Iranische Universitäten: Von Chancengleichheit keine Rede
Die iranische Hochschulaufnahmeprüfung: Ein Instrument für Korruption und Ungleichheit.
Die als Konkur bekannte nationale Hochschulaufnahmeprüfung im Iran ist nicht nur eine akademische Prüfung, sondern ein entscheidender Wendepunkt im Leben von Millionen junger Iraner und ihrer Familien. Das Schicksal unzähliger junger Menschen, insbesondere von Frauen, ist eng mit dem Ergebnis dieser Prüfung verbunden. Für viele Mädchen ist die Zulassung zu einem renommierten Studiengang mehr als nur eine akademische Leistung; sie ist der Weg zu Unabhängigkeit und Freiheit von patriarchalischen Traditionen und restriktiven sozialen Normen. Sie öffnet Türen zu persönlichem Wachstum, Autonomie und einer Zukunft, die sie zumindest in Teilen selbst gestalten können.
Umgekehrt versperrt das Scheitern beim Konkur oft den Zugang zu diesen Möglichkeiten. Viele Mädchen, die keinen Erfolg haben, sehen sich mit einer düsteren Realität konfrontiert: einer frühen Heirat und einem Leben, das von gesellschaftlichem Druck geprägt ist, oft bevor sie noch körperlich oder emotional reif sind. Während männliche Jugendliche, welche die Prüfung nicht bestehen, noch alternative Wege in die Arbeitswelt einschlagen können, ist die Hochschulaufnahmeprüfung für viele Mädchen die einzige realistische Chance, sich ein halbwegs unabhängiges Leben aufzubauen. Damit ist die Prüfung nicht nur ein akademischer Meilenstein, sondern auch eine tiefgreifende soziale und sogar menschenrechtliche Frage im Iran.
Von Fairness zu Korruption
Die Prüfung war ursprünglich als Symbol der Leistungsgesellschaft gedacht, das allen Schülern unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen bieten sollte. In einer Gesellschaft, in der systemische Ungerechtigkeit weit verbreitet ist, war sie einer der wenigen Bereiche, in denen Fairness und harte Arbeit wirklich über die Zukunft eines Menschen entscheiden konnten.
In den letzten Jahrzehnten hat sie sich jedoch zu einem der gravierendsten Beispiele für strukturelle Korruption und Ungleichheit im iranischen Bildungssystem entwickelt. Jedes Jahr konkurriert über eine Million Schüler um die Plätze in den begehrten Studiengängen wie Medizin, Ingenieurwesen und Rechtswissenschaften. Das Endergebnis hängt jedoch zunehmend nicht mehr von Talent oder Ausdauer ab, sondern von speziellen Quotensystemen, die bestimmte politisch vernetzte Gruppen massiv begünstigen.
Die Quoten wurden ursprünglich eingeführt, um Familien zu unterstützen, die vom verheerenden Iran-Irak-Krieg (1980 bis 1988) betroffen waren. Ursprünglich sollten sie den Kindern von Kriegsopfern, behinderten Veteranen und Angehörigen des Militärs oder der Sicherheitskräfte helfen. Heute sind diese Quoten zu einem Instrument geworden, um die herrschende Elite zu erhalten und zu stärken. Die Vorteile gelten mittlerweile nicht nur für die Kinder, sondern sogar für die Enkelkinder dieser Gruppen. Gleichzeitig sehen sich Millionen anderer Studenten, die jahrelang unermüdlich gelernt haben, mit einer Mauer institutioneller Diskriminierung konfrontiert.
Laut offiziellen Daten, die von der iranischen Nationalen Organisation für Bildungstests im Jahr 2023 veröffentlicht wurden, sind über dreißig Prozent der Plätze in stark nachgefragten Fachbereichen für Quotenbewerber reserviert. Das bedeutet, dass ein Student mit einem nationalen Rang von etwa 123.000 dank einer Quote an einer medizinischen Hochschule studieren kann, während einem anderen Studenten mit einem Rang unter den Top 100, aber ohne Beziehungen, die Zulassung zu Spitzenuniversitäten wie der Universität Teheran verweigert wird. Diese eklatante Ungleichheit hat die Bildungsgerechtigkeit zerstört und zu einem starken Rückgang der akademischen Qualität geführt.
Vertrauensverlust
Die Folgen dieses Systems sind im Bereich der öffentlichen Gesundheit besonders alarmierend. Es gibt zahlreiche dokumentierte Fälle von Studenten, die mit nahezu null Punkten in den Kernfächern in sensible Bereiche wie Medizin oder Pharmazie aufgenommen wurden. Stellen Sie sich einen zukünftigen Arzt vor, der nur zwei Prozent der Biologiefragen richtig beantwortet, zwölf Prozent in Chemie und null Prozent in Physik erreicht hat, aber dennoch allein aufgrund einer Quote zum Medizinstudium zugelassen wurde. Dies stellt eine stille Katastrophe für das iranische Gesundheitssystem dar.
Die Gefahr reicht zugleich über die Grenzen des Irans hinaus, da solche schlecht ausgebildeten Ärzte später ins Ausland abwandern oder an regionalen Gesundheitsprojekten teilnehmen können, was Risiken in größerem Umfang mit sich bringt.
Auf gesellschaftlicher Ebene haben diese Quoten die Spaltung unter den jungen Iranern vertieft. Für viele Teenager ist der Konkur ihre erste echte Begegnung mit dem – vorgeblichen – Konzept von Gerechtigkeit und fairem Wettbewerb. Erkennen sie, dass Erfolg nicht von Anstrengung, sondern von politischen Privilegien abhängt, verlieren sie ihr Vertrauen in das Bildungssystem – und in die Regierung. Diese Desillusionierung schürt die wachsende Welle des Braindrain, der im Iran als farar-e maghzha (»Flucht der Gehirne«) bekannt ist. Jedes Jahr verlassen mehr und mehr talentierte und fleißige junge Menschen den Iran, wodurch das Land seines wertvollsten Humankapitals beraubt wird und sich der Kreislauf der Unterentwicklung intensiviert.
Jeden Sommer, wenn die Prüfungsergebnisse bekannt gegeben werden, explodieren die sozialen Medien mit herzzerreißenden Geschichten von Spitzenstudenten, denen die Zulassung zu ihren Traumstudiengängen verweigert wurde. Ein Student mit einem zweistelligen Rang kann möglicherweise keinen Platz an der medizinischen Fakultät der Universität Teheran bekommen, weil zwei Drittel der Plätze an Quoteninhaber vergeben wurden. Anstatt sich mit diesen Missständen auseinanderzusetzen, reagiert die Regierung oft mit Repressionen und beschuldigt Proteste gegen solche Ungerechtigkeiten, »die öffentliche Ordnung zu stören« oder »die Werte von Opferbereitschaft und Märtyrertum zu beleidigen«.
Gefährdete Zukunft
Die Islamische Republik ist heute ein Land, in dem ein Student mit extrem schlechten Noten allein aufgrund seiner familiären Privilegien den Platz der klügsten Köpfe an den besten Universitäten einnimmt. Nach seinem Abschluss wird dieselbe Person Arzt, Ingenieur oder Richter und kontrolliert wichtige Positionen in der Gesellschaft.
Das Ergebnis ist ein Teufelskreis aus struktureller Korruption, sinkenden Bildungsstandards und weit verbreiteter Hoffnungslosigkeit unter den Jugendlichen. Was einst ein akademisches Tor war, wird nun als politisches Instrument eingesetzt, um Macht und Loyalität unter der herrschenden Elite zu reproduzieren.
Das derzeitige Quotensystem hat die Zukunft von Millionen junger Menschen zerstört, das Vertrauen der Öffentlichkeit erschüttert und sogar die öffentliche Gesundheit gefährdet. Wird es nicht bekämpft, werden sich die sozialen Unterschiede noch mehr vertiefen und die Massenabwanderung talentierter Jugendlicher beschleunigen.
Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch