Dienstag, 19.08.2025 / 20:18 Uhr

Israel: Tag des Stillstands

In Israel hatten Angehörige der Geiseln einen „Tag des Stillstands“ ausgerufen. Es nahmen Hunderttausende teil.

Der Beschluss einen "Tag des Stillstands" als Streik- und Protesttag auszurufen, markierte die letzte Verschärfung des Protests der Angehörigen der Geiseln, und war der unmittelbaren Lebensgefahr der Geiseln geschuldet. Gemeinsam mit dem "Oktober-Rat", einem Zusammenschluss von Familien, die am 7.10. ihre Liebsten verloren haben und einen Untersuchungsausschuss fordern, wurde am 17. August landesweit zum Streik und ferner zu Verkehrsblockaden, Straßensperren, Demonstrationen und Solidaritätsveranstaltungen aufgerufen. Von der libanesischen Grenze bis Eilat waren 300 Aktionen geplant, zu denen am Protesttage selbst noch eine Reihe spontaner Aktionen hinzukamen. 
 

Mit dem "Tag des Stillstands" sollte Druck auf die Regierung gemacht werden, von den Plänen zur Eroberung des Gazastreifens abzurücken und statt dessen ein Abkommen zu formulieren, dass ein Ende des Krieges für die Freilassung aller Geiseln beinhaltet - ein vollumfängliches Abkommen, wie es die israelische Regierung bis heute nicht auf den Tisch gelegt hat. Des Weiteren sollte mit dem "Tag des Stillstand" die Solidarität mit den Angehörigen befestigt werden. 
 

Seit Monaten Proteste
 

Die Ausrufung eines Streik- und Protesttages folgte Wochen und Monaten, in denen sich Protestformen parallel zu den Kundgebungen auf dem Platz der Entführten etabliert haben. So gibt es jeden Samstag Abend (eine Stunde vor der Kundgebung auf dem Platz der Entführten) gewaltige Kundgebungen vor dem Verteidigungsministerium (auf der Seite, auf der das Azraeli ist), die eine der Hauptverkehrsadern der Stadt blockieren. Neben angemeldeten Kundgebungen wurde im den letzten Wochen und Monaten auch zunehmend ziviler Ungehorsam geprobt. Ich weiß als "Insider", dass es im Forum der Angehörigen Diskussionen und Auseinandersetzungen über die Form der Proteste und Kundgebungen und deren zunehmende Politisierung gibt. 
 

Tatsächlich finden sich unter den aktiven Unterstützer*innen der Angehörigen überproportional viele "Kaplanisten", wie die Israelis genannt werden, die gegen den Justizputsch auf die Straße gegangen sind. Bei den Kundgebungen der letzten Wochen, die Zehntausende in Tel Aviv und weitere Zehntausende an verschiedenen anderen Orten auf die Straße brachten, fiel auf, dass die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer weiß, säkular und liberal sind. 
 

In meinem Viertel, in dem keine säkularen Ashkenazi leben, gibt es kein einziges Plakat und auch sonst keine Hinweise auf die Geiseln. In den Entwicklungsstädten in der Peripherie ist das Thema auch weitgehend aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Die sektorial sehr unterschiedlich ausgeprägte Solidarität mit den Angehörigen sind "ein Problem", wie mir Angehörige bestätigt haben, als ich sie direkt darauf angesprochen habe. 
 

Von der überwältigenden Mehrheit geteilte Forderungen
 

Obwohl das aktive Engagement sehr unterschiedlich ausgeprägte ist, muss gesagt werden, dass die Forderungen nach einem umfassenden Abkommen von der überwältigenden Mehrheit der Israelis geteilt wird - trotz aller Versuche die Proteste und ihrer Akteure zu diskreditieren und zu dämonisieren. 
 

In Ramle, wo ich lebe, war vom Streik- und Protesttag nichts und rein gar nichts zu spüren, während in den liberalen Städten das Leben sehr stark beeinträchtigt wurde. In den Medien wurde scharf über die Deutung des Tages gestritten. Vertreter der Regierung bezeichneten den Tag als Fehlschlag für die Linke, sich als Massenbewegung darstellen zu wollen. Gleichzeitig stellten sie die zum Teil sehr medienwirksam inszenierten Verkehrsblockaden als Unterstützung der Hamas dar. 
 

Bemerkenswerte Aktionen im Laufe des Tages waren die Ausbreitung einer übergroßen Fahne mit den Bildern der Geiseln als Auftakt um 6.29. Präsident Herzog und "Wonder Woman" Gal Gadot trafen Angehörige auf dem Platz der Entführten. Arbel Yehud warnte mit Yarden Bibas in einem eindringlichen Statement davor, dass der militärische Druck die Geiseln tötet. Danny Elgarat, der Tage zuvor erfahren hat, dass sein Bruder Itzik in Geiselhart zu Tode gefoltert wurde, führte den Protestzug in Ness Ziona an. Am Grab von Ben Gurion wurde eine riesige menschiche gelbe Schleife gebildet, in Jerusalem kam es zur gewaltsame Räumung einer Straßenblockade, auf verschiedenen Überlandstraßen wurden Reifen verbrannt. Im ganzen Land gab es 38 Festnahmen von Protestierenden. 
 

Symbolische Hochzeit
 

Und es wurde eine symbolische Hochzeit gefeiert. Ilana Gritzewski, Überlebende palästinensischer Geiselhaft, bei einer symbolischen Hochzeit mit ihren Partner Matan Zangauker, der noch in Gaza festgehaltenen wird. Einav Zangauker, die Mutter von Matan Zangauker bei ihr und begleitet werden sie von Vätern von Geiseln. Einer von ihnen Jonathan Polin.
 

Polin hatte im letzten Monat Netanyahu aufgefordert, aufzuhören sich dafür zu loben, dass er 205 Geisel zurückgebracht zu haben. Er bezeichneten es als gefühllos gegenüber seinem Sohn und anderen, die tot zurückgekehrt sind aber mit einem Abkommen hätten gerettet werden können. 
 

Der Aufruf zum Streik und Konsumboykott am 17. August war wenig erfolgreich (die Kreditkarten Umsätze braven um nur 5,5% ein) aber am Abend kamen allein in Tel Aviv 400.000 Menschen zur zentralen Kundgebung zusammen. 
 

Tatsächlich war bei der Massenkundgebung eine etwas größere Diversität der Teilnehmer*innen festzustellen, als bei den wöchentlichen Kundgebungen. 
 

Trump als Hoffnungsträger
 

Die mit Drohnen gemachten Bilder sind schon jetzt ikonisch und wurden umgehend an den geschickt, auf dem alle Hoffnung liegt - US Präsident Trump. Dieser wurde bei der Kundgebung von verschiedenen RednerInnen direkt auf Englisch mit der dringenden Bitte adressiert, Druck auf die israelische Regierung zu machen. "Seal the Deal - Stop the War". 


 Bei der zentralen Kundgebung sprachen u.A. Herut Nimrodi, die Mutter von Tamir Nimrodi, Makabit Meyer, die Tante der Berman Zwillinge, Einav Zangauker, die Mutter von Matan Zangauker, Ruby Chen, der Vater von Itay Chen, Ofir Braslavski, der Vater von Rom Braslavski, Jehuda Cohen, der Vater von Nimrod Cohen, Dvir Kuperstein, der Bruder von Bar Kuperstein, Hanna Cohen, die Tante von Inbar Heimann, Kobi Ohel, Vater von Alon Ohel, Michel Ilouz, Vater von Guy Ilouz, Anat Angerst, Mutter von Matan Angerst, Ester Gantz, die Tante von Omer Neutra, Eyal Eshel, Vater von Romi Eshel. 

Die klare unmissverständliche Botschaft: Bringt sie zurück, beendet den Krieg.

 

Mehrere RednerInnen haben "Dai!" uns Mikro geschrien. Es reicht. Und Hunderttausende haben mit "Dai!" beantwortet. Jedes Mal wenn der Name des Premiers fiel gab es ohrenbetäubende Pfiffe und Buh Rufe. 

 

Einav Zangauker rief der Menge zu, dass Netanyahu den gerechtesten aller Kriege zu einem politischen Krieg gemacht hat, der einzig für sein politisches Überleben weitergeführt wird. 


 Ruby Chen erinnerte daran, dass Netanyahu die Hamas stark gemacht hat und sich der 7. Oktober während seiner Schicht ereignet hat. Er forderte den Premier auf, seiner moralischen Pflicht nachzukommen und für die Freilassung der Geiseln zu sorgen. 

 

Jehuda Cohen stellte klar, dass sein Sohn Nimrod, der am 7.10. gekämpft hat und gefangen genommen wurde und als lebende Geisel in Gaza festgehalten wird, sich nicht rekrutiert hat, um für die Besatzung des Gazastreifens geopfert zu werden. 

 

Und Anat Angerst: „Wir haben es geschafft. Das israelische Volk hat heute auf der Straße gesiegt [...] So sieht Patriotismus aus. Wir fordern, dass unsere Soldaten nicht mehr in Gaza geopfert werden, dass die Geiseln gerettet werden und dass der Krieg, der schon lange ziellos ist, beendet wird.“