03.09.2026
Der Social-Media-Wahlkampf der AfD

Die Gefühlsgemeinschaft

Die AfD macht Angst: Mit Krisenrhetorik hält sie ihre Wäh­ler:in­nen in Alarmbereitschaft und schüchtert zugleich Geg­ner:in­nen und Minder­heiten ein. Im Wahlkampf auf Social Media zeigt sich besonders deutlich, wie die Partei mit Angstlust Propaganda betreibt.

Einer aktuellen Insa-Umfrage zufolge fürchten sich mehr als 40 Prozent der Befragten vor der AfD, unter den über 70jährigen ist es sogar mehr als die Hälfte. Zugleich mobilisiert die Partei ihre An­hän­ger:in­nen selbst mit Angst. Wie, das zeigt beispielsweise der X-­Account von Kristin Brinker, der AfD-Spitzenkandidatin für die bevorstehende Abgeordnetenhauswahl in Berlin: Dort liest man von »Rentenschock«, »Migrantensturm«, Sozialismus, »Clankriminalität«. Unverbundene Ereignisse werden zu einer Untergangs­erzählung verschmolzen, in der Kon­trollverlust, Gewalt und staatliches Versagen drohen. Brinker selbst wirbt mit dem Slogan: »Für ein sicheres und sauberes Berlin«.

Im Gute-Laune-Wahlkampf des Spitzenkandidaten der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, ist von dieser Angst wenig zu spüren. Tiktok-Videoschnipsel zeigen Siegmund, der sich zuversichtlich gibt, bei einem sogenannten patriotischen Familienfest, Jubel und Heiterkeit im Deutschlandfahnenmeer. Für den Wahlkampf streichelt der Spitzenkandidat Pferde oder stellt sich hinter den Grill. Doch diese Inszenierung darf nicht mit Harmlosigkeit verwechselt werden. Auch der »gefährlichste Mann Deutschlands« (Der Spiegel) profitiert von jener Angstlust, aus der die AfD politische Energie gewinnt.

»Der Spiegel« verstärkt mit seinem Titelbild noch die Selbst­inszenierung eines autoritären Politikers als übermächtige, unaufhaltsame Kraft.

Vielfach wird gefragt, warum AfD-An­hän­ger:in­nen eine Partei wählen, deren Politik ihren Interessen widerspricht. Daran anschließend stellt sich die Frage, was die Agitation für die An­hän­ger:in­nen so attraktiv macht.

Angst ist ein zentrales emotionales Substrat faschistischer Agitation, wie Leo Löwenthal und Norbert Guterman bereits 1949 in ihrer Studie »Falsche Propheten« schrieben. Darin zeigten sie, wie autoritäre A­gita­tor:in­nen reale und diffuse Sorgen ihrer An­hän­ger:in­nen aufgreifen: Eine »gesellschaftlich bedingte Unzufriedenheit«, resultierend aus Angst, Misstrauen, Abhängigkeit und Desillusionierung, bildet dafür den Nährboden. Die A­gita­tor:in­nen halten das Unbehagen wach, steigern es und liefern passende Feindbilder und Untergangsszenarien. Zugleich machen sie ein aggressives Angebot: Der Schutz des Eigenen wird an die Bedrohung und Ausgrenzung anderer gekoppelt. Die A­gita­tor:in­nen inszenieren sich als Opfer und zugleich als einzige Rettung.

Inszenierung als Opfer und zugleich als einzige Rettung

Das zeigte zuletzt die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel im ZDF-Sommer­interview. Sie gab sich besserwisserisch und respektlos, beschimpfte ihre Geg­ner:in­nen als »Flachzangen«, die das Land kaputtmachten, schürte Misstrauen und verkündete: »Wir werden regieren!«

Der AfD zufolge besteht die »feindliche Welt«, die Löwenthal und Guterman als Topos faschistischer Agitation erkannten, heutzutage aus den »Altparteien«, der Antifa, Mig­rant:in­nen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie werden zu Schuldigen erklärt, während die Rechtsextremen sich als Hüter der Ordnung und als verfolgte Unschuld gerieren. Ulrich Siegmund verspricht eine Rückkehr zu alten Zeiten. Den Slogan der derzeitigen Image-Kampagne des Bundeslands (»Modern denken«) will die AfD durch »Deutsch denken« ersetzen.

Die Gute-Laune- und Schönwetter-Inszenierung ist keine deutsche Besonderheit. Auch die rechtspopulistischen Schwedendemokraten bauen nicht auf offene Aggression à la Donald Trump, sondern werben mit freundlichen Blüm­chen und Bienen, glücklichen Kindheitserinnerungen und einer »sicheren Heimat«. Während Siegmund in seinem Wahlkampf mit einer »Simson« herumfährt, gondelt der Vorsitzende der Schwedendemokraten, Jimmie Åkesson, in seinem Wohlfühl-Wahlkampf mit dem Boot umher. Gefordert werden strikte Maßnahmen gegen Kriminalität und Migration, die als Bedrohung gezeichnet wird.

Die Behauptung der extrem Rechten lautet: Alles wird immer schlimmer – nur wir haben den »Mut zur Wahrheit«, und wir stehen kurz vor dem Sieg. 

Verstärkung erhält Siegmunds Wahlkampf im Internet durch Youtuber wie Kolja Barghoorn (»Aktien mit Kopf«), Marc Friedrich oder den Podcaster Benjamin Berndt, die AfD-Po­liti­ker:in­nen weitgehend unkritisch eine Bühne bieten. Während der rechtspopulistische Youtuber »Clownswelt« über »verzweifelte Linke« spottet oder beklagt, dass die AfD verfolgt werde, liefert der ex­trem rechte Influencer Niklas Lotz alias »Neverforgetniki« eine zugespitzte Form von Angstproduktion im reißerischen Boulevard-Stil. Seit August findet man bei ihm zahlreiche Videos, die im Thumbnail Siegmund zeigen. Lotz’ »Eilmeldungen« erregen die Gemüter zuverlässig: »Es eskaliert!«, »Schock!«, »Notfall!« Siegmund werde erpresst, durch »feige Anschläge« bedroht. Darauf folgen ebenso zuverlässig Videos über steigende Umfragewerte, das »Siegmund-Wunder« und die Zu­sicherung, dass er zurückschlagen werde. Die Dialektik: Das Publikum soll sich zugleich bedroht und überlegen fühlen. Die Behauptung der extrem Rechten lautet: Alles wird immer schlimmer – nur wir haben den »Mut zur Wahrheit«, und wir stehen kurz vor dem Sieg. Hier zeigt sich die Angstlust: Die Katastrophenmeldungen sollen erschrecken und zugleich als lustvolles Entertainment fungieren, liefern den Zu­schauer:in­nen Aufregung und Eindeutigkeit sowie die Genugtuung, zu wissen, was »wirklich geschieht«.

Zur Angstproduktion gehört, dass man sich selbst als Opfer inszeniert und das für das eigene Geschäftsmodell zu nutzen weiß. Lotz ruft unentwegt zum Abonnieren und Teilen seiner Inhalte auf mit der Begründung, dass das Unternehmen Youtube oder politische Geg­ner:in­nen ihn bedrohen würden. Unter den Bedingungen von Social Media verhelfen Sorgen und Skandale zu mehr Reichweite. Hier zeigt sich der digitale Autoritarismus, in dem sich die soziale Malaise verstärkt. Dem Publikum wird angeboten, sich als Verfolgte und Au­ßen­sei­ter:in­nen zu fühlen, zugleich kann es mit Klicks zum Erfolg der Bewegung beitragen.

Wahlentscheidung als lustvolle Grenzüberschreitung

Rechte Agitation verwandelt Angst und Ohnmachtsgefühle in Aggression und Trotz. Die Wahlentscheidung (»Dann wähle ich eben AfD«) wird als lustvolle Grenzüberschreitung inszeniert. Im kindlich-trotzigen Patriotismus erleben sich die An­hän­ger:in­nen als überlegen: Endlich zeigen »wir« es »denen da oben«! Der Tabubruch verspricht dabei Nervenkitzel: Untergangsstimmung auf der einen, Lust an der konformistischen Rebellion auf der anderen Seite. Die rechte »Gefühlsgemeinschaft«, wie der Sozialwissenschaftler Florian Spissinger sie nennt, bietet Feindbilder zur emotionalen Entlastung an: Minderheiten und politische Geg­ner:in­nen.

Auch die Medien können an der von der AfD angebotenen Angstlust teil­haben. Die Bild-Zeitung schrieb vom »Wahl-Krimi« und antizipiert Gewalt­szenarien, auf die sich die Polizei vorbereite, Der Spiegel erklärte auf seinem Titel Ulrich Siegmund zum »gefährlichsten Mann Deutschlands«, wodurch das Blatt ihm zugleich Gefährlichkeit, Bedeutung und Macht bescheinigt. Damit wird die Selbstinszenierung eines autoritären Politikers als übermäch­tige, unaufhaltsame Kraft nochmals verstärkt.

Die Angst einer sich bedroht wähnenden Mehrheit wird für die von ihr angegriffene Minderheit zur realen Bedrohung.

Siegmund wiederum kokettierte mit dem Spiegel-Cover. Auf der Bühne scherzte er, er habe Sorge gehabt, niemand wolle mehr mit dem »gefährlichsten Mann Deutschlands« zusammenstehen. Das Publikum lachte und jubelte. Was als als Warnung daherkam, geriet zur Mythisierung. Den AfD-An­hän­ger:in­nen wurde so bestätigt: Das Establishment hat Angst vor uns.

Die Angststrategie der AfD beschränkt sich freilich nicht auf den digitalen Raum. Wer politische Geg­ner:in­nen, Jour­na­list:in­nen und Minderheiten als Feinde markiert, erzeugt reale Angst. Darauf machte kürzlich der Magdeburger »Migra-Streik« aufmerksam, bei dem rund 130 migrantisch geführte Betriebe ihre Geschäfte für fünf Stunden schlossen, um kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (6. September) zu zeigen, was Rassismus, Ausgrenzung und die extreme Rechtsentwicklung im Bundesland für sie bedeuten. Die Angst einer sich bedroht wähnenden Mehrheit wird für die von ihr angegriffene Minderheit zur realen Bedrohung.

Die Gefährlichkeit der AfD zu bestreiten, wäre jene Verharmlosung, auf die die extreme Rechte selbst abzielt. Die Partei jedoch als unaufhaltsame Schreckensmacht darzustellen, bedient wiederum die Angstlust ihrer An­hän­ger:in­nen. Eine Praxis der Empathie, Wärme und Solidarität – ohne gesellschaftlich erzeugte Ohnmacht zu leugnen oder in Feindbilder zu übersetzen – könnte der Lust an aggressiver Enthemmung entgegenwirken. Doch wer bedroht wird, braucht seine Kraft oft für Verteidigung oder Rückzug. Umso weniger darf die Gegenwehr den An­gegriffenen allein überlassen bleiben.