Schützenhilfe aus Pjöngjang
Am Freitagnachmittag war das größte Einkaufszentrum von Krywyj Rih, genannt die »Sonnige Galerie«, voller Menschen, als unvermittelt eine russische Geran-Drohne einschlug. Diese Weiterentwicklung der iranischen Drohnen vom Typ Shahed ist wegen ihres Düsenantriebs rasend schnell und flog nach ukrainischen Angaben im Tiefflug heran, um vom Radar nicht erfasst zu werden. Dreißig Minuten später traf eine zweite Geran-Drohne zielgenau das verwüstete Gebäude und explodierte inmitten der Toten und Verwundeten. Solche double tap strikes (Doppelschläge), von der russischen Luftwaffe auch in Syrien häufig ausgeführt, zielen unter anderem auf Rettungskräfte. Am Ende waren 16 Personen tot und 130 verletzt.
Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten ihre Luftangriffe in Russland stetig ausgeweitet, es brennen Ölraffinerien und Lagerhäuser der Online-Handelsketten Wildberries und Ozon. Mit den wenigen Marschflugkörpern, die die Ukraine in eigener Produktion herstellen kann, griff sie militärische Ziele wie Flughäfen und ein staatliches Raumfahrtzentrum in Samara an.
In frontnahen Städten wie Cherson gehört die Jagd mit Drohnen auf Zivilisten – die »menschliche Safari« – zum Alltag; Anfang August sorgte ein Video einer geradezu sadistischen Jagd auf einen ukrainischen Straßenhändler für Entsetzen.
Auch bei ukrainischen Luftangriffen sterben russische Zivilisten. Wie es in der Ukraine seit Jahren der Fall ist, stürzen auch in Russland immer wieder abgeschossene oder gestörte Drohnen in Wohnhäuser. Am 3. August explodierte eine Drohne auf einem belebten Strand an der russischen Schwarzmeerküste und tötete sieben Zivilisten. Auf Videoaufnahmen waren zuvor Schüsse auf die Drohne zu hören.
Trotz der häufiger werdenden zivilen Opfer in Russland kann allerdings von Symmetrie keine Rede sein, das zeigt der rein terroristische Angriff von Krywyj Rih wieder einmal. Seit 2022 sind unzählige solcher Attacken auf ukrainische Zivilisten dokumentiert. In frontnahen Städten wie Cherson gehört die Jagd mit Drohnen auf Zivilisten – die »menschliche Safari« – zum Alltag; Anfang August sorgte ein Video einer geradezu sadistischen Jagd auf einen ukrainischen Straßenhändler für Entsetzen. Und während die ukrainischen Luftangriffe die russische Wirtschaft empfindlich treffen, arbeitet Russland daran, die Grundlagen des zivilen Lebens in der Ukraine überhaupt zu zerstören. Der in Kiew ansässige Journalist Denis Trubetskoy weist bei NTV darauf hin, dass Russland bereits mit den Angriffen auf die Energieinfrastruktur um Kiew für den Winter begonnen habe und außerdem Klär- und Abwasseranlagen sowie Lebensmittellager von Supermärkten und Verteilzentren von Eiscremefabriken bombardiere, um Kühlräume zu zerstören und so die Lebensmittelversorgung zu unterbrechen. In anderen Landesteilen werden Tankstellen ausgebombt. Der Juli war der tödlichste Monat für Zivilisten in der Ukraine seit langem – nach UN-Angaben waren mindestens 437 Todesopfer zu beklagen.
Während die Ukraine mühsam über Jahre – wenn auch von westlichen Staaten finanziell unterstützt – die Waffen erst entwickeln musste, mit denen sie russisches Gebiet angreift, hat Russland trotz internationaler Sanktionen seine seit Sowjetzeiten bestehende Raketenindustrie immer weiter ausgebaut. Bitter könnte man meinen, dass sich die Ukraine einen so hilfreichen Verbündeten wünschen könnte, wie Nordkorea es für Russland ist: Während USA, Großbritannien und Frankreich nur selten und wenige Langstreckenwaffen abgaben, um russisches Territorium anzugreifen, liefert der »Oberste Führer« Kim Jong-un nicht nur massenhaft Artilleriemunition und ballistische Raketen, sondern hat nach Angaben der Ukraine eine eigene Einheit mit circa 120 ballistischen Raketen nach Westrussland verlegt, um am Bombardement der Ukraine teilzunehmen, und bereitet dem südkoreanischen Verteidigungsministerium zufolge die Entsendung weiterer 50.000 seiner Soldaten vor – de facto Kampfsklaven eines totalitären Staats. Anstatt darauf zu reagieren, verkündete US-Präsident Donald Trump Mitte August, dass er geplante gemeinsame Militärmanöver mit Südkorea deutlich verkleinern werde, und verwies auf seine »sehr guten Beziehungen« zum nordkoreanischen Diktator.
Ballistische Raketen, die ihr Ziel derart schnell erreichen, dass der Luftalarm gar nicht oder nur Sekunden zuvor ausgelöst werden kann, ließen sich nur mit hochentwickelten Abwehrsystemen wie dem Patriot-System abfangen, doch stellen die USA für dieses keine Munition mehr zur Verfügung.
Besonders drastisch zeigt sich die missliche Lage der Ukraine bei der Luftabwehr. Ballistische Raketen, die ihr Ziel derart schnell erreichen, dass der Luftalarm gar nicht oder nur Sekunden zuvor ausgelöst werden kann, ließen sich nur mit hochentwickelten Abwehrsystemen wie dem Patriot-System abfangen, doch stellen die USA für dieses keine Munition mehr zur Verfügung. Patriot-Abwehrraketen können nicht auf die Schnelle produziert werden, kosten pro Stück über eine Million US-Dollar und wurden zuletzt massenhaft verbraucht, um iranische Raketen abzufangen. In Deutschland wird die Fertigung von Patriot-Abwehrraketen zwar ausgebaut, aber es wurde viel zu wenig und viel zu spät investiert, um mit dem russischen Raketenarsenal mithalten zu können. Die Folge wird in den kommenden Monaten sein, dass russische Raketen weiterhin ungehindert in ukrainische Städte einschlagen.
Trump nutzt die Verwundbarkeit und Abhängigkeit der Ukraine, um Druck auf sie auszuüben. Im Juli hatte er zunächst angekündigt, ihr zu erlauben, Patriot-Abwehrraketen selbst herzustellen, was sonst engsten und zahlungskräftigsten Verbündeten vorbehalten ist – um dann Ende Juli mitzuteilen, so schnell werde das nichts, man verhandle noch darüber. Vielleicht um sicherzustellen, dass die Ukraine auch von den europäischen Verbündeten keine verstärkte Unterstützung zu erwarten kann, hat der Kreml in den vergangenen Monaten die Drohungen gegen die EU und verdeckte Sabotageangriffe eskaliert und demonstrativ einen Marschflugkörper in Polen einschlagen lassen.