Mittwoch, 27.02.2019 / 15:22 Uhr

»Knud gegen Böse«, Teil Achtzehn - „Den Affen nimmst du mit ins Grab“

Meine Damen und Herren, erinnern Sie sich noch, dass Ihr Blogger schon einmal an dieser Stelle erwähnt hat, dass es sich bei ihm um einen trockenen Alkoholiker handelt? Gut, sein letzter Alkoholrausch ist schon eine Weile her mittlerweile. Oder um es genauer zu schreiben: In der Endphase seiner aktiven Sucht, also in den Jahren 1994-96 trank Ihr Blogger an jedem Tag eine Flasche Wodka. Seine Welt bestand damals eigentlich nur noch aus einem kleinen Dreieck, dessen Eckpunkte seine Wohnung in der Wilmersdorfer Straße, die Filiale der Sparkasse in derselben Straße und ein Spätverkauf direkt gegenüber dem Haupteingang zum S-Bahnhof Charlottenburg waren. Ein typischer Morgen in dieser Zeit begann damit, dass Ihr Blogger gegen acht Uhr morgens mit der linken Hand die Flasche heranzog, die auf dieser Seite der betagten und komplett verdreckten Matratze die Nacht verbracht hatte. Gleich daneben befand sich ein Wasserglas und eine Tüte Chips, die meistens schon geöffnet war. Das hatte Ihr Blogger schon immer gern, und das ist bis heute so geblieben: Chips brauchen ein paar Stunden an der Luft im Inneren einer Wohnung.

Erst, wenn sie ein bisschen weich geworden sind, werden sie richtig lecker. Jedenfalls für Ihren Blogger. Dann folgte ein Ritual, von dem er bis heute nicht weiß, wie er es überleben konnte. Allein der Gedanke daran zwingt ihn bis heute zu einer Pause.

So. Die Pause hat einige Stunden gedauert. Und nun schreibt Ihr Blogger möglichst schnell hin, was vor zweieinhalb Jahrzehnten für ihn traurige Realität war. Bevor er merken konnte, wie viel Restalkohol sich noch in seinem Körper tummelte, goss er das Wasserglas neben sich halb mit lauwarmem Wodka voll. Am besten Landwirth's lauwarm von der Tankstelle seines Vertrauens. Im letzten Jahr seiner Alkoholkrankheit experimentierte Ihr Blogger auch mit türkischem Raki. Doch dieses Gift war einfach zu stark, um es als Frühstück zu sich zu nehmen. Noch Jahre später zeugten eingetrocknete Reste von hastig und wenig gekonnt aufgewischtem Erbrochenem von dieser düsteren Lebensphase. Doch zurück zu dem Frühstücksritual Ihres Bloggers.

Der goss den Inhalt des Glases in sich hinein, ohne auf den wütenden Protest seiner Geschmacksnerven zu reagieren. Und schaufelte Chips hinterher, bis auch sein Magen den Widerstand gegen die Folter aufgab.

Nach einer Wiederholung dieses Rituals stand Ihr Blogger auf. Öffnete eine Datei in seinem Computer und begann zu schreiben. Denn das vielleicht Schrecklichste an dieser morgendlichen Routine war, dass der Blogger genau wusste, was er tat. Von dem Moment an, wo er den ersten Satz schrieb, bis zu dem Moment, wo der Alkohol die Herrschaft über sein Gehirn übernahm, ihn also für die nächsten sechs bis zehn Stunden ausknocken würde, blieben ihm ungefähr dreißig Minuten. Eventuell sogar vierzig aber nur dann, wenn die Chips möglichst fett und billig waren.

Nach Ablauf dieser halben Stunde stellte Ihr Blogger zur Sicherheit sein Telefon ab. Hätte ja immerhin sein können, dass seine Auftraggeber bei ihm anriefen. Um mal nachzufragen, wann Ihr Blogger zu liefern gedachte. Doch da befand sich Ihr Blogger schon seit einiger Zeit in Vollrauschhausen. Da war es besser, gar nicht erst zu versuchen, am Telefon sinnvolle Sätze zu sprechen.


Jetzt wird es dringend Zeit für einen Themenwechsel. Denn schon die Erinnerung an seine Frühstücksgewohnheiten in den Mittneunzigern führten dazu, dass Ihr Blogger während des letzten Absatzes mehrfach planlos auf seinem Handrollstuhl durch seine Wohnung kutschierte. Gerade eben verharrte er mehrere Minuten lang vor einer Flasche mit kaltgepresstem Rapsöl. Und ertappte sich dabei, wie er anfing, minutenlang über die Farbe des Öls nachzudenken. War das nicht genau dasselbe dunkelgelb, wie es auch dieser billige Arrak gehabt hatte? Für den er damals immer von seiner Wohnung am Potsdamer Platz zum Anhalter Bahnhof geeilt war? Um sich am Bahnhof Friedrichstraße genauso eine Flasche zu kaufen? Sie dann zu Hause binnen einer halben Stunde zu leeren, um danach dem Fernseher dumme Antworten zu geben?

Meine Damen und Herren, es wird Zeit, diesen Blog hier und jetzt zu beenden. Denn ganz heimlich hat sich ein Zitat von Charles Bukowski ins Gehirn Ihres Bloggers geschlichen. Den großen Unterschätzten der amerikanischen Literatur. „Du kannst trocken sein, so lange du willst. Den Affen nimmst zu mit ins Grab“ lautet es.

Bleiben Sie mir gewogen. Wir lesen uns wieder.