Manöverkritik mit Kim Jong-un
Seoul. Es blieben nur wenige Stunden. Am 16. August ließ US-Präsident Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social wissen, er habe Verteidigungsminister Pete Hegseth angewiesen, die US-amerikanische Beteiligung an der Übung »Ulchi Freedom Shield« »erheblich zu reduzieren«. In Südkorea war da bereits der Morgen des 17. August angebrochen, an dem das Manöver beginnen sollte. 18.000 südkoreanische Soldaten und eine unbekannte Zahl der etwa 25.000 im Land stationierten US-Soldaten, die daran teilnehmen sollten, wurden von dem Kurswechsel überrascht. Die Übung begann zwar wie geplant, denn Trump musste einräumen, dass sein Befehl für eine vollständige Absage zu spät komme. Allerdings wurde das Manöver schon am 21. statt am 27. August beendet. Die zweite Phase, für die der Gegenangriff nach einer nordkoreanischen Invasion erwartet wurde, entfiel ersatzlos; Geländeübungen wurden gestrichen oder durch Simulationen ersetzt.
Seine Anordnung begründete Trump damit, die Militärübung sei zu teuer und sende ein »völlig unangemessenes und feindseliges« Signal an Nordkorea, das sich ihm gegenüber stets »unbedrohlich und respektvoll« verhalten habe. Im letzten Teil seines Beitrags erwähnte Trump, dass der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung ihm die Unterstützung bei der »Denuklearisierung« des Iran mit den Worten »No thanks« verweigert habe. Der Zusammenhang ist offensichtlich: Die volle Beteiligung an dem Manöver steht unter dem Vorbehalt, sich an dem weit entfernten Iran-Krieg zu beteiligen. Das Abkommen über gegenseitige Verteidigung von 1953 zwischen den USA und Südkorea sieht gegenseitigen Beistand lediglich für den Fall eines Angriffs im pazifischen Raum vor.
»Bloomberg Economics« zufolge verdiente Nordkorea zwischen 2022 und 2025 etwa 14 Milliarden US-Dollar mit der militärischen Unterstützung Russlands.
Das halbierte Manöver war für Südkorea ursprünglich von besonderer Bedeutung: Mit ihm sollten die Voraussetzungen dafür geprüft werden, dass Südkorea im Kriegsfall die operative Befehlsgewalt über die eigenen Truppen zurückerhält, die bislang bei einem US-amerikanischen General liegt; seit 1994 hat Südkorea die Kontrolle über sein Militär im Frieden. Die Übertragung im Kriegsfall ist ein Kernvorhaben der Regierung Lee. Die neue US-amerikanische Verteidigungsdoktrin hält fest, Südkorea sei in der Lage, Nordkorea mit »kritischer, aber begrenzter« Unterstützung selbst abzuschrecken. Gekürzt wurde nun die Übung, die genau das zeigen sollte.
Auf der anderen Seite des 38. Breitengrads dürfte die Absage für Freude gesorgt haben. Nach Berechnungen von Bloomberg Economics nahm Nordkorea zwischen 2022 und 2025 rund 22 Milliarden US-Dollar an Devisen ein, fast das Vierfache des vorangegangenen Vierjahreszeitraums; etwa 14 Milliarden davon verdiente das Regime mit der militärischen Unterstützung Russlands. Die Bank of Korea, die Zentralbank Südkoreas, schätzt das nordkoreanische Wachstum für 2025 auf 3,5 Prozent, das dritte Wachstumsjahr in Folge. In der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang entstehen Hochhäuser, Restaurants und Ladesäulen für Elektroautos. Am Durchschnittseinkommen dürfte das bislang wenig ändern: Es liegt bei einem Achtundzwanzigstel des südkoreanischen und in den ländlichen Provinzen herrscht große Armut.
Die Armee Nordkoreas sammelt Kriegserfahrung in der Ukraine
Neben Devisen sammelt Nordkorea auch Kriegserfahrung. Von den rund 25.000 nordkoreanischen Soldaten, die nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdiensts seit Oktober 2024 von Russland eingesetzt wurden, kehrten etwa 3.000 zurück, um als Ausbilder weiterzugeben, was sie gelernt haben: insbesondere den Umgang mit Drohnen auf dem Schlachtfeld. Von den jüngst entsandten 8.500 Mann sind 400 Drohnenpiloten. Auf dem neunten Kongress der herrschenden Arbeiterpartei Nordkoreas im Februar wurde dann insbesondere der Ausbau des Arsenals ballistischer Raketen und zugehöriger Nuklearsprengköpfe beschlossen.
Ein Treffen mit Kim Jong-un noch in diesem Jahr, wie Trump es am 19. August ankündigte, wäre unter diesen Umständen kein Erfolg der Politik des Drucks, sondern deren Beendigung. Bei der Gelegenheit bezifferte Trump das nordkoreanische Arsenal auf »57 sehr mächtige Atomwaffen« – was den Schätzungen der Fachwelt entspricht. Kim Yo-jong, die Schwester des Machthabers, ließ tags darauf mitteilen, von Kontakten sei ihr nichts bekannt; das Verhältnis beider Staatsoberhäupter sei aber weiterhin ausgezeichnet. Nordkoreas Bedingung bleibt indessen dieselbe wie im Herbst 2025: Wer verhandeln wolle, müsse den Atomwaffenstatus des Landes respektieren. Am 20. August, wenige Stunden nach Trumps Ankündigung, feuerte Nordkorea rund zehn ballistische Kurzstreckenraketen ab.
Knapp 70 Prozent der Südkoreaner sprechen sich seit einigen Jahren dafür aus, das Land zur Nuklearmacht zu entwickeln.
In Seoul bezeichnete Lee sich als »Schrittmacher« einer Annäherung, während die konservative Opposition ihm vorwirft, die Sicherheit des Landes der Gipfeldiplomatie zu opfern. Ungerührt davon lehnt Nordkorea seit Jahren Verhandlungen mit dem Süden ab und strebt Verhandlungen mit den USA an, an denen Südkorea keinen Anteil hat. Wie wenig die Regierung in Seoul auszurichten hat, zeigte sich bereits im März: Nach der ersten Phase des US-amerikanisch-israelischen Kriegs gegen den Iran wurden Patriot-Batterien von der Halbinsel abgezogen, zudem sorgte die Verlegung von Werfern des Flugabwehrsystems Thaad innerhalb Südkoreas für Aufregung. Lee musste einräumen, seine Regierung lehne den Abzug ab, könne ihn aber nicht verhindern.
Die südkoreanische Antwort fällt aus, wie sie überall ausfällt, wo unter Trump Schutzversprechen der USA unsicher werden. Die Verteidigungsausgaben sollen auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, bis Mitte der dreißiger Jahre soll ein im Inland gebautes, atomgetriebenes U-Boot zu Wasser gelassen werden. Zugleich gibt es erneut Diskussionen über eigene Atomwaffen, die zuletzt der im Gefängnis sitzende ehemalige Präsident Yoon Suk-yeol aufgegriffen hatte. Knapp 70 Prozent der Südkoreaner sprechen sich seit einigen Jahren dafür aus, das Land zur Nuklearmacht zu entwickeln. Damit würde Südkorea den Atomwaffensperrvertrag brechen, so wie es Nordkorea vorgemacht hat.