Die wahren Herrscher der Welt
»Sie sind überall, sogar im Schlafzimmer. Ameisen-Alarm in Gelnhausen«, »Haßfurt leidet unter der Invasion der Ameisen«, »Plage in Jena«, »Ameisen übernehmen die Stadt«, »Zerstörerische Ameise auf dem Vormarsch« – den Nachrichten der vergangenen Monate zufolge ist das Ende nah: Die Ameisen scheinen die Weltherrschaft oder zumindest Deutschland zu übernehmen. Die Meldungen beziehen sich auf die Ausbreitung der invasiven Großen Drüsenameise. Die letzte Hoffnung darauf, dass wir diese Invasion eventuell überleben könnten, speist sich aus dem Umstand, dass Südeuropa, wo die Art heimisch ist, dem Vernehmen nach noch steht.
Wir Menschen sollten uns stets daran erinnern, dass wir hier nur zu Gast sind; zu Gast auf einem Ameisenplaneten. Auf der Erde leben schätzungsweise 20 Billiarden Ameisen, auf jeden Menschen kommen also 2,5 Millionen von ihnen.
Tatsächlich können Ameisenkolonien durch ihre Grabungsarbeiten große Schäden an menschlicher Infrastruktur anrichten, nicht immer ist ein harmonisches Zusammenleben möglich. Doch wir, also wir Menschen, sollten uns stets daran erinnern, dass wir hier nur zu Gast sind; zu Gast auf einem Ameisenplaneten. Das gilt gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen sind wir einfach eine kleine Minderheit. Auf der Erde leben schätzungsweise 20 Billiarden Ameisen, auf jeden Menschen kommen also 2,5 Millionen von ihnen. Zum anderen kreucht der Homo sapiens erst seit etwa 300.000 Jahren über die Erdoberfläche, die besagten Sechsbeiner hingegen tun das schon seit über 100 Millionen Jahren. Es gab sie also sogar schon zig Millionen Jahre vor dem Tyrannosaurus rex. Anders gesagt: Wenn die Erdenzeit der Ameisen einer Stunde entspräche, hätten wir Menschen erst 10,8 Sekunden existiert.
Nun könnte man einwenden: Pah, so viel Erdenzeit und so wenig Evolution – das spricht jetzt nicht unbedingt für diese Viecher. Man hat schließlich noch von keiner Ameise gehört, die auf den Mond fliegt. Doch das wäre nicht angemessen, denn nicht eine Ameisenart bevölkert die Erde, sondern es sind, im wahrsten Sinne, unzählige. Das heißt, einige von ihnen hat man durchaus gezählt: bis 15.700 ist man gekommen. Vermutet wird jedoch, dass es noch einmal so viele gibt. Klar, dass all diese Arten auch alle möglichen Eigenarten entwickelt haben. Manche betreiben Tierhaltung und melken Blattläuse, andere züchten Pilze, wieder andere jagen. Manche bauen Straßen oder Flöße oder können fliegen. Sie bilden Staaten; einige halten Sklaven und führen Kriege gegen andere Völker – im Grunde also alles so wie bei den Menschen.
Aber nicht wie bei Hunden! Coco melkt nicht, fliegt nicht, jagt nicht, züchtet nichts; sie baut keine Straßen und es gibt nur einen Hund in der Nachbarschaft, mit dem sie sich im Krieg befindet – die Kämpfe finden jedoch nur verbal statt. Vor allem aber breiten sich Haushunde nicht selbständig in Deutschland aus. Zumindest in dieser Hinsicht können Gelnhausen, Haßfurt und Jena also aufatmen.