Summer of Hate
Die vergangene Fußballweltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko war kein kompletter Reinfall, aber die sportliche Überbrückung der spielfreien Monate im regulären Bundesligabetrieb gelang dennoch eher schlecht als recht. Das angekündigte Unterhaltungsprogramm versprach weit mehr, als das internationale Großevent letztlich lieferte, stattdessen rückte immer wieder Symbolpolitik in den Mittelpunkt des Geschehens. Politisches Tohuwabohu am Rande des Spielbetriebs war bei einer WM mit Donald Trump als Schirmherrn zu erwarten. Dass sich der Fokus dabei dann aber so stark auf ein Land richtete, das nicht einmal am Turnier teilnahm, überraschte doch ein wenig.
»Ich widme diesen Sieg den Ägyptern und den Palästinensern«, erklärte der ägyptische Nationaltrainer Hossam Hassan nach dem Erfolg gegen Australien im Sechzehntelfinale, und präzisierte: »Möge Gott ihnen Erfolg und Sieg schenken und Gnade mit ihren Märtyrern haben.« Israel war zwar an der Qualifikation für die Weltmeisterschaft gescheitert, trotzdem lebte das Land während des Turniers sozusagen mietfrei in den Köpfen vieler antisemitischer Fußballfans und -funktionäre. Die Solidarisierung des 60jährigen Ägypters ging sogar so weit, dass er nach dem Ausscheiden im Achtelfinale gegen Argentinien beim Anblick einer Fahne des jüdischen Staates in deren Richtung spuckte und erbost in Richtung der Tribune schrie.
Die argentinische Mannschaft, insbesondere ihr kreatives Mastermind, Lionel Messi, wurden im Verlauf der Weltmeisterschaft zur Hauptzielscheibe der antisemitischen Internationale.
Die argentinische Mannschaft, insbesondere ihr kreatives Mastermind, Lionel Messi, wurden im Verlauf der Weltmeisterschaft zur Hauptzielscheibe der antisemitischen Internationale. Argentinien sei ein »israelisches Team schlechthin«, behauptete der ägyptische Analyst Mohammad Nour und erklärte, dass die Fifa gemeinsam mit Israel den Sieg der Nordafrikaner verhindert hätten. Der US-amerikanische Influencer Jackson Hinkle postete auf X, dass der Fußballweltverband von »Zionisten« kontrolliert werde. Massenhaft kursierten Bilder, auf denen der Fußballer Messi mit einer Physiognomie dargestellt wurde, die an die antisemitischen Karikaturen der Nationalsozialisten erinnerte.
Lionel Messi und Erling Harland als Zielscheibe von Antisemiten
Als Grund für den unbändigen Hass werden die Besuche des argentinischen Ausnahmespielers in Israel herangezogen. Der gläubige Katholik hat im Laufe seiner Karriere das Land insgesamt viermal besucht. Jene Fotos, die ihn an der Klagemauer mit einer traditionellen Kippa zeigen, gehen seitdem immer wieder um die Welt. Die Verschwörungserzählungen einiger enttäuschter Fans hatten aber nicht nur Messi zum Gegenstand: Dem französischen Schiedsrichter der Partie zwischen Argentinien und Ägypten im Achtelfinale wurde unter anderem auf Wikipedia unterstellt, dass er »in eine jüdisch-orthodoxe Familie geboren« worden sei. François Letexier wurde daraufhin persönlich bedrängt. Der ägyptische Fußballverband hatte nach der ägyptischen 2:3-Niederlage gegen Argentinien bei der Fifa Beschwerde eingelegt und den Ausschluss Letexiers und seines Teams verlangt. Der Weltverband kam diesem Anliegen nicht nach.
Aber nicht nur Messi und das argentinische Team wurden zur Zielscheibe der Judenhasser: Der bekannteste Norweger der Jetztzeit, der Ausnahmestürmer Erling Haaland, zog sich ebenfalls den Zorn der Antizionisten zu. Ein Telefonat war dafür völlig ausreichend: Im April des vergangenen Jahres rief Haaland bei Omer Shem Tov an. Der Israeli ist ein großer Fan des norwegischen Fußballspielers – und er verbrachte 505 Tage in der Geiselhaft der Terrororganisation Hamas. Nach dem Martyrium erkundigte sich Haaland nach dessen Zustand.
Der Hass auf »den Juden unter den Staaten«, wie der Historiker Léon Poliakov einst Israel bezeichnete, findet auch im internationalen Vereinsfußball sein Ventil.
Haaland scherte damit aus dem nationalen norwegischen Konsens aus. Die Präsidentin des norwegischen Fußballverbands und Angehörige des Uefa-Exekutivkomitees, Lise Klaveness, fordert in Übereinstimmung mit der Regierung des Landes die komplette Suspendierung Israels vom internationalen Fußball. Die notorische Israel-Hasserin argumentiert, dass an Israel ein anderes Maß angelegt werde als an das ausgeschlossene Russland. Beim letzten Aufeinandertreffen Israels und Norwegens in der WM-Qualifikation im Oktober 2025 entrollten die norwegischen Fans eine Choreographie mit einer großen Palästina-Flagge sowie dem Schriftzug »Let Children Live«. Außerdem zeigten die norwegischen Schlachtenbummler Rote Karten in Richtung der israelischen Fans. Vor dem Stadion verbrannten Demonstranten eine israelische Fahne.
Wie sehr der Hass auf Juden derzeit um sich greift, macht eine weitere Anekdote deutlich. Georgina Rodriguez, die Frau des portugiesischen Ballkünstlers Cristiano Ronaldo, wurde in diesem Sommer aufgrund eines Postings, in dem das hebräische Wort für »gesund« zu finden war, in den sozialen Medien heftig angefeindet. Die empörten Antisemiten kübelten die Kommentare mit den wildesten Unterstellungen voll, einige posteten Bilder des spanischen Rasenballsportlers Lamine Yamal mit palästinensischer Flagge darunter. Der 19jährige Newcomer des FC Barcelona gilt als Unterstützer der palästinensischen Sache: Im Mai 2026 schwenkte er bei der Meisterschaftsfeier des FC Barcelona auf dem offenen Mannschaftsbus eine palästinensische Flagge. Der katalanische Verein distanzierte sich damals öffentlich davon.
Antisemitismus bei Spielen israelischer Vereine
Der Hass auf »den Juden unter den Staaten«, wie der Historiker Léon Poliakov einst Israel bezeichnete, findet auch im internationalen Vereinsfußball sein Ventil. Derzeit müssen die Heimspiele der vier israelischen Teilnehmer der europäischen Wettbewerbe aufgrund der angespannten Sicherheitslage außerhalb des Landes veranstaltet werden. Hapoel Be’er Sheva, Hapoel und Maccabi Tel Aviv sowie Beitar Jerusalem müssen deshalb nach Ungarn, Serbien, Zypern oder Bulgarien ausweichen.
Vor allem die Spiele des Vereins Beitar Jerusalem stehen dabei im Fokus der europäischen Antizionisten. Auftritte der organisierten Fanszene des Hauptstadtclubs sorgen regelmäßig für Gegenproteste. Schon die erste Auswärtsfahrt nach Zypern in der zweiten Qualifikationsrunde der Uefa Conference League sorgte Ende Juli für Schlagzeilen. In der Nacht vor dem Spieltag zog eine Gruppe von fünfzig Anhängern der zypriotischen Heimmannschaft zu dem Hotel, in dem die mitgereisten Auswärtsfans aus Jerusalem untergebracht waren. Sie belagerten das Gebäude, zündeten Pyrotechnik und skandierten Parolen wie »Free Palestine«, »Fuck Israel« und »Fuck Beitar«.
Am Spieltag selbst entwickelte sich vor der Partie eine Massenschlägerei, bei der zypriotische Hooligans mit Schlagstöcken und Steinen auf die anreisenden israelischen Fans losgingen. In einem Kurzvideo im Internet ist zu sehen, wie eine Gruppe von Angreifern auf einen einzelnen Fan von Beitar Jerusalem brutal einprügelt. Auch auf den Tribünen kam es vereinzelt zu Schlägereien. Zwei Fans von Beitar erlitten schwere Verletzungen im Kopfbereich und mussten in ein örtliches Krankenhaus eingeliefert werden.
Der irische Fußballverband FAI erwog einen kompletten Boykott von Hin- und Rückspiel, was jedoch sportlich ein Desaster für die Iren gewesen wäre.
In der darauffolgenden Qualifikationsrunde war der Auftritt der Mannschaft aus Jerusalem gegen die Austria aus Wien vergangene Woche ebenfalls Anlass für Antizionisten, ihren Hass auf die Straße zu tragen. »Der zionistische Klub gilt als Sammelbecken israelischer Faschisten«, begründete die trotzkistische Online-Zeitschrift Linkswende jetzt ihren Aufruf zum Protest. »Israel gehört von allen kulturellen und Sportveranstaltungen ausgeschlossen«, fordert sie weiter in ihrem Aufruf. Des Weiteren beteiligt sie sich auch an der Kampagne »Stop the Game« gegen das geplante Nations-League-Spiel zwischen Österreich und Israel im September in Linz.
Ein Geisterspiel ohne jegliche Fans wird es derweil für die israelische Nationalmannschaft während der Nations League auf jeden Fall geben. Das Spiel Irland gegen Israel wurde nach Serbien verlegt. Zuvor erwog der irische Fußballverband FAI einen kompletten Boykott von Hin- und Rückspiel, was jedoch sportlich ein Desaster für die Iren gewesen wäre. Die sechs Punkte wären dann automatisch an Israel gegangen. Der irischen Nationalmannschaft hätte womöglich der Abstieg aus der zweiten in die dritte Gruppe der Nations League gedroht, weshalb nun vom irischen Verband der Kompromiss dem Boykott vorgezogen wurde.
Wie weite Kreise der antisemitische Hass zieht, macht der Bericht des Beauftragten des World Jewish Congress für internationale Beziehungen, Damon Biesold, beim UN-Menschenrechtsrat deutlich. Darin erwähnt Biesold einen beispiellosen Anstieg antisemitischer Vorfälle im Gemeinschaftssport, den die Royal Commission on Antisemitism in Australien registriert hat. Kinder und Jugendliche seien besonders betroffen. Auch die Wohltätigkeitsorganisation Kick It Out aus England berichtet, dass in der Saison 2025/26 die Zahl der gemeldeten antisemitische Vorfälle um 43 Prozent angestiegen sei. Damit setze sich der besorgniserregende Trend der vergangenen fünf Jahre fort.