Toleranz eines Friedrich Merz: »Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft.«
Alles, was Schwulen und Lesben (und alle unter der Regenbogenfahne sind hier mitgemeint) in den letzten knapp 60 Jahren schrittweise an Befreiung, an Gleichberechtigung zugestanden worden ist, angefangen vom selbstverständlich scheinenden (und doch immer noch so vielen Menschen verweigerten) Recht, als Erwachsener einen Mensch seines eigenen Geschlechts lieben zu dürfen, bis zur Ehe, erst Light-, dann Vollversion, und schrittweise die hiermit einhergehenden, für heterosexuelle Paare niemals hinterfragten Rechte, Chancen, Möglichkeiten: All dies wurde nur möglich gegen die Widerstände einer Partei, deren Kandidat nun sein risikofreies Outing als Konservativer ausstößt, als bedürfe es dessen in einer Zeit, in der die Union sich von der AfD vor allem durch Aneignung ihrer Themen unter größtmöglicher Auslassung der allzu offensichtlich faschistischen Versatzstücke abgrenzen möchte. Evers’ trotziges Bekenntnis ist so redundant wie ein Veganerwitz an der Grillbude. Den Anwesenden wird er den Appetit nicht verderben, mag die Berliner Currywurst auch schon etwas angekohlt sein.