Der Irak als Rekrutierungsgebiet für Russlands Krieg in der Ukraine
Verzweiflung, Korruption und ausländischer Einfluss machen junge Iraker zu Kanonenfutter für die russische Armee, die Nachschub für ihren Angriffskrieg in der Ukraine braucht.
Wie Videos aus der Ukraine belegen, rekrutiert Russland junge Iraker für seinen Angriffskrieg in dem osteuropäischen Land. Die Aufnahmen, von denen der Direktor der NGO Ideas Beyond Borders Faisal Saeed al-Mutar für Middle East Uncovered berichtet, zeigen junge Männer, einige kaum aus dem Teenageralter heraus, in russischen Uniformen in der Ukraine. Einer von ihnen sagt in die Kamera, dass er »an der Front« sei und möglicherweise nicht zurückkehren werde. Ein anderer erklärt: »Lasst euch von niemandem täuschen, hier gibt es keine Sicherheit, die Gefahr liegt bei über 95 Prozent.«
In einem Clip meint ein irakischer Kämpfer: »Wer hochgeht, kommt verwundet zurück, und wer nicht zurückkommt, ist tot.« Andere sprechen von verschwundenen Kameraden: Diejenigen, die sterben, werden nicht offiziell für tot erklärt, sondern gelten nur als »vermisst«, damit ihr Einsatz nicht öffentlich wird. So bleiben die Familien nicht nur ohne abschließende Antworten über den Verbleib ihrer Söhne, sondern auch ohne Gräber, die sie besuchen können. »Stellen Sie sich Iraker vor, die den Krieg von 2003, den Bürgerkrieg und den Islamischen Staat überlebt haben und nun in einem Krieg, der nichts mit ihnen zu tun hat, Tausende von Kilometern entfernt in Schützengräben sterben müssen«, schrieb al-Mutar in seinem Bericht.
Ausnutzen der Armut
Die russischen Rekrutierer versprechen armen Irakern Geld, Land und eine Zukunft. Ein irakischer Kämpfer erklärte, ausländische Rekruten erhielten einen Unterzeichnungsbonus von 10.000 bis 20.000 Dollar, ein Monatsgehalt von 2.500 Dollar, ein Stück Land und nach einem Jahr Dienst einen russischen Pass. Ein anderer ergänzte, seine Familie erhalte im Falle seines Todes eine Entschädigung von 200.000 Dollar – sofern seine Leiche jemals geborgen wird. »In Bagdad bietet die Regierung nichts als Arbeitslosigkeit und Demütigung. In Moskau wird der Tod als Chance verkauft,« kommentierte al-Mutar das Angebot der russischen Armee, mit dem es junge Iraker ködert.
Ursprünglich war es die berüchtigte Wagner-Gruppe, die mit der Rekrutierung im Irak begonnen hatte. So gab Wagner etwa im Jahr 2023 den Tod von Abbas Witwit, einem Iraker aus Babil, bekannt und bezeichnete ihn als Helden. Tatsächlich war er aus einem russischen Gefängnis rekrutiert und in die Schlacht von Bachmut transferiert worden, bevor er in einem Sarg in den Irak zurückkehrte. Nach der Meuterei von 2023 und dem anschließenden Tod seines Gründers Jewgeni Prigoschin geschwächt, hinterließ Wagner ein System, das durch das russische Militär am Leben erhalten wurde: Gefängnisse, Flüchtlingslager und zerrüttete Volkswirtschaften werden durchkämmt, um die Reihen der Truppen aufzufüllen. Der Irak mit seiner erschreckend hohen Jugendarbeitslosigkeit ist ein fruchtbarer Boden dafür.
»Und genau darin liegt der Skandal. Jeder weiß davon«, empörte sich al-Mutar. So verfüge der irakische Geheimdienst über Akten zu den Rekrutierungsnetzwerken. Familien sprächen hinter vorgehaltener Hand über Söhne, die mit dem Flugzeug nach Russland »zur Arbeit« gehen, nur, um dann spurlos zu verschwinden. Sogar europäische Regierungen ermitteln gegen einen irakischen Abgeordneten, der beschuldigt wird, im Austausch gegen Geld den Transfer von Kämpfern arrangiert zu haben.
Eine Quelle berichtete gegenüber Middle East Uncovered, dass ein amtierendes Mitglied des irakischen Parlaments daran beteiligt gewesen sei, Freiwillige im Austausch gegen hohe Gehälter zum Kampf in die Ukraine zu schicken. Das offizielle Bagdad aber schweige: »Keine Ermittlungen, keine Strafverfolgung, keine Empörung. Der herrschenden Klasse, die sich aus Ölgeldern und Milizpatronage finanziert, ist es egal, ob irakische Jungen in Kiew oder Charkiw sterben, solange ihre eigenen Söhne in London oder Paris in Sicherheit sind«, resümierte al-Mutar.
Schiitische Milizen profitieren
Der irakische Journalist weiß auch von weiteren Gerüchten zu berichten. So meinten einige Quellen innerhalb des Iraks, dass die schiitische Miliz Harakat Hisbollah al-Nujaba unter der Führung von Akram al-Kaabi eine der Fraktionen sei, die an der Rekrutierung beteiligt sind. Dabei betrage der gängige Preis für einen Kämpfer 4.000 Dollar, von denen 2.000 direkt an die Fraktion gehen, welche die Rekrutierung durchführt. Es liege also nicht nur russische Ausbeutung der irakischen Armut vor, wie al-Mutar schreibt, sondern auch irakische Fraktionen, »die ihre eigene Jugend an die Kriegsmaschinerie Russlands verkaufen. Und die Stellvertreter des Irans im Irak profitieren von dem Blutgeld.«
Der Irak sei in den Ukraine-Krieg eingetreten, dies jedoch nicht aus strategischen Gründen oder aus Souveränität, sondern durch Menschenhandel, so die Conclusio des Middle-East-Uncovered-Berichts. Irakische Jugendliche würden an die russische Kriegsmaschinerie verkauft, »weil ihre Führer zu Hause sie im Stich gelassen haben. Das passiert, wenn ein Staat in Korruption und Abhängigkeit vom Ausland versinkt: Die Körper seiner jungen Männer werden zu Exportgütern.«
Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch