Retromänner nach vorn
Vor 16 Jahren legten einige Grüne ein Manifest vor, in dem sie mehr feministisches Engagement von Männern forderten. Nun debattieren die Grünen über ein neues Männermanifest mit dem Titel »Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit«. Eine Gruppe um die Co-Bundesvorsitzende Franziska Brantner hat es verfasst und fordert »ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann«. Erforderlich sei das, weil autoritäre Bewegungen Geschlechterpolitik zu einem ihrer wichtigsten Themen machen. Aber braucht die Gesellschaft überhaupt noch ein Ideal von Männlichkeit? Antje Schrupp fordert, dass der Feminismus an seinem eigentlichen Versprechen festhalten sollte: Freiheit statt neuer Normen.
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Die Grünen hängen mal wieder in den Achtzigern fest. Doch statt das »Waldsterben« zu beklagen und »Petting statt Pershing« zu fordern, singen sie diesmal aus voller Stimme gemeinsam Ina Deters »Neue Männer braucht das Land« aus dem Jahr 1982. Diese mag in ihrer Zeit durchaus recht gehabt haben, in den Achtzigern waren die gängigen Identitätsangebote für Männer noch ziemlich kacke. Kein Wunder, dass neben Deter auch Herbert Grönemeyer aus dem Thema »Männer« damals einen Hit machen konnte und Rio Reiser sich am Ende totsaufen musste. Doch wer sich im Jahr 2026 Sorgen um Männer macht, sollte nicht nach neuen Männern Ausschau halten, sondern mit dem arbeiten, was wir haben. Deshalb ein Plädoyer dafür, ein altes, längst abgelegtes linkes Männerbild aus der Mottenkiste zu ziehen: den Antifa-Macker.
Klar, man muss ihn mit ein paar Accessoires klug upcyceln, das Fuckboy-Image nicht nur kaschieren, sondern seine reale Grundlage überwinden. Doch das Jahr 2026 sollte bereit sein, im Schatten der kanadischen Serie »Heated Rivalry« über schwule Liebesbeziehungen unter rivalisierenden Eishockeyspielern, gewaltbereite Männer neu anzuschauen. Es war ja nicht alles schlecht seinerzeit. Wer damals schon bereit war, zum Schutz der Schwächeren in den offenen Kampf mit Nazis zu ziehen, ist für das Thema Empathie offensichtlich nicht komplett verloren. Darauf kann man aufbauen.
Wer früher schon bereit war, zum Schutz der Schwächeren in den offenen Kampf mit Nazis zu gehen, ist für das Thema Empathie offensichtlich nicht komplett verloren.
Außerdem auf der Haben-Seite finden sich beim Antifa-Macker viele Dinge, die junge Buben heute in die Arme der Rechten treiben: Interesse an Muskelaufbau und Männerbünden sowie Adrenalin und Aggression. Man mag es kaum glauben, aber dieser Stil war einst selbst in Kreisen der Grünen Jugend nicht völlig unbekannt. Statt also ihren ehemaligen Vorsitzenden Anton Hofreiter in den Boxkeller zu schicken und sich dabei demonstrativ vom Spiegel porträtieren zu lassen, sollten die Grünen auch dieses Problem mit einer erprobten Methode lösen: Quoten. Für den Anfang könnte man ja mal testweise jeden sechsten Listenplatz für einen Antifa-Macker freihalten und schauen, was passiert. Ob der wilde Kerl noch domestiziert werden kann.
Man darf es nicht vergessen: In ihren Frühzeiten haben die Grünen mit heiratswütigen Ex-Straßenkämpfern wie Joschka Fischer im Team große Erfolge gefeiert. Vielleicht gelingt das ja nochmal, und diesmal hoffentlich, ohne dabei allzu viel feministische Glaubwürdigkeit zu zerdeppern. Auch wenn unter dem Pflaster am Ende kein Strand gelegen haben mag: Es lohnt sich, die im Team zu haben, die bereit sind, immer mal wieder nachzuschauen und heutige Straßenkämpfer vielleicht sanft dabei zu unterstützen, ihre soften Seiten zu finden.
Der neue Antifa-Macker könnte in seiner Evolution zur Antifa-Macker:in lernen, dass niemand Incel bleiben muss, wenn er in der Frau neben sich eine gleichberechtigte Kampfgenossin erkennt, eine Lehrerin und ein Vorbild, die vielleicht auch gerne auf einen Boxsack schlägt und Proteinpulver kauft. Wer, wenn nicht die Grünen, könnte es schaffen, diesem vom Aussterben bedrohten Identitätsangebot Achtsamkeit und Feminismus zu lehren, und wenn dann die Kickboxer und Kinderbuchautoren dieses Landes wieder Seit’ an Seit’ schreiten, dann, na ja … Es wird halt immer noch Deutschland sein. Aber vielleicht mit zwei bis drei rechten Schlägern weniger. Zukunft wird aus Mut gemacht oder so.