27.08.2026
Jason Arday log wie ein Getriebener

Hetzjagd auf den Hochstapler

Der Tod eines schwarzen Hochschulprofessors der Universität Cambridge, der wahrscheinlich weite Teile seines Lebenslaufs erfunden hatte, wird als Ergebnis einer rassistischen Hetzjagd skandalisiert. Das Lügenkonstrukt, zu dem sich der gefeierte Soziologe verstiegen hatte, zeugt aber auch davon, wie die hochkommerzialisierten britischen Hochschulen ihr Personal auswählen.

Plagiatsvorwürfe schaffen es seit Jahren immer wieder in die Medien, doch kaum ein Fall hat so viel Aufmerksamkeit erregt wie der jüngst bekannt gewordene des britischen Soziologieprofessors Jason Arday von der Universität Cambridge. Im vergangenen Monat wurden im Internet Vorwürfe gegen den schwarzen Sozialwissenschaftler laut. Am 14. August fand man den 41jährigen Arday in seinem Haus tot auf.

Arday war 2023 als der jüngste schwarzer Professor in der Geschichte der Universität Cambridge auf den Lehrstuhl für Erziehungssoziologie berufen worden. Schon vorher war er durch Fernsehauftritte und vermeintlich außergewöhnliche Leistungen bekannt gewesen. Arday hatte sich dabei selbst als einen Autisten dargestellt, der für seinen Erfolg enorme Lernschwierigkeiten überwinden musste.

Die Vorwürfe gegen Arday wurden zuerst auf dem Blog des bekennenden Rassisten Nathan Cofnas veröffentlicht, einem aus den USA stammenden Postdoktoranden der belgischen Universität Gent.

Inzwischen ist davon auszugehen, dass große Teile von Ardays Dissertation plagiiert sind und er sich auch bei seiner darauffolgenden Forschung unredlich am geistigen Eigentum anderer bediente. Doch Arday hatte nicht nur bei seiner wissenschaftlichen Arbeit geschummelt. Auch an seiner Lebensgeschichte kommen immer mehr Zweifel auf. Er wuchs als Kind ghanaischer Einwanderer in einer Sozialwohnung im Süden Londons auf. Nach seinen eigenen Angaben wurde bei ihm im Alter von drei Jahren Autismus diagnostiziert. Arday behauptete, dass er, bis er elf Jahre alt war, nicht sprechen und bis zum Alter von 18 Jahren nicht richtig lesen und schreiben konnte. Das wurde ihm weithin geglaubt – obwohl es unter Fachleuten als unmöglich gilt, eine solche Lernschwäche in so kurzer Zeit aufzuholen. Ein ehemaliger Mitschüler und ein Sprachlehrer der mit Arday arbeitete sagten der New York Times, dass Arday als Kind durchaus sprechen konnte.

Andere Aussagen Ardays wurden bereits eindeutig widerlegt. So hatte er behauptet, für die Hilfsorganisation Water Aid Brunnen in brasilianischen Favelas gebohrt zu haben. Die Organisation bestreitet das. Auch wollte er für wohltätige Zwecke 30 Marathons in 35 Tagen gelaufen sein – eine Leistung, die selbst den besten Athleten schwerfallen würde. In einer unveröffentlichten Autobiographie Ardays, die dem US-amerikanischen Magazin The Atlantic vorliegt, reihen sich vergleichbare Leistungen und verheerende Rückschläge, die Arday angeblich überwunden hat, in atemberaubendem Tempo anein­ander.

Bekennender Rassist als Quelle der Betrugs-Vorwürfe

Trotz einiger offensichtlicher Lügen Ardays verteidigen ihn viele britische Linke. Sie sehen eine Schmutzkampa­gne gegen einen schwarzen Universitätsgelehrten am Werk, die ihn schlussendlich in den Tod trieb. Das ist nicht komplett abwegig, denn die Vorwürfe gegen Arday wurden zuerst auf dem Blog des bekennenden Rassisten Nathan Cofnas veröffentlicht, einem aus den USA stammenden Postdoktoranden der belgischen Universität Gent. Cofnas bezeichnet sich selbst als »Rassenrealist« und wirbt für eine »Abstammungsrevolution«. Schwarze Menschen, behauptet er, seien durchschnittlich weniger intelligent als andere. 2024 war er Forschungsstipendiat in Cambridge gewesen, wurde dort jedoch aufgrund seiner rassistischen Äußerungen entlassen.

Es war jedoch nicht Cofnas, dem die Ungereimtheiten in Ardays Forschung zuerst aufgefallen waren. Vor einem Jahr bat Jack Grove, ein Journalist der Times Higher Education, Arday diesbezüglich um eine Stellungnahme. Dieser drohte der Zeitung daraufhin mit einer Verleumdungsklage und zeigte Grove wegen Belästigung bei der Polizei an. Der Artikel ist nie erschienen. Dadurch bekam Cofnas die Gelegenheit, die Vorwürfe als Erster zu veröffentlichen und für seine politische Mission zu instrumentalisieren.

Der tragische Fall Arday ist aber auch auf institutionelles Versagen zurückzuführen. Offenbar hatten die Universitäten, bei denen Arday angestellt war, kein Interesse daran, seine Arbeit und seinen Lebenslauf richtig zu überprüfen. Die Universität Cambridge war wohl allzu froh, sich mit einem jungen schwarzen Forscher, noch dazu mit diesem außergewöhnlichen Lebenslauf, zu schmücken. Denn die altehrwürdige Institution wurde seit einigen Jahren dafür kritisiert, kaum schwarzes Lehrpersonal einzustellen.

Arday wirkt im Nachhinein wie ein Getriebener, der immer neue Höchstleistungen erfinden musste, um seinen Status und die ihm gezollte Aufmerksamkeit zu rechtfertigen.

Die Umstände, die den Fall Arday möglich machten, gehen darüber jedoch noch hinaus. Obwohl die Universitäten Cambridge und Oxford für Touristen oft in der Vergangenheit stehengeblieben scheinen, haben sie sich, wie die meisten anderen britischen Universitäten auch, längst zu modernen Wirtschaftsunternehmen und Marken entwickelt. Die Leistungen des Lehrpersonals werden oft an ihrer öffentlichen Wahrnehmbarkeit gemessen. Ardays erfundener Lebenslauf und seine zahlreichen Fernsehauftritte passten zu diesen Anforderungen. Darüber, was ihn persönlich zu seinen Münchhausen-Geschichten motiviert hat, kann man nur noch spekulieren. Aber der junge Sozialwissenschaftler wirkt im Nachhinein wie ein Getriebener, der immer neue Höchstleistungen erfinden musste, um seinen Status und die ihm gezollte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu recht­fertigen.

Die Universität Gent hat Cofnas in der vergangenen Woche suspendiert und eine »vorläufige disziplinarische Untersuchung« gegen ihn eingeleitet. Während sie sich in Bezug auf Cofnas’ offenen Rassismus noch auf die Forschungsfreiheit berufen hatte, wurde ihr die öffentliche Aufmerksamkeit nun offenbar zu viel. Vergangenen Freitag dann, schrieb der US-Botschafter in Belgien, Bill White, auf X, dass die US-Regierung ihre Beziehungen zur Universität von Gent einer Prüfung unterziehe. Man verurteile die »Vergeltungsmaßnahmen« der Universität gegen den »Whistleblower«.