Freitag, 30.05.2025 / 12:28 Uhr

Ende der "deutschen Geschichtsgefangenschaft": Die Samthandschuhe gegen Israel werden ausgezogen

Im Fokus erklärt Gabor Steingart, was die Ära Merz für Deutschlands Haltung gegenüber Israel, den USA und Russland bedeutet.

Worauf im Kern dieses ganze selbstreferentielle Gerede über Staatsräson etc. führt, bzw. wovon es motiviert wird, fasst Gabor Steingart zusammen, indem er es schafft unter dem Titel "Deutschland war Gefangener der Hitlerzeit - mit Merz hat diese Haltung ein Ende", fast sämtliche Versatzstücke in ein paar Absätze zu packen, die seit Jahrzehnten in der Gegend herum oszillieren, mal eher von rechts:

Der Zweite Weltkrieg ist beendet, die Nachkriegszeit ist es nicht. Sie ragt bis in das 21. Jahrhundert hinein.

Der lange Schatten der Geschichte: Politische Gefolgschaft gegenüber der Siegermacht USA, Schuldgefühle gegenüber Russland (etwa 27 Millionen Russen wurden von der deutschen Wehrmacht getötet) und die bedingungslose Unterstützung Israels (sechs Millionen Juden hat der NS-Staat auf dem Gewissen) bildeten die neue deutsche Staatsräson. Deutschland war und blieb ein Gefangener der Hitlerzeit.

Auch im Inneren war dieses Nachkriegsdeutschland nie wirklich frei. Die Gespenster der Vergangenheit beherrschten unsere Parteien, die Schulräume und die Köpfe einer Intelligenzija, die im Kulturpessimismus eine neue gedankliche Heimat fand. Man bediente sich „im Secondhandshop der Unheilsgeschichte“, wie Botho Strauß in seinem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ 1993 anmerkte.

Und Deutschland war, Opfer natürlich, Gefangener nicht etwa Hitlers, sondern den Hitlerzeit - und wir alle wissen, so Zeit-Gefängnisse, das sind, steckt man erst mal drin, ganz üble Orte.

Nun also endlich der Befreiungsschlag in Sicht, dank Merz. Keine Schuldgefühle mehr gegenüber toten Russen (nicht etwas Sowjetbürgern bzw. Soldaten der Roten Armee), keine "bedingungslose Unterstützung" Israels mehr wegen ein paar Millionen getöteter Juden (eine bedingungslose Solidarität hat es so eh nie gegeben) und keine knechtische Gefolgschaft mehr gegenüber den Amis.

Deutschland ist endlich nicht mehr armer Gefangener der Geschichte, sondern kann nun, wer passt als Kronzeuge da besser, als der notorische Schwurbler Botho Strauss, die Ketten endlich sprengen.

So ein Zeugs wurde früher im völkischen Magazin oder der linksnationalen Postille publiziert - im so genannten Mainstreamjournalismus stand es natürlich auch so, wie es aus unzähligen anderen Texten und Reden durchschimmerte, nur wesentlich verdruckster und nicht in solcher Verdichtung. 

Heute wird es von wem verbreitet, der, laut Autorenportrait, "einer der bekanntesten Journalisten, Buchautoren und Medienmanager des Landes" und seine Meriten, bevor er bei "Fakten, Fakten, Fakten" landete bei Spiegel und Handelsblatt verdiente.

Und wie sieht diese neu gewonnene Freiheit konkret aus? So:

"Israel erfährt erstmals eine Behandlung ohne Samthandschuhe."

"Die ehemalige Sowjetunion wird nicht mehr zuerst als Opfer des Zweiten Weltkrieges gesehen, sondern als Täter des ersten europäischen Nachkriegskrieges."

"Die Vereinigten Staaten von Amerika werden nicht mehr als Erziehungsberechtigte der Bundesrepublik akzeptiert, sondern als Gegenspieler gesehen."

Das haben sich über Jahrzehnte aber so viele gewünscht und aufgrund biologischer Determinanten können sie es nicht mehr erleben, dass nun also der Zeitpunkt gekommen ist, in dem Deutschland aus diesem "Schatten der Vergangenheit" hinaustritt, die Bevormundung durch Alliierte Sieger ebenso wie Samthandschuhe abstreift und lästige Schuldgefühle gegenüber den paar Millionen toten Juden und Russen abwirft - und sollten Polen oder andere, die unvergleichliche Opfer unter deutscher Besatzung zu beklagen haben, uns dumm kommen - fällt dem Herren sicher auch ein, wie man denen klar machen kann, dass die Zeit der Samthandschuhe vorbei, bzw. wie Eike Geisel es schon 1995 bezeichnete das "Ende der Schonzeit" gekommen sei,