Dienstag, 06.05.2025 / 17:52 Uhr

Angriffe auf Drusen in Syrien: Es begann mit einem Gerücht

In den vergangenen Tagen kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen islamistischen und drusischen Milizen in Syrien. In Folge griff die israelische Luftwaffe mehrfach Ziele im Land an.

Alles begann mit einem Gerücht: Am Sonntag, dem 27. April machte auf den sozialen Medien eine Audioaufnahme die Runde, in der ein Mann den islamischen Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Die viralen Videos und Aussagen auf den sozialen Medien behaupteten, dieser Mann sei ein Kleriker der religiösen Minderheit der Drusen. Die drusische Community distanzierte sich sofort von den Inhalten der Aufnahme, der beschuldigte Kleriker Marwan Kiwan stritt ab, mit den Aussagen in der Aufnahme in Verbindung zu stehen. Die Regierung leitete Ermittlungen zur Aufnahme ein, ließ als Ergebnis der Ermittlungen zwei Tage später jedoch vermelden, dass sie keine Belege dafür gefunden hätten, dass der drusische Kleriker für die Aufnahme verantwortlich war.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Ereignisse jedoch schon längst ihren Lauf genommen, eine feindselige Stimmung gegen die religiöse Minderheit hatte sich entwickelt, angefacht von islamistischen Gruppen.

Angriffe auf Drusen

Islamistisch eingestellte Studierende bedrohten drusische Studierende in der Stadt Homs und griffen sie in ihren Wohnheimen an, sodass diese von dort fliehen mussten. Gleichzeitig sammelten sich islamistische Milizen, um einen Angriff auf die mehrheitlich drusischen Städte Jaramana, Sahnaya und Ashrafiya Sahnaya südlich von Damaskus zu starten. Ob diese Milizen formell der Regierung unterstehen oder nicht, ist bislang nicht geklärt.

Die drei Viertel unterscheiden sich: Jaramana war zumindest teilweise unter der Kontrolle des syrischen Staates, dort kämpften Polizeikräfte gegen die islamistischen Angreifer, syrische Truppen sicherten das Gebiet später ab, um es zu schützen. Ashrafiya Sahnaya und Sahnaya sowie Teile von Jaramana hingegen unterstanden bis zu diesem Zeitpunkt eigenen drusischen Milizen, die sich nicht dem syrischen Staat unterstellt hatten. Diese wurden vom einflussreichen drusischen Kleriker Hikmat al-Hijri geleitet, der die Regierung grundsätzlich ablehnt und drusische Autonomie fordert. Somit nutzten Truppen unter der formellen Kontrolle der Regierung die Gelegenheit, um die Viertel von den drusischen Milizen zu erobern, mit unklarer Rolle der islamistischen Milizen. Dabei kam es mutmaßlich auch zu Kriegsverbrechen, ein ehemaliger Bürgermeister und sein Sohn wurden erschossen, einige Zivilisten sollen exekutiert worden sein, bei der Gefangennahme wurden die Bärte der drusischen Männer gezielt abrasiert, was im drusischen Glauben als demütigend gilt. Anschließend wurde ein Waffenstillstand und ein Abkommen ausgehandelt und die drusischen Milizen mussten ihre Waffen abgeben, während lokale Polizeikräfte ihre Arbeit aufnahmen.

Kämpfe auch in Suwaida

Auch das südliche Suwaida nicht weit von der israelischen Grenze wurde in die Kämpfe involviert, das ebenfalls weitgehend eigenen drusischen Milizen untersteht. Drusische Milizen von dort versuchten, die Kämpfer in Sahnaya zu unterstützen, wurden aber auf dem Weg dorthin getötet, sodass sie diesen Versuch abbrechen mussten. Auch in Suwaida selbst gab es Kämpfe zwischen drusischen und sunnitischen Milizen sowie regierungsnahen Milizen, in denen auch Vorwürfe von Kriegsverbrechen gemacht wurden. Auch hier gab es Anfang Mai Verhandlungen und ein Abkommen, das vorsieht, dass al-Suwaida tendenziell in den Staat integriert wird, obwohl die drusischen Milizen bisher noch ihre Waffen behalten. Voraussetzung wurde hier aber, dass nur lokale Einwohner:innen Polizei- und Streitkräfte in der Region dominieren würden.

Die Ereignisse zeigen, wie vielschichtig die Situation in Syrien ist:

Einerseits haben tatsächlich islamistische Gruppen Drusen angegriffen und bedroht, wobei der Staat den Schutz der Drusen nur teilweise garantieren konnte. Hierbei machen sich verständlicherweise viele Drusen Sorgen ob ihrer zukünftigen Rolle in einem Staat, in dem islamistische Gruppen recht stark vertreten sind, Minderheitenrechte nur teilweise garantiert sind und jihadistische Gruppen noch immer im Land operieren können.

Innerdrusischer Konflikt

Andererseits jedoch gibt es einen Machtkampf zwischen Milizen und dem Staat, in der auch drusische Milizen involviert sind. Der syrische Staat versucht hier, das staatliche Gewaltmonopol zu erlangen und Milizen zu entwaffnen, also auch drusische Milizen. Dementsprechend waren die Kämpfe tendenziell auch darauf bedacht, das Land zu einen und Recht und Gesetz für alle herzustellen. Jedoch ist unklar, ob die islamistischen Milizen genauso entwaffnet oder eingehegt werden.

Und zuletzt gibt es einen Machtkampf innerhalb der drusischen Community zwischen jenen, die ihre Waffen behalten und mit israelischer Hilfe eine Art unabhängiges drusisches Gebiet mit eigenen Milizen bewahren wollen und jenen, die sich grundsätzlich schon unter Bedingungen in den syrischen Staat integrieren wollen und israelische Waffenhilfe ablehnen.

Die erste, auf Eigenständigkeit pochende proisraelische Fraktion wird vor allem mit dem drusischen Kleriker Hikmat al-Hijri und seinen Milizen verbunden, die auch in Sahnaya vertreten waren. Er lehnt die Regierung und Integration in staatliche Strukturen derzeit ab. Zudem spricht er von einer „Völkermordkampagne" und verlangt nach israelischer Waffenhilfe, um die drusische bewaffnete Unabhängigkeit zu bewahren. Damit stellt er jedoch eine Minderheit innerhalb der drusischen Gemeinschaft dar. Zudem ist wichtig zu wissen, dass al-Hijris Fraktion von Verbindungen zum ehemaligen Assadregime belastet ist und dementsprechend seine schlechten Beziehungen zur postrevolutionären syrischen Regierung beeinflussen.

Die zweite Fraktion ist eigentlich die Fraktion mit breiterer Zustimmung und wird von den anderen zwei hochrangigen Geistlichen Hammoud al-Hinnawi und Yusuf al-Jabrou vertreten sowie drusischen Milizen um die al-Balous-Familie. Auch diese sorgen sich um die Rechte der Drusen in Syrien, haben die islamistische Hetze ausdrücklich verurteilt und verlangen mehr Einschluss in der Regierung. Letztlich will diese Fraktion aber durchaus mit der neuen Regierung zusammenarbeiten, sie hatte sich während der Assadzeit tendenziell auf die Seite der Opposition gestellt. Sie lehnt die Avancen al-Hijris an Israel deutlich ab und verurteilt das israelische Vorgehen in Syrien.

Geopolitische Spannungen

Das Ganze findet im Kontext der geopolitischen Spannungen zwischen der Türkei, Israel und proiranischen Gruppen statt. Israels Regierung unter Netanjahu misstraut trotz des gegenüber Israel dialogbereiten Tons der neuen syrischen Regierung und stellt sie als „terroristisch“ dar, greift immer wieder Ziele in Syrien an, in dem Glauben, damit israelische Sicherheitsinteressen zu verfolgen. Die Drusen werden hier als eine Gruppe gesehen, die in der Form einer bewaffneten drusischen Autonomie eine neutrale Pufferzone zwischen Syrien und Israel darstellen könnte. Zudem sorgt man sich um den Einfluss der Türkei, die in Syrien mit syrischer Unterstützung Militärbasen einrichten möchte. Israel bombardierte syrische Militärbasen, kurz nachdem türkische Militärs diese für eine spätere Nutzung besichtigt hatten.

Al-Hijris Drusen-Fraktion involvierte dementsprechend Israel und sorgte tatsächlich dafür, dass israelische Drohnen und Flugzeuge regierungsnahe Milizen und sogar nahe dem Präsidentenpalast angriffen. Das konnte passieren, da al-Hijri-nahe Personen mithilfe einer Kampagne auf den sozialen Medien Einfluss auf die israelisch-drusische Community ausübten und den Eindruck erweckten, als verfolge die syrische Regierung einen Völkermord an den Drusen.

Warnung vor Völkermord

Dies konnte man auch auf den sozialen Medien im Westen finden, in denen vor allem israelische Drusen vor einem Völkermord warnten und in Israel eine humanitäre Intervention forderten. Zuvor hatte al-Hijri den Kontakt zu den israelischen Drusen verstärkt und syrische Drusen zu einer Fahrt zu einer drusischen Pilgerstätte in Nordisrael eingeladen, mit insgesamt 650 Teilnehmenden aus Syrien. Bis dahin hatten syrische und israelische Drusen fast 70 Jahre lang kaum Kontakt gehabt, da noch immer kein Friedensvertrag zwischen Israel und Syrien unterzeichnet ist.

Auch israelfeindliche proiranische und ehemals assadtreue Medien verfolgten dieses regierungskritische Narrativ, obwohl sie Israels Rolle im Gegenteil maximal negativ darstellten.

Umgekehrt wiederum gibt es weiterhin drusenfeindliche Hetze durch islamistische Seiten, insbesondere durch Gerüchte über angebliche Angriffe auf Moscheen, wo auch nicht immer klar zwischen al-Hijri und Drusen als gesamte religiöse Gemeinschaft unterschieden wird. Drusische Bedenken über die Zukunft des Landes werden hier oft als reine Assad- oder Pro-Israel-Propaganda hingestellt oder Drusen pauschal als Verräter dargestellt, die mit dem „Feind“ Israel Geschäfte machen würden.

Lage beruhigt

Momentan jedenfalls hat sich die Sicherheitslage in den Drusengebieten erst einmal beruhigt. Die Waffenstillstände und bisherigen Vereinbarungen über eine Integration der Drusen halten erst einmal, auch wenn noch immer viel Misstrauen herrscht.

Trotzdem jedoch zeigt die Lage, dass die drusische Existenz in Syrien unter der neuen Regierung nicht restlos garantiert ist und drusenfeindliche Gerüchte innerhalb kürzester Zeit schlimme Folgen haben können. Zudem haftet die drusische Gemeinschaft nun das Label einer Gemeinschaft von Verrätern an, was für die Gemeinschaft langfristig sehr gefährlich werden könnte.

 

Manuel Störmer ist freier Journalist (FB-Seite) für die Jungle World und YouTuber unter dem Alias "Lupen rein"