Iran: Schwarzer Humor gegen den Kollaps
Geldwechsel im Iran
Seit zwei Jahrzehnten durchläuft die Islamische Republik Iran eine Reihe von Wirtschaftskrisen, von denen jede tiefgreifender und zerstörerischer ist als die vorangegangene.
Misswirtschaft, Korruption und Isolation haben dazu geführt, dass das politische Versagen beim Lösen der Krisen im Iran zum Dauerzustand wurde. Heute jedoch befindet sich das Land in einem so tiefgreifenden Zusammenbruch, dass Zahlen allein dessen Ausmaß nicht mehr erfassen können. Galoppierende Inflation, der freie Fall der Landeswährung und der unaufhaltsame Kaufkraftverlust haben das tägliche Leben zu der Hölle gemacht, mit dem das Regime denjenigen droht, die nicht auf seiner Seite stehen.
Offizielle Daten zeigen es deutlich: Brot und Getreide sind um 98 Prozent teurer geworden, Obst um 94 Prozent, Gemüse um 78 Prozent, Öl um 65 Prozent, Fleisch und Geflügel um rund 70 Prozent. Selbst lebenswichtige Güter wie Milchprodukte, Eier, Haushaltsgeräte und Mieten sind um 40 bis 65 Prozent gestiegen. Die Kosten für Lebensmittel verschlingen mittlerweile über 70 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens, sodass kaum noch etwas für Gesundheitsversorgung, Bildung oder Freizeitbeschäftigungen übrigbleibt. Im heutigen Iran ist das Überleben selbst zu einer Vollzeitbeschäftigung geworden.
Ökonomen warnen, dass jeder Anstieg der Lebensmittelinflation um zehn Prozent die Armutsquote um etwa zwei Prozent erhöht. Im Iran, wo die Lebensmittelpreise innerhalb eines Jahres um mehr als 60 Prozent gestiegen sind, sind über elf Millionen Menschen in Armut geraten. Die Weltbank schätzt, dass ein Drittel der Bevölkerung heute in Armut lebt und mehr als vier Millionen Menschen über zu wenige Lebensmittel verfügen.
Krise und Sarkasmus
Doch selbst während die Mittel- und Arbeiterklasse unter der Last der Inflation zusammenbricht, zeigen sich die Funktionäre des Außenministeriums, die für die Verhandlungen über die Aufhebung der internationalen Sanktionen zuständig sind, unbeeindruckt. »Wir haben es nicht eilig mit den Verhandlungen«, erklärte ein hochrangiger Diplomat. Einige Tage später verkündete der Freitagsgebetsführer von Schiras, ein Geistlicher, der den Obersten Führer des Irans vertritt, mit göttlicher Zuversicht: »Unter dem Schah lebten die Menschen in Armut, nach der Revolution leben sie in Wohlstand.«
Diese Worte wurden ernsthaft, ja, sogar feierlich ausgesprochen, und das in einem Land, in dem die Lebenshaltungskosten in der Hauptstadt Teheran 73 Millionen Toman pro Monat übersteigen und die jährliche Inflationsrate für Grundnahrungsmittel über hundert Prozent liegt. Für normale Iraner sind solche Äußerungen schmerzhafter als die Sanktionen selbst: Sie bestätigen, dass die Machthaber überhaupt keine Krise wahrnehmen, und was man nicht wahrnimmt, das versucht man auch nicht zu lösen.
In diesem Schmierentheater sind die vom Staat unterstützten Geistlichen sowohl zum Chor als auch zu Akteuren einer (schwarzen) Komödie geworden. Einer von ihnen erklärte kürzlich, dass »Dürre und Inflation das Ergebnis unzureichender Reue vor Gott sind«. Der von ihm verwendete Begriff »estaghfar« bedeutet wörtlich »um Vergebung bitten«. Vielleicht, so deutete er an, käme der Wohlstand zurück, würden die Menschen intensiver beten und die Frauen sich stärker an die Hidschab-Pflicht halten.
Die Öffentlichkeit reagierte entsprechend mit Sarkasmus. »Natürlich, Hojatoleslam«, lautete ein viraler Beitrag, »aber sagen Sie uns – für welchen Beamten sollen wir unsere Gebete beginnen? Den, der die Ölplattformen verscherbelt hat? Den milliardenschweren Bankier? Den Sohn des Ministers, der in Europa Ferrari-Rennen fährt?« Andere scherzten, könnte Reue die Wirtschaft retten, könnte jeder Iraner genauso gut dreimal am Tag Buße tun: einmal für das überteuerte Auto, das er gekauft hat, einmal für die Miete, die sein Gehalt übersteigt, und noch einmal für die Hoffnung, die er jeden Morgen verliert.
Dieser schwarze Humor zeichnet ein schärferes Bild der Lage im Iran als es jeder Regierungsbericht könnte. In einem Land, in dem mittlerweile 35 Prozent aller Todesfälle auf Unterernährung zurückzuführen sind – das sind etwa 120.000 Menschen pro Jahr –, finanziert der Staat weiterhin religiöse Institutionen in einer Höhe, die das Budget der sechs ärmsten Provinzen des Landes zusammen übersteigt. Das ist nicht mehr nur ein wirtschaftliches Ungleichgewicht, sondern auch ein moralisches. Wenn Entbehrung auf Verleugnung trifft, wird Ironie zur einzigen Sprache, die den Menschen noch bleibt.
Überlebensstrategie
Während das Land unter Korruption und Misswirtschaft zusammenbricht, beharrt ein loyaler Kreis von Nutznießern darauf, dass die Probleme nicht auf internationale Sanktionen oder auf die politischen Fehlentscheidungen einer religiös-ideologischen Politikerkaste zurückzuführen sind, sondern auf einen Mangel an spiritueller Disziplin der Bevölkerung. Einige Funktionäre geben sogar den Reformern innerhalb des Regimes die Schuld an der Krise, weil sie zu glauben scheinen, dass nur Konservative eine überlegene Fähigkeit zur Reue besitzen.
In solch einer ausweglos erschienenen Situation ist der Sarkasmus zu einer Überlebensstrategie geworden. Wenn Statistiken über steigende Armut und wachsenden Hunger mit religiösen Slogans von »Segen« und »Selbstgenügsamkeit« beantwortet werden, kann dem nur noch mit schwarzem Humor begegnet werden, dessen Bitterkeit und Trotz die darunterliegende Verzweiflung und Resignation allerdings nur oberflächlich kaschieren können.
Der schwarze Humor der Iraner ist mehr als Satire, er ist Protest, getarnt als Lachen. Er ist die Stimme einer Bevölkerung, deren ernste Sprache ihre Wirkung verloren hat und die deswegen in Ironie und Sarkasmus ihre letzte Zuflucht findet. Die Witze sind sowohl Schutzschild als auch Waffe, die einzige Möglichkeit, die Wahrheit in einem System auszusprechen, das taub ist für die Nöte der ihm Unterworfenen.
Letztendlich geht es bei der Krise im Iran nicht nur um die Wirtschaft, sondern um die Würde der Menschen. Es ist ein stiller Kampf zwischen frisierter Statistik und ungeschönter Realität, zwischen regimegemachten Versprechungen und real existierendem Hunger. Solange die Kluft zwischen offizieller Prosperität und real gelebter Armut so groß bleibt, werden alle politischen Versprechen und alle religiösen Predigten nicht als Trost dienen, sondern nur als weiteres Material für Sarkasmus, bittere Ironie und schwarzen Humor.
Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch