Land der Anständigen
"Als „gutes Land mit überwiegend netten, anständigen Leuten“ hat sich das nationalsozialistische Deutschland auch gesehen und ganz gezielt auf diesem moralischen Fundament die Vernichtung derer betrieben, die aus dieser geschlossenen Gesellschaft heraus definiert wurden." - Karl Berner
Allen Ernstes verhunzen sie jetzt, was doch so wichtig wäre, nämlich massenhaften Protest gegen Asylrechtsverschärfung und Kollaboration von CDU und FDP mit der AFD, indem sie das in Berlin "Aufstand der Anständigen - Wir sind die Brandmauer" taufen?
Ist es so verdammt schwer einmal zu googeln, um herauszufinden, dass "Anstand" eines der Lieblingswörter der Nazis war? Ja, dass Deutschland sich damals eben als durch und durch anständig betrachtete?
Da muss man gar nicht mit Himmlers Rede an die SS-in Posen kommen, die allerdings Grund genug sein müsste, in positiver Absicht das Wort Anstand in Deutschland nie, nie, nie wieder in den Mund oder gar erneut zum Demonstrationsmotto gegen Rechts zu machen. Aber nein, natürlich müssen sie pathologisch immer wiederholen, was schon beim ersten Mal schlicht unter aller Kritik war, als Friedenskanzler, Sozialkahlschläger und Putinfreund Schröder dazu aufrief.
Dazu hatte der Theologe Knut Berner schon vor langer Zeit einen wirklich guten Artikel geschrieben:
"Es gibt Begriffe, die so belastet sind, dass sie nicht mehr unbefangen benutzt werden können. „Anstand“ ist ein solcher Begriff. Heinrich Himmler nannte in seiner Rede vor SS-Offizieren am 4. Oktober 1943 in Posen diejenigen „anständig“, die den Anblick der von ihnen selbst produzierten Leichenberge aushalten konnten.
Mit „Anständigkeit“ wurden also Verbrechen gerechtfertigt, wie die neuere Forschung zur nationalsozialistischen Moral zeigt. Und doch darf man den Anstandsbegriff heutzutage ungestraft benutzen. Für den Begriff der Ehre dagegen gilt, dass er einen Straftatbestand darstellt, sofern die SS-Parole „Meine Ehre ist Treue“ verwendet wird.
Mit „Anstand“ darf unbekümmert operiert werden und der Begriff erlebt derzeit eine Renaissance im moralbegeisterten Deutschland:
Den Auftakt machte ausgerechnet am 4. Oktober 2000, nach dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge, der Aufruf Gerhard Schröders zum „Aufstand der Anständigen“ – sicher eine wohlmeinende Aktion, die aber keinerlei Problembewusstsein dafür erkennen ließ, dass es in früheren Zeiten gerade die sogenannten „Anständigen“ waren, von denen Gefahr für Synagogen ausging.
„Deutschland ist ein gutes Land mit überwiegend netten, anständigen Leuten“ – mit diesen Worten begann ein Leitartikel in der ZEIT vom 17. Februar 2011. Klar, die Schurkenstaaten sind immer woanders und in Deutschland gibt es das ja alles nicht: Machtmissbrauch, Rachephantasien, Nutzer von Internetpornografie, Fremdenfeindlichkeit, sarkastische Lehrer und Spielarten des Familienterrors. Die Pathetik des Elends haust woanders."