Terror mit Franchise-Modell – Wie der Dschihad an den Golf von Guinea kommt
Erklärung der Jama'at Nusrat al-Islam wal-Muslimeen
Als ich im November für an dieser Stelle’unter dem Titel ‚Islamistische Organisationen breiten sich in Westafrika aus‘ war der Dschihadismus in Westafrika noch ein flächenbrandartiges Phänomen, verteilt auf mehrere Organisationen, Regionen, Dynamiken. Der damalige Bericht betrachtete die Eskalation als Ganzes – ein Überblick über ein sich ausweitendes Chaos. Heute hat sich das Bild geschärft, nicht beruhigt. Die Jama'at Nusrat al-Islam wal-Muslimeen (JNIM) hat sich seither zur zentralen, dominierenden Kraft des Terrors im Sahel entwickelt: strategisch fokussiert, operativ überlegen, finanziell vernetzt, geografisch expansiv.
Wer sind sie, was wollen sie, wo schlagen sie zu – und warum interessiert das kaum jemanden?
Die Antwort auf diese Fragen führt nicht nach Kabul oder Gaza, sondern ins Herz Afrikas: Jama'at Nusrat al-Islam wal-Muslimeen (JNIM), ein 2017 gegründetes Al-Qaida-Franchise, treibt seit Jahren einen flächendeckenden Aufstand im Sahel voran. Während andere Gruppen wie ISGS oder ISWAP mit internen Kämpfen, territorialen Rückzügen oder internationalen Sanktionen zu kämpfen haben, expandiert JNIM unbeirrt – entlang von Asphaltstraßen, Schmuggelrouten, Goldminen, ethnischen Spannungen und diplomatischen Leerstellen. Nicht das Kalifat ist ihr Ziel, sondern Kontrolle. Und diese Kontrolle rückt nun näher an den Golf von Guinea.
2024 entfielen laut Institute for Economics and Peace 51 Prozent aller weltweiten Terror-Toten auf diese Region – mit einer Gewaltkonzentration in Mali, Burkina Faso und Niger. Inzwischen verlagert sich der Fokus der Gruppe nach Süden: Benin, Elfenbeinküste, Togo und Ghana rücken ins strategische Blickfeld, und niemand weiß, wo sie haltmachen werden.
Im Windschatten gescheiterter Militärinterventionen, gescheiterter Staaten und gescheiterter westlicher Aufmerksamkeit errichtet JNIM, was ACLED-Analyst Héni Nsaibia nüchtern als einen „Proto-Staat“ beschreibt: „Ein Gürtel vom Westen Malis bis an die Grenzen Benins.“
Die größte Bedrohung, von der keiner spricht
Während sich geopolitische Debatten um Gaza und Taiwan drehen, spielt sich südlich der Sahara ein Sicherheits-GAU ab – fernab der Resolutionen, fernab des Interesses. Was die USA nach eigenem Verständnis „weiterhin beobachten“, haben sie de facto aufgegeben: Das Personal schrumpfte von 1.400 Soldaten im Jahr 2023 auf heute unter 200, die zumeist an der Küste sitzen – weit weg vom Epizentrum der Gewalt.
Frankreich hat sich schon 2022 verabschiedet, nach einem Jahrzehnt fruchtloser Militärpräsenz im Rahmen von Operation Barkhane, deren Bilanz bestenfalls ernüchternd, schlimmstenfalls kontraproduktiv war. Der Rückzug hinterlässt ein sicherheitspolitisches Vakuum, das – wie jedes Vakuum in geopolitischer Lage – nicht leer bleibt, sondern gefüllt wird: mit Wagner, Warlords, Waffen.
Angesichts der Stärke und der Fähigkeiten von JNIM stellt die Gruppe nun eine existenzielle Bedrohung für Nigeria dar, das bereits mit vielfältigen Sicherheitsbedrohungen konfrontiert ist. Mit den richtigen Maßnahmen kann die Gruppe jedoch schnell zurückgeschlagen werden. Nun stellt sich die Frage „Wer ist JNIM?“ JNIM wurde 2017 gegründet und verfügt über bis zu 6.000 Kämpfer . Sie ist eine mit Al-Qaida verbundene Gruppe und repräsentiert ein Bündnis bewaffneter Gruppen mit ähnlichen politischen Ideologien. Al-Qaida ist eine in den 1980er Jahren gegründete Terrororganisation mit dem Ziel, ein weltweites islamisches Kalifat unter der Scharia zu errichten.
Der Islamische Staat (IS) , der zwar ebenfalls von Al-Qaida inspiriert ist, hat sich zu einem Rivalen entwickelt. Es handelt sich um eine sunnitisch-dschihadistische Organisation, die ebenfalls die Errichtung eines selbstverwalteten islamischen Kalifats unter strenger Scharia anstrebt.
JNIM expandiert weiter. Die Gruppe war bisher hauptsächlich in Mali, Niger und Burkina Faso aktiv. Im Mai 2025 verübte sie einen Angriff auf die Stadt Djibo in Burkina Faso, bei dem 200 Soldaten getötet wurden . In jüngster Zeit hat sie Angriffe in Benin, Togo und der Elfenbeinküste verübt.
Nun auch in Nigeria aktiv
Am 29. Oktober 2025 verzeichnete JNIM ihren ersten Angriff auf nigerianischem Boden , bei dem ein Mensch ums Leben kam. Der Angriff richtete sich in den frühen Morgenstunden gegen Soldaten, die im nordzentralen Bundesstaat Kwara nahe der Grenze zu Benin auf Patrouille waren.
JNIM hatte im Juni angedeutet , dass es beabsichtige, eine Katiba (eine Brigade) in Nigeria aufzustellen, und signalisierte damit sein Interesse, in dem größten Land Westafrikas eine Präsenz aufzubauen.
Die Strukturen von JNIM ähneln frappierend einem multinationalen Konzern. „JNIM ist in Katibas organisiert, einer Art Franchise-System“, beschreibt es der Anthropologe André Bourgeot. Das Unternehmen operiert lokal angepasst, aber mit einheitlicher Markenbotschaft: Scharia, Anti-Staat, Anti-Frankreich.
Es erhebt Steuern – Zakat –, bietet Schutzverträge an, handelt mit Gold, Drogen, Vieh, Motorrädern und Geiseln. Die Rekrutierungsstrategie stützt sich auf drei Argumente: Jugendarbeitslosigkeit, Ausgrenzung, insbesondere der Fulani, und Rivalitäten zwischen den Gemeinschaften. „Die Anwerbung eines marginalisierten und arbeitslosen Jugendlichen kostet zwischen 80 und 120 Euro“, sagt Sahel-Experte Seidik Abba. Eine erschreckend kosteneffiziente Alternative zur Entwicklungshilfe.
Die Waffen beschafft sich die Organisation durch Eroberung: 25 % der Verteidigungsetats Malis und Nigers landen auf Umwegen in den Händen von JNIM – durch Plünderungen von Stützpunkten, etwa bei Tinzawatène, wo 60 Soldaten fielen. Wenn westliche Armeen den Sahel verlassen, bleiben ihre Waffen – und ihre Lehren.
Die Antwort auf diese Gewalt war fast überall gleich: Militärputsche mit hohem moralischen Anspruch und niedriger Erfolgsquote. In Mali (2021), Burkina Faso (2022) und Niger (2023) und bei dem Versuch am Sonntagmorgen, dem 7. Dezember 2025 in Benin versprachen uniformierte Erlöser die Rückkehr zur Ordnung und die Vertreibung Frankreichs. Erreicht wurde jedoch das Gegenteil.
„Die Militärmächte haben Algerien provoziert, die Tuareg in die Arme der JNIM getrieben und die Fulani unterdrückt“, bilanziert Bourgeot. Im Ergebnis unterbinden sie zivile Bewegungen, entwaffnen die Opposition – und stärken ungewollt jene, die das Gewaltmonopol ohnehin nicht anerkennen.
Wie effektiv diese Strategie ist, zeigt der massive Anstieg der Angriffe in Benin und Togo: 33 im Jahr 2024, 93 im Jahr 2025 . Und Ghana, der einstige Stabilitätsanker Westafrikas, wird bereits als logistisches Hinterland von JNIM genutzt. Dessen Beamte, mit 16 Mann auf 16 Kilometer Grenze, hören Schüsse – und hoffen, dass sie nicht näher kommen.
Die Europäische Union: absenteistisch im Terror
Der einzige globale Akteur, der in der Sahelzone gegenwärtig sichtbar agiert, ist nicht die UN, nicht die EU, nicht die USA – sondern Russland, durch die Wagner-Gruppe, mittlerweile ersetzt durch das "Afrikakorps". Ein Paradox der Gegenwart: In einer Region, die jahrelang als Spielfeld französischer Geopolitik galt, ist Moskau der letzte Machtfaktor – durch einen Akteur, dessen Menschenrechtsbilanz nicht einmal mehr beschönigt wird.
Wagners Aktivitäten in Mali kulminierten im Massaker von Moura, bei dem laut UN über 500 Zivilisten getötet wurden. Eine Konsequenz? Fehlanzeige. Derweil nutzt JNIM die Lücke für einen Propagandakrieg, der auf Abscheu gegenüber „kollaborierenden“ Regierungen setzt. Und auf Videos von bärtigen Männern, die predigen statt schießen.
Wer den Erfolg von JNIM nur mit Kalaschnikows erklärt, verkennt die Dynamik. In Farabougou und Léré zwingen sie Dörfer, Verträge zu unterzeichnen – nicht nur mit dem Lauf einer Waffe, sondern mit dem Versprechen von Sicherheit, Nahrung, Ordnung. Nicht anders agierte einst die Camorra in Neapel.
„Sie sind nicht gekommen, um uns zu töten, sondern um den Islam zu verbreiten“, zitiert Washington Post einen Hirten aus Burkina Faso. Das mag Propaganda sein – aber in einer Region, in der der Staat nur durch Übergriffe präsent ist, wirkt selbst ein Gottesstaat bisweilen wie ein Fortschritt.
Parastaatliche Strukturen im Aufbau
Doch JNIM ist längst mehr als eine bewaffnete Gruppe. Ihre Stärke liegt nicht nur in Patronengurten und Pick-ups, sondern im Aufbau paralleler Strukturen: Gerichtsbarkeit, Bildungsangebote, informelle Sozialordnung. Wie Nils Laessing, Sahel-Korrespondent der Reuters Foundation, es formuliert:
„JNIM entwickelt sich zu einer Macht, die weit über das Militär hinausgeht … Die Dorfbewohner sehen keine andere Möglichkeit. JNIM betreibt Gerichte, Schulen und informelle Goldminen. Sie sind sehr pragmatisch und nicht korrupt.“
Die Gruppe erhebt Straßensteuern, organisiert lokalen Goldabbau und betreibt funktionale „Schattenstaatlichkeit“ – ein Modell, das man eher von der Hizbollah kennt als von Al-Qaida. Letzterer schuldet JNIM ohnehin nur noch eine symbolische Loyalität. Die „Bindung“ an al-Zawahiris Erbe ist ideologisch, nicht operational – und in Teilen längst überholt.
Die langfristige Strategie geht über Territorium hinaus: „Es ist eine Mischung aus Überlauf und Eigenentwicklung“, erklärt die ehemalige US-Regierungsberaterin Aneliese Bernard. „Sie bezahlen marginalisierte Jugendliche, oft aus Fulani-Gemeinschaften oder Teenager-Mädchen, um Informationen über Sicherheitskräfte zu liefern.“ Der erste Sieg ist kein militärischer, sondern ein kommunikativer – Vertrauen, mit Geld erkauft oder mit Angst erpresst.
"Zweite Phase des Krieges"
Dabei könnte JNIM selbst im Begriff sein, die eigene Ideologie zu überdenken. Ein Sprecher kündigte kürzlich eine „zweite Phase“ des Krieges an – diesmal gegen städtische Zentren, gegen das, was von Staatlichkeit noch übrig ist. Beobachter spekulieren über eine mögliche taktische Annäherung an das syrische Modell von Hayat Tahrir al-Sham, wo einstige Dschihadisten unter Ahmed al-Sharaa zur lokalen Regierungspartei wurden – nach außen moderater, innen autoritär.
Ob JNIM diesen Weg wirklich geht, bleibt offen. Doch der Gedanke allein ist bezeichnend. Der „Kampf gegen den Westen“ scheint zur Nebensache geworden, ersetzt durch ein politisch-ökonomisches Projekt der Gebietskontrolle und Loyalitätsbindung. Es geht nicht mehr um Bomben in Paris – sondern um Buslinien in Benin, um Minen in Mali, um Routen durch Ghana.
Was folgt daraus?
Dass die Sahelzone nicht mehr nur das neue Afghanistan ist – ein Ort des militärischen Scheiterns –, sondern sich zur Art neuen Libanons entwickeln könnte: eine langgezogene, asymmetrische Dauerkrise, zersplittert, unübersichtlich, von Milizen regiert und Diplomatie gemieden.
Ein Raum, in dem die internationalen Ordnungskräfte längst abgezogen, aber nicht ersetzt wurden. In dem westliche Untätigkeit und lokale Überforderung dieselbe Folge haben: Macht für die, die nicht warten, sondern handeln. JNIM ist nicht der Islamismus des 11. September. Es ist der Islamismus des 7. Dezember – lokal verankert, systemisch denkend, post-ideologisch effizient.
Und vielleicht ist genau das seine größte Gefahr.