Premier League im Croke Park
Am 12. August schrieb der Dubliner Croke Park Geschichte: In einem Freundschaftsspiel standen sich mit Manchester United und Leeds United zwei englische Premier-League-Teams gegenüber. Mit über 75.000 Zuschauern war die Arena gut gefüllt – trotz hoher Eintrittspreise. Nie zuvor in der Geschichte der Republik Irland hatten so viele Menschen ein Fußballspiel besucht.
Historisch war die Begegnung aber noch aus einem anderen Grund: Im Croke Park, mit einem Fassungsvermögen von 82.300 das viertgrößte Stadion in Europa, maßen sich zum ersten Mal zwei englische Fußballteams.
Von 1905 bis 1971 galt in der Athletic Association die »Rule 27«, auch bekannt als »The Ban«. Sie verbot den Mitgliedern nicht nur das Spielen, sondern bereits das bloße Anschauen von »foreign games«.
Das Stadion gehört der Gaelic Athletic Association (GAA). »Foreign Games« beziehungsweise die »Spiele der britischen Imperialisten«, zu denen Fußball – gespielt nach den Regeln der englischen Football Association, deshalb Soccer genannt –, Rugby und Cricket gezählt werden, waren in der sogenannten Kathedrale der gälischen Ballspiele (Gaelic Football und Hurling) jahrzehntelang strikt untersagt.
Irischer Nationalismus und britische »sportsmanship«
Die GAA, der größte Sportverband auf der irischen Insel, wurde 1884 gegründet. Die Popularisierung der gälischen Sportarten sollte den kulturellen Einfluss der englischen Kolonialmacht zurückdrängen und das verschüttete Selbstbewusstsein der eigenen Nation wecken. Allerdings hatten die Gaelic Games ihre Ausbreitung auch der englischen »athletischen Revolution« zu verdanken. Das Ethos der GAA basierte somit auf zwei konkurrierenden Ideologien: Einerseits war die GAA irisch-nationalistisch, aber jenseits der Politik waren die Parallelen mit dem britischen Sportgedanken (Stärkung von Moral, Physis und Charakter sowie Amateurismus) offensichtlich.
Der Hauptinitiator der GAA-Gründung war Michael Cusack, der, obwohl ein überzeugter Nationalist, stark dem anglophilen Irland zugeneigt war – er spielte Cricket und Rugby. Cusack ging es zuvörderst um die Revitalisierung der irischen Sportarten für das irische Volk, da die englischen Sportarten und die elitäre Weise, in der sie betrieben wurden, viele einfache Iren ausschlössen. Andere GAA-Aktivisten der ersten Stunde hatten prononciertere politische Intentionen, zum Beispiel der Namensgeber des Stadions, Dublins Erzbischof Thomas Croke. Die GAA-Gründung wurde auch von den militant-separatistischen Feniern begrüßt; vier der sieben GAA-Gründer gehörten entsprechenden Organisationen an, deren Bezeichnung sich am Namen mittelalterlicher Kriegsnomaden in Irland (Fianna) orientiert.
Der nationalistische Charakter der GAA fand Eingang in die Charta der Organisation, in der gefordert wurde, die nationale Identität in den 32 Grafschaften der irischen Insel durch Bewahrung und Förderung der Gaelic Games zu stärken. Angehörige der probritischen »Sicherheitskräfte« durften nicht mitspielen.
Als der Croke Park erstmals für die gälischen Spiele genutzt wurde, war das Railway End des Stadions kaum mehr als ein Erdhügel.
Unter den exekutierten Führern des Osteraufstands von 1916 gegen die britischen Kolonialherren befanden sich mit Pádraig Pearse, Seán Mac Diarmada, Con Colbert, Michael O’Hanrahan und Éamonn Ceannt eine Reihe von GAA-Mitgliedern. Von der folgenden Verhaftungs- und Internierungswelle waren ebenfalls zahlreiche GAA-Aktivisten betroffen. 1916 musste das Endspiel des Wolfe-Tone-Turniers zwischen den Auswahlmannschaften der Grafschaften Kerry und Louth in einem walisischen Gefangenenlager ausgetragen werden.
Als der Croke Park erstmals für die gälischen Spiele genutzt wurde, war das Railway End des Stadions kaum mehr als ein Erdhügel. Ursprünglich hieß diese Stehtribüne »Hill 60«. Der Name stammte von einem gleichnamigen Hügel in Gallipoli, auf dem die irische Infanterieeinheit Connaught Rangers Ende August 1915 schwere Verluste erlitten hatte. Aber einen Teil des Croke Parks nach einer Schlacht zu benennen, an der eine irische Einheit der britischen Armee beteiligt war, kollidierte mit dem antibritischen, antikolonialistischen Selbstverständnis der GAA. Deshalb wurde im Laufe der Zeit aus »Hill 60« der »Hill 16«, der seither dem Osteraufstand von 1916 gewidmet ist. Der Erzählung nach wurde »Hill 16« aus den Trümmern errichtet, die das Gefecht mit den britischen Truppen in Dublins O’Connell Street hinterlassen hatte, die seinerzeit noch Sackville Street hieß. »Hill 16« ist heute einer der bekannten Stehtribünen im Weltsport. Fassungsvermögen: gut 13 000 Zuschauer.
Nach der Gründung des Irish Free State im Jahr 1922 (seit 1949 Republic of Ireland) avancierte die GAA zu einem wichtigen Bestandteil der institutionellen Infrastruktur des jungen Staats. Ihr fiel die Aufgabe zu, diesen mit Symbolen auszustatten. Die (gesamtirischen) Finals im Gaelic Football und Hurling sind noch immer die größten sportlichen Ereignisse auf der Insel und zugleich Festivals nationalen Selbstbewusstseins, bei denen sich die Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kirche ein Stelldichein gibt.
Die (gesamtirischen) Finals im Gaelic Football und Hurling sind noch immer die größten sportlichen Ereignisse auf der Insel und zugleich Festivals nationalen Selbstbewusstseins.
Von 1905 bis 1971 galt in der GAA die »Rule 27«, auch bekannt als »The Ban«. Sie verbot Mitgliedern der GAA 1905 nicht nur das Spielen, sondern bereits das bloße Anschauen von »foreign games«. Prominentestes Opfer der »Rule 27« war Douglas Hyde, seit Juli 1938 erster Präsident des irischen Freistaates und Patron der GAA. Im November desselben Jahres enthob ihn die GAA dieses Amts, nachdem Hyde im Dubliner Dalymount Park ein Fußballspiel zwischen Irland und Polen besucht hatte.
Die erfolgreichste Ära der irischen Fußballnationalmannschaft, die Jahre 1988 bis 1994, wurde mit Pat Bonner, Kevin Moran, Neill Quinn und Frank Stapleton von Spielern geprägt, die vor ihrer Fußballprofikarriere in Großbritannien Gaelic Football gespielt hatten. In Nordirland galt dies unter anderem für Martin O’Neill, Kapitän der nordirischen Auswahl bei der WM 1982, wo die Nordiren den Gastgeber Spanien schlugen.
Während die »Rule 27« auf dem Misthaufen der Geschichte landete, existierte eine verwandte Regel, die »Rule 42«, zunächst weiter. Sie verbot eine Nutzung von GAA-Sportplätzen für die Spiele der anderen. Als das in die Jahre gekommene Dubliner Lansdowne-Road-Stadion, Heimat der Fußballnationalelf und der gesamtirischen Rugby-Auswahl, abgerissen wurde, um einer modernen Arena zu weichen, ersuchten die Football Association of Ireland (FAI) und die Irish Rugby Football Union (IRFU) bei der GAA um Asyl im Croke Park. Der Druck, dem sich die GAA hier ausgesetzt sah, war enorm.
Am 16. April 2005 beschloss der Jahreskongress der GAA, die »Rule 42« temporär auszusetzen. Am 11. Februar 2007 wurde erstmals im Croke Park Rugby gespielt. Im Six-Nations-Turnier unterlag Irland zunächst Frankreich mit 17:20.
Am 24. Februar empfing das gesamtirische Team dann England. Das Spiel war von hoher Symbolkraft, denn am 21. November 1920 hatte sich während eines Gaelic-Football-Spiels zwischen Dublin und Tipperary ein Massaker ereignet, das in die Annalen der GAA als »Bloody Sunday« einging (Jungle World 19/2019). Die IRA focht zu dieser Zeit einen Guerillakrieg gegen die britische Besatzungsmacht, und die GAA sah sich zur Einstellung ihrer sportlichen Aktivitäten genötigt. Das Team von Tipperary wollte trotzdem gegen Dublin spielen. Die Begegnung lockte 10.000 Menschen in den Croke Park. Nachdem das Spiel bereits begonnen hatte, erklommen Soldaten der berüchtigten Einheit »Black and Tans« die Stadionmauern und schossen in die Menge. 14 Menschen wurden getötet, darunter auch Michael Hogan, der Kapitän des Teams von Tipperary, nach dem später eine Tribüne im Croke Park benannt wurde. Das Massaker war ein Racheakt der Kolonialmacht: Am Morgen desselben Tags hatte die IRA in Dublin 14 britische Agenten und zwei Polizisten erschossen.
87 Jahre später gab es erhebliche Bedenken, wie die Reaktion auf die britische Nationalhymne »God Save the Queen« ausfallen würde. Doch sowohl der britischen wie der irischen Hymne applaudierten die Fans der beiden Teams brav. Irland gewann das brisante Kräftemessen mit 43:13, dies war der höchste Sieg der Geschichte gegen England im Rugby.
Am 24. März 2007 wurde im Croke Park erstmals Soccer, also Fußball nach englischen Regeln, gespielt. Die Republik Irland traf im Rahmen der Qualifikation zur Europameisterschaft 2008 in auf Wales. Vor 72.500 Zuschauern gewannen die Gastgeber mit 1:0. Einige Monate später, am 13. Oktober 2007, trennten sich die Mannschaften der Republik Irland und Deutschlands an gleicher Stelle torlos, dieses Mal schauten knapp 68.000 dabei zu.
2010 konnten Fußball und Rugby an die Lansdowne Road zurückkehren, wo das Aviva Stadium liegt. Dessen Fassungsvermögen beträgt gut 50.000 und liegt somit deutlich unter dem von Croke Park.
Für das Freundschaftsspiel zwischen Manchester United und Leeds wäre das Aviva Stadium zu klein gewesen. United ist auf der irischen Insel sehr populär, die Geschichte des Clubs wurde stark von irischen Spielern und Funktionären geprägt. Aber auch bei Leeds haben Iren Geschichte geschrieben. Außerdem kamen Tausende von Fans aus England angereist. Normalerweise läuft es andersherum: Tausende von Iren besuchen am Wochenende die Spiele der von ihnen favorisierten englischen oder schottischen Teams.
Möglich wurde das Spiel in der GAA-Kathedrale, weil die »Rule 42« nicht mehr nur temporär ausgesetzt ist. Peter McKenna, der kaufmännische Leiter des Croke Park, teilte mit: »Die Zeiten ändern sich, die Menschen werden reifer und flexibler. Daher gibt es diese Regel nicht mehr, und wir pflegen sehr enge Beziehungen zum irischen Fußballverband und zur Irish Rugby Football Union.« Er glaube, der »Widerstand ist verflogen. Wir sind alle viel reifer geworden, was unsere eigene nationale Identität angeht.«