Linke im Krieg
Die »Planeta Mall«, eine noch im Bau befindliche Shopping Mall in Charkiw, sieht nach wiederholten russischen Luftangriffen so aus, als würde sie wohl niemals eröffnen. Der Buchstabe P des Schriftzugs ist abgefallen, der riesige Rohbau des Gebäudes ist infolge der jüngsten Explosion schwer beschädigt und der Asphalt aufgerissen. Die Kamera fährt die Straße entlang, vorbei an den Panzersperren. Es ist August 2024, die Front ist von hier nur etwa 30 Kilometer entfernt. Schon zweieinhalb Jahre dauert die russische Großinvasion bereits an.
Manon Boltansky und Nico Dix sind für das linke französische Medium L’Anticapitaliste, das zur Partei Nouveau Parti anticapitaliste (NPA) gehört, in die Ukraine gereist und haben dort den 70minütigen Dokumentarfilm »Anti-Authoritarians at War« gedreht – ohne viel Erfahrung im Filmemachen, was man dem Ergebnis anmerkt, dafür aber mit reichlich Elan und dem redlichen Ansatz, die vom Krieg Betroffenen selbst sprechen zu lassen.
Powerbanks seien sehr begehrt, ebenso Helme, warme Unterwäsche und Nachtsichtgeräte. Und natürlich Tourniquets (Aderpressen), mit denen sich im Falle einer Verwundung Gliedmaßen abbinden lassen, um ein Verbluten zu verhindern.
»Als die Invasion begann, war ich total ratlos. Denn ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, dass es so kommen würde«, sagt Serhij Mowtschan im Film. Währenddessen sitzt der Kiewer in den Lagerräumen von Solidarity Collectives. Das antiautoritäre Freiwilligennetzwerk unterstützt die ukrainische Widerstandsbewegung. Als er aus seiner anfänglichen Schockstarre nach fünf Tagen erwacht sei, habe er sich den Solidarity Collectives angeschlossen und so eine Aufgabe gefunden: »Von diesem Moment an ging es mir viel besser.«
Er schildert, linke Kiewer Aktivisten hätten sich wenige Wochen vor Beginn der Großinvasion getroffen, um Strategien für den Fall eines russischen Angriffs zu diskutieren. Man habe sich für den folgenden Plan entschieden: Einige würden, sollte es so weit kommen, einer bestimmten Territorialverteidigungseinheit beitreten, welcher wird im Film nicht weiter ausgeführt, und die übrigen eine Freiwilligengruppe gründen, um diese zu unterstützen. So entstanden die Solidarity Collectives. Inzwischen hat die NGO mehrere Sektionen und versorgt auch Zivilisten und Tiere in Frontnähe mit Hilfsgütern. Sie veröffentlicht zudem Interviews und organisiert Diskussionsveranstaltungen, die sich an europäische Linke richten. Der Kern ihrer Arbeit bleibt jedoch die Unterstützung der Soldaten.
Solidarity Collectives
Serhij zeigt den Filmemachern, was in den Kisten und Regalen lagert: Powerbanks seien sehr begehrt, ebenso Helme, warme Unterwäsche und Nachtsichtgeräte. Und natürlich Tourniquets (Aderpressen), mit denen sich im Falle einer Verwundung Gliedmaßen abbinden lassen, um ein Verbluten zu verhindern. Serhij legt sich am linken Arm ein Tourniquet an, um die Funktionsweise zu demonstrieren. Er zieht es fest, immer fester, bis es schmerzt. Dann sitzt es richtig. Eine Handvoll Menschenleben habe die von Solidarity Collectives besorgte Schutzausrüstung schon gerettet, so Serhij. Das sei wohl das Wichtigste.
Die NGO tätigt auch größere Anschaffungen: Fahrzeuge für die Fortbewegung in Frontnähe und Kurzstreckendrohnen. Ein Beteiligter, dessen Gesicht – anders als bei den anderen Protagonisten – nicht gezeigt wird, präsentiert der Kamera seinen im Bau befindlichen Quadrokopter. Im Film nennen sie ihn »drone guy«.
Außer über freiwillige Helfer berichtet der Dokumentarfilm auch über Militärangehörige. »Es ist der härteste Beruf, ein kompletter Alptraum«, sagt Illja (sein voller Name wird nicht genannt) in Isjum über seine Tätigkeit als Sanitäter in einer Infanterieeinheit. Aber, führt er fort, das sei nun einmal die Aufgabe, die man in der Armee zu erfüllen habe. Auch Illja kommt aus der linken Kiewer Szene; in den ersten Tagen der Großinvasion beschloss er freiwillig, sich der Armee anzuschließen. »Das russische Regime ist sehr nah am Faschismus«, meint Illja.
»Einige linke Gruppen im Westen haben gegen den Film protestiert, manche von ihnen haben sogar vor den Vorführorten Demonstrationen veranstaltet«, berichteten die Filmemacher der »Jungle World«.
Natürlich sehe er auch die Widersprüche. Als Jugendlicher habe er seine damalige Einberufung einfach ignoriert. Das Armeesystem möge er bis heute nicht sonderlich. Doch er habe nun einmal eine Entscheidung treffen müssen: fliehen, in Kiew bleiben und womöglich unter russische Besatzung geraten oder sich dem bewaffneten Widerstand anschließen.
»Für uns ist die Lage klar: Die Ukraine wird von einem anderen Staat überfallen, besetzt und kolonialisiert. Die Ukraine hat das Recht, Widerstand zu leisten, und verdient unsere Unterstützung und Solidarität«, antworten die Filmemacher der Jungle World per E-Mail auf die Frage nach ihrer Motivation für den Dokumentarfilm. »Und der konkrete Weg, dies zu tun, besteht darin, unsere Genossen und ihre Organisationen zu unterstützen und den russischen Einfluss in unserem Land zu bekämpfen, der darauf abzielt, die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen.«
Den Ukrainern das Wort erteilen
Sie hätten einen Film machen wollen, der dem Lagerdenken der westlichen Linken entgegentritt und den Ukrainern selbst das Wort erteilt. »Es gibt immer noch viele Menschen und Organisationen im linken Lager, die viel über den Krieg in der Ukraine zu sagen haben und so tun, als wüssten sie besser als die Ukrainer selbst, wie man sich angesichts eines Kriegs verhalten soll.«
Die Low-Budget-Produktion basiert nahezu vollständig auf Gesprächen, die auf Englisch geführt werden: mit Serhij Mowtschan und dem Drohnenbastler in Kiew, dem Kampfsanitäter Illja in Isjum und dem Infanteristen Jurij in Charkiw. Letzterer wird wie Illja nicht beim vollen Namen vorgestellt. Da Dix und Boltansky weder Russisch noch Ukrainisch sprechen, ist Englisch freilich die naheliegende Wahl. Aber man hat den Eindruck, dass so einiges durch die Sprachbarriere verlorengeht. Und die Begegnungen mit Illja und Jurij fallen kurz aus, gerne hätte man mehr über sie erfahren.
Der Film zeigt, dass in der ukrainischen Armee entgegen den von der russischen Propaganda befeuerten Klischees von den »ukrainischen Nazis« durchaus Linke kämpfen und weitere sie unterstützen.
Informativ ist der Dokumentarfilm dennoch allemal. Er zeigt, dass in der ukrainischen Armee entgegen den von der russischen Propaganda befeuerten Klischees von den »ukrainischen Nazis« durchaus Linke kämpfen und weitere sie unterstützen.
Dass Probleme in der ukrainischen Gesellschaft ebenfalls zur Sprache kommen, verleiht der Dokumentation Glaubwürdigkeit. Mowtschan sagt, in der Ukraine herrsche die Vorstellung vor, dass es keine guten Russen gebe. Davon hält er wenig. »Der russische Imperialismus ist das Problem, nicht der genetische Code. Die Russen sind keine genetischen Sklaven, wie manche Rechtsextremen behaupten. Das Problem liegt beim herrschenden Regime.« Revanchistische Vorstellungen, sagt er, normalisierten ethnischen Nationalismus. Und selbst wenn die extreme Rechte in der Ukraine politisch bislang kaum eine Rolle gespielt habe, könne sich das infolge eines langen Kriegs ändern. Man merkt, dass ihm das Sorgen bereitet.
Inzwischen wurde Mowtschan in die ukrainischen Streitkräfte einberufen. »Illja und Jurij sind ebenfalls noch beim Militär und es geht ihnen gut, soweit das möglich ist, wenn man in einem so schrecklichen Krieg kämpft. ›Drone guy‹ baut immer noch Drohnen. Sie alle sind sehr beschäftigt, sehr müde und können es kaum erwarten, dass dieser Alptraum endlich endet«, so Boltansky und Dix. Die Solidarity Collectives setzen ihre Arbeit fort. Bei Vorführungen von »Anti-Authoritarians at War« in Halle, Berlin, Hamburg, Leipzig, Belgrad und Katowice im vergangenen Monat wurden Spenden für die Kiewer NGO gesammelt.
»Einige linke Gruppen im Westen haben gegen den Film protestiert, manche von ihnen haben sogar vor den Vorführorten Demonstrationen veranstaltet«, so die beiden Filmemacher. Die Aktionen seien von pazifistischen Gruppen ausgegangen, mit Slogans wie »No war but class war« – »leere Parolen, die aus der Bequemlichkeit wohlhabender Länder heraus gerufen werden, die sich nicht im Krieg befinden«. Das zeige, meinen die Regisseure, dass es viel Unwissenheit über die Lage in der Ukraine gebe – »und Unwissenheit ist ein fruchtbarer Boden für alle möglichen Verschwörungstheorien, Fake News und Propaganda«. Aber die Diskussionen nach den Vorführungen hätten einige glücklicherweise zum Umdenken veranlasst.