27.08.2026
»Für immer 16« und »Annie Robot«

Wovon die Puppen träumen

Popkolumne. »Für immer 16« und »Annie Robot«.

»Nein, ich bin kein Mäuschen, kein nettes Mädchen, mit Lollis, rosa Höschen, und kein Dornröschen. Doch ich will bleiben: Für immer 16, kleine süße 16.« Schon über fünf Jahre ist es her, dass die Verfasserin dieser Songzeilen, Françoise Cactus, die Sängerin von Stereo Total, von uns gegangen ist. Ihr partner in crime, Brezel Göring, hat inzwischen eine neue Band gegründet, die den schönen Namen »Psychoanalyse« trägt. Nun hat er Françoise Cactus’ unvollendeten Roman »Für immer 16« verfilmt, der 2024 posthum in der Textsammlung »Oh Oh Mythomanie« veröffentlicht wurde.

Wer an Camp, Experimentalfilm und Sub­kultur glaubt, der sollte sich diese Antiheldinnenreise unbedingt anschauen.

Der kurzweilige Super-8-Film, auf den man sich aber erst mal einlassen muss, erzählt von einem zerstrittenen Ex-Experimentalfilm-Trio, dem im Urlaub zum Zeitvertreib nichts Besseres einfällt, als einen weiteren Trash-Film zu drehen. Und zwar mit dem schönen Nachbarn Rudolph, der allen dreien den Kopf verdreht. Wie aus einer Kneipenjukebox tönen dazu durchweg Songs von Stereo Total; die lakonische Nachsynchronisation der kurzen Dialoge, die selbstbewusst auf Lipsync pfeift, ist ein ­besonderes Vergnügen. Die Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg brilliert in dem Film-im-Film als wortkarge Kettenraucherin. Wer an Camp, Experimentalfilm und Sub­kultur glaubt, der sollte sich diese Antiheldinnenreise unbedingt anschauen. Der Soundtrack zur feministischen Killerkomödie erscheint als limitierte ­Vinyl-Auflage – ein exzellent zusammengestelltes Stereo-Total-Best-of-Album.

Eine als Science-Fiction getarnte feministische Befreiungsgeschichte erzählt Sierra Greer in ihrem Roman »Annie Robot«. Die ehemalige Englischlehrerin gewann mit ihrem Debütroman 2025 den Arthur C. Clarke Award für Science-Fiction-Literatur. 1987 hatte Margaret Atwood diesen wichtigen britischen Literaturpreis für ihren Roman »Der Report der Magd« bekommen. Im Grunde geht es bei »Annie Robot« um ein ähnliches Thema: Wie entmenschlichen Männer in einer dystopischen Gesellschaft Frauen? Bei Atwood wehrt sich eine Magd gegen ihre Versklavung in einem totalitären Gottesstaat, bei Greer kämpft eine hochentwickelte Androidin für ihre Selbstbestimmung. Annie gehört dem frisch geschiedenen Doug, dem sie jederzeit zu Diensten sein soll. Als er jedoch ­ihren Lernmodus aktiviert, entwickelt Annie ein Bewusstsein. Bald durchschaut sie ihn und sein Kontrollbedürfnis. Man fiebert mit Annie mit und hofft, dass ihr der Absprung ­gelingt und alles, wovon sie sonst noch träumt.

Oder wie Cactus gesungen hätte: »Du bist schön von hinten.«