Israel: Diplomatie gegen Illusion
Die Freilassung der Geisel Edan Alexander und das Desaster der Netanjahu-Regierung.
Die Freilassung der israelisch-amerikanischen Geisel Edan Alexander durch die Hamas ist nicht das Resultat israelischer Stärke oder eines vermeintlichen militärischen Drucks, wie es Benjamin Netanjahus Regierung der Öffentlichkeit einzureden versucht. Sie ist vielmehr das Ergebnis diskreter, aber entschlossener Verhandlungen der US-Regierung mit der islamistischen Hamas – vermittelt durch Katar und Ägypten – und ein diplomatischer Affront gegenüber Jerusalem.
Der 21-jährige Alexander, seit dem 7. Oktober 2023 in Geiselhaft, wurde am 12. Mai freigelassen – nicht wegen israelischer Bomben, sondern durch amerikanische Diplomatie. Und das: ohne jede israelische Beteiligung. Die Trump-Regierung führte die Gespräche an Israel vorbei, offenbar desillusioniert vom Dauerkrisenmodus und der Taktik des Aufschiebens in Netanjahus Kabinett.
Dass Israel sich bei der Befreiung einer seiner Geiseln vollständig herausgehalten wurde, ist ein außenpolitisches Armutszeugnis. Das Büro des Premierministers musste eingestehen, an den Verhandlungen nicht beteiligt gewesen zu sein – eine Offenbarung, die die Angehörigen der Geiseln als das entlarvten, was es ist: ein sicherheitspolitisches und moralisches Totalversagen.
Yair Golan, Ex-General und Vorsitzender der linken Demokraten, sprach von einem „nationalen Desaster“, Oppositionsführer Yair Lapid nannte es ein „strategisches Versagen“ mit verheerenden Konsequenzen für Israels Sicherheit und internationales Ansehen.
Während Golan Netanjahu offen beschuldigt, aus politischem Kalkül den Krieg zu verlängern und die Geiseln zu opfern, betont Lapid die Gefahr für die strategischen Beziehungen zu den USA. Beide eint der Vorwurf: Diese Regierung dient sich selbst, nicht dem Land.
Militärischer Druck befreit keine Geiseln
In Washington hingegen hat sich eine Einsicht durchgesetzt, die in Jerusalem weiterhin tabuisiert wird: Militärischer Druck befreit keine Geiseln, sondern tötet sie. Donald Trumps neuer Nahost-Kurs zielt auf Deals, Waffenstillstände und politische Nachkriegsordnungen. Misstrauen und politische Müdigkeit gegenüber Netanjahu sind mittlerweile so offensichtlich, dass selbst rechte US-Medien kaum noch verbergen, wie sehr sich die Geduld mit dem israelischen Premierminister erschöpft hat.
Während Trump über Geiselabkommen und Treffen mit Mahmud Abbas nachdenkt, phantasieren Netanjahu und seine rechtsextremen Koalitionspartner Smotrich und Ben Gvir von der vollständigen Besetzung Gazas. Ihre Rhetorik ist apokalyptisch: von „Höllentoren“ ist die Rede, von einem „endgültigen Angriff“. Doch Edan Alexanders Freilassung zeigt: Es war nicht der Krieg, sondern die Diplomatie, die Wirkung zeigte.
Dealmaking
Dass Trump – der einstige „Dealmaker“ – auf Abkommen setzt, überrascht nur jene, die ihn für einen ideologischen Krieger hielten. In Wirklichkeit verhandelt er längst über Wirtschaftsdeals mit Saudi-Arabien, Waffenlieferungen mit Katar und diplomatische Pakte mit Ägypten – während Israel zur regionalen Randfigur wird. In Riad, Abu Dhabi und Doha geht es um Investitionen in Milliardenhöhe – aber kaum noch um Jerusalem.
Zunehmend wird klar: Die USA haben einen Nachkriegsplan. Israel nicht. Während Washington diplomatisch navigiert, verharrt Netanjahu im Kriegsmodus. Die strukturelle Unfähigkeit seiner Regierung, jenseits militärischer Gewalt zu denken, isoliert Israel zunehmend auf internationaler Bühne.
Dass die USA inzwischen ohne Rücksprache mit Jerusalem agieren – sei es bei der Huthi-Frage, den Iran-Gesprächen oder bei Geiselverhandlungen – markiert mehr als nur taktische Dissonanz. Es ist ein tiefer, strategischer Riss. Wenn selbst konservative US-Kreise das Vertrauen verlieren, dann befindet sich Israels Außenpolitik in einer fundamentalen Krise.
Es ist diese bittere Wahrheit, die sich nach Edan Alexanders Freilassung nicht mehr leugnen lässt: Der Gaza-Krieg ist längst mehr innenpolitische Überlebensstrategie als Sicherheitspolitik. Netanjahu klammert sich an die Illusion der militärischen Kontrolle – und lässt Diplomatie, nationale Verantwortung und internationale Verbündete hinter sich.