Dienstag, 31.12.2024 / 10:09 Uhr

'Tödlicher Tango' - Keine Perspektive für Gaza

Auch vierzehn Monate nach Kriegsbeginn hat die israelische Regierung noch immer keinen Plan vorgelegt, wie es in Gaza weiter gehen soll. Davon profitiert die Hamas.

Schon im vergangenen Mai hat die israelische Armee (IDF) erklärt, der Krieg in Gaza sei militärisch gewonnen und nun komme es auf eine politische Lösung an.

Was mit dem Gazastreifen nach dem Krieg passieren soll, darüber allerdings schweigt sich die israelische Regierung weiter aus und so geht der Krieg weiter, es kam zu keiner Freilassung weiterer Geiseln und Millionen von Menschen müssen weiter unter katastrophalen Bedingungen in Zeltstädten oder Lagern leben. Auch die jüngsten Verhandlungen mit der Hamas über einen Geiselaustausch scheinen, wie die vorherigen, zu scheitern. 

Offenbar platzt nun hochrangingen israelischen Militärs der Kragen, denn üblicherweise halten sie sich mit politischen Stellungnahmen zurück. Entgegen dieser Praxis meldeten sich mehrfach in den vergangenen Tagen Offiziere zu Wort, um den Verlauf des Krieges und vor allem den Mangel einer Perspektiv für ein Gaza ohne Hamas-Regierung zu kritisieren:

Senior IDF officials warned Monday that failure to plan for Gaza's future governance could lead to a relapse of conditions that existed before the October 7 terror attack. "It’s that simple," one official said.

These warnings have been repeatedly delivered to Prime Minister Benjamin Netanyahu. Security officials emphasize that without decisive action on post-war governance, Hamas could rebuild its political power and regain control of Gaza. "In the absence of an alternative, Hamas will inevitably return to power. Decisions must be made now, before any hostage deals or cease-fire agreements," officials said.

(Bild: Zerstörungen in Gaza, Bildquelle: WAFA, Creative Common License)

Ganz ähnlich argumentieren seit Monaten Oppositionelle aus Gaza, die den Israelis vorwerfen, sie unternähmen nichts, um die politische Macht der Hamas zu schwächen. Statt eroberte Gebiete auch militärisch zu halten und sichern, zöge sich die IDF jediesmal wieder zurück und überlasse so der Hamas das Feld.

Dieser Kritik teilt Amichai Attali von Ynet:

The IDF has captured the city of Jabaliya in northern Gaza three times in the past year. Three times, with only the first being unavoidable. Each time the city was seized, numerous soldiers were killed – 40 in the ongoing third operation alone, with over 110 casualties across all three campaigns. (...)

So, what’s happening here? Nearly 15 months into the war, we continue a tango with our weakest enemy. We take one step forward, paying a heavy price in casualties and wounded, only to inexplicably take two steps back, vacating the area and allowing terrorists to return. Then, we quickly retake the same step forward, enduring the same costs, only to withdraw again after a costly recapture. (...)

In certain parts of Gaza, our forces have entered and exited as many as eight times, leaving a vacuum for terrorists to reoccupy each time. What’s happening behind the scenes that prevents us from pursuing victory?  
Fifteen months since the war began, we’ve demonstrated our military might, the resilience of Israeli society and the strength of the people’s army. Yet time and again, we fail to take the decisive step to finish the task. (...)

Still, repeatedly sending our sons to spill their blood in the same areas, feeding the enemy and encouraging their persistence — isn’t that a crime? "

So stellt sich in Israel immer öfter und lauter die Frage: Welches Ziel verfolgt die Regierung damit, den Krieg so in die Länge zu ziehen. Hat sie wirklich keinen Plan für ein Nachkriegsgaza ohne Hamas, sind die Differenzen innerhalb der Koalition so groß, dass sie zerbrechen würde, stellte man einen Plan, jenseits der Maximalforderungen der nationalreligiösen Rechten nach militärischer Okkupation und Wiedererrichtung israelischer Siedlungen, vor? Geht es der Regierung also nur darum, zu überleben und das auf Kosten der Bevölkerung in Gaza, der Geiseln und all der israelischen Soldaten, die täglich in Gaza kämpfen, verletzt oder sogar getötet werden?

Zu diesem Ergebnis jedenfalls kam Oppositionspolitiker Yair Golan, der kürzlich auf einer Kundgebung extrem deutlich wurde:

He declared that he would “replace this horrible government with ‘loyalists of Zionism’ and ‘democracy.’” Golan accused the government of running “toxic” propaganda promoting “lies, racism, and hatred” and of prolonging the war in Gaza as “a way to stay in power.” 

Stimmt seine Einschätzung, so ließe sich am Ende des Jahres zusammenfassen, dass anders als im Libanon gegen die Hizbollah, die israelische Regierung in Gaza keines ihrerr erklärten Kriegsziele - Zerschlagung der Hamas und Befreiung aller Geiseln - erreicht hat. Umfragen zufolge votiert dagegen inzwischen eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung für einen Waffenstillstand mit der Hamas und ein Abkommen zur Freilassung der Geiseln.