Dienstag, 01.07.2025 / 10:43 Uhr

Im Schatten der Theokratie: Wie Irans Juden in Angst leben

Nach dem Ende des Krieges mit Israel überzieht das Regime Juden im Iran mit einer neuen Repressionswelle.

Es ist eine eigentümliche Ironie der Geschichte, dass Juden seit Jahrtausenden im Iran leben, nur um sich im 21. Jahrhundert von einem Regime demütigen zu lassen, das in der Zwischenzeit Raketen baut, um Israel von der Landkarte zu tilgen, während es gleichzeitig stolz den parlamentarischen Sitz seines „jüdischen Vertreters“ präsentiert, als wäre die Existenz einer Minderheit bereits der Beweis ihrer Freiheit. Ein ayatollahisches Menschenzoo-Exponat mit koscherem Zertifikat.

Teheran, Shiraz, Isfahan: Städte, in denen sich vor Jahrhunderten Rabbiner, Philosophen und Kaufleute trafen – heute Schauplätze der Angst. Rabbiner verschwinden wie Spielsteine in einer Partie Schach, bei der die Mullahs stets Weiß spielen. Verhöre, Folter, Anklagen wegen Kollaboration mit Israel. Kollaboration – das Lieblingswort jeder autoritären Herrschaft, das so verlässlich wie ein vorislamisches Aquädukt fließt, um die Straße der Repression zu speisen.

Wir sind dem System dankbar“, tönt Dr. Homayoun Sameh, der brave jüdische Abgeordnete im Madschlis, mit der rhetorischen Inbrunst eines Mannes, dem gerade sein Leben versprochen wurde, sofern er die richtigen Sätze sagt. Natürlich sind sie dankbar. Dankbar, dass sie leben. Dankbar, dass ihre Kinder noch zur Schule gehen dürfen, unter der strengen Aufsicht eines Staates, der weniger Angst vor nuklearer Verseuchung als vor WhatsApp-Gruppen jüdischer Mütter hat. Denn diese Mütter schicken verschlüsselte Botschaften: „Morgen kommt eine Überschwemmung“, heißt es, und jeder weiß, dass damit keine Wetterwarnung gemeint ist.

Während Israel iranische Atomanlagen pulverisiert, pulvert der Iran zurück – mit Verhaftungswellen gegen Juden, die „Kontakte nach Israel“ pflegen. Wer Verwandte im Ausland hat, lebt gefährlich. Wer keine hat, lebt auch nicht sicher. Es genügt der falsche Nachname, ein Telefonat, ein Gerücht – und man verschwindet. Die Theokratie ist effizient: Sie braucht keine Gulags wie Stalin; ein paar Gefängnistrakte und eine hingehauchte Drohung reichen, um eine ganze Minderheit zum Schweigen zu bringen.

Man könnte fast Mitleid empfinden mit den Rabbis, die gezwungen sind, Zionismus mit ISIS gleichzusetzen – als ließe sich die jahrtausendealte Sehnsucht nach Jerusalem mit den Kopf-ab-Videos kahlrasierter Wüstendschihadisten vergleichen. Aber Ironie ist hier ein schwaches Mittel. Eher eine Erinnerung daran, dass der Iran einst das „Paris des Nahen Ostens“ war. Heute ist er das Nordkorea mit Teppichindustrie und Atombombenambition.

Die Juden selbst schweigen. Sie wissen, dass jede Silbe tödlich sein kann. Ihre WhatsApp-Gruppen sind still, ihr Internet abgeschaltet, ihre Körper in den Häusern eingesperrt wie Schachfiguren im Endspiel – dem Endspiel der Mullahs gegen die Moderne, gegen Israel, gegen alles, was nicht in ihre schiitisch verklebte Welt passt. „Die Regierung hasst Juden nicht – sie fürchtet Zionisten“,heißt es. Ein Satz so absurd wie beruhigend, denn er beweist: Der Antisemitismus hat seine PR-Agentur professionalisiert.

Und während sie dort im Dunkeln sitzen, beten sie, dass Bibi kommt und sie rettet. Ausgerechnet Bibi – der Mann, der im eigenen Land als Inbegriff der Korruption und der Käuflichkeit gilt, gilt ihnen als Messias. Vielleicht weil nur ein Scharfmacher Scharfmachern entgegentreten kann. Ihre Träume sind nicht revolutionär, sondern restaurativ: „Zurück zu den Tagen des Schahs“, seufzen sie, als wäre der Shah ein persischer Moses gewesen, der sie aus der Wüste der Scharia ins gelobte Land kapitalistischer Moderne führte.

Aber für jetzt bleibt ihnen nur die Loyalität. Loyalität als Überlebensstrategie. Loyalität als Verzweiflungstat. Loyalität als letzter Schrei einer Gemeinschaft, die zwar lebt, aber nicht frei ist. Sie sind 0,02 Prozent der Bevölkerung, aber 100 Prozent der Angst. Vielleicht feiern sie Pessach 2026 in Shiraz. Vielleicht in Dubai. 

Nur eines ist sicher: Solange im Iran Theokratie herrscht, bleibt Frieden für die dortigen Juden eine bloße Verheißung.