Iran 2026: Anhaltende Proteste trotz Gewalt, internationale Reaktionen und die Lage der Opposition
Seit dem 28. Dezember 2025 erlebt der Iran landesweite Proteste von Bürger:innen, Studierenden und Gewerkschaften – von Straßen- und Universitätsdemonstrationen über Marktstreiks und Internetsperren bis hin zu Sicherheitsmaßnahmen.
Das Regime gerät in Panik und setzt auf Repression, während die Protestierenden auf Durchhaltevermögen zeigen müssen. Am 6.1.2026 fanden in einigen Städten trotz Repressionen Massendemonstrationen Statt, wie in Abdanan im Provinz Khouzestan. Es fehlt an einer breiten, demokratischen Alternative, die sich auf die Jin, Jiyan, Azadi-Bewegung stützt, soziale Forderungen politisch bündelt und dem Regime eine lebendige Perspektive entgegensetzt.
Eskalation nach neun Tagen landesweiter Proteste
Die Proteste begannen in Teheran und haben sich seit dem auf über 250 Orte in 27 Provinzen ausgeweitet (AP News). Auslöser waren der drastische Währungsverfall, hohe Inflation und zunehmende Versorgungskrisen. Der Wert des Rial ist auf ein Rekordtief gefallen, was die Lebenslage weiter verschlechtert (AP News).
Der Charakter der Proteste ist seit ihrem Beginn hoch politisch. Sie richten sich offen gegen die Islamische Republik und ihren Führer Ali Khamenei. Die Parolen wenden sich gegen ein Herrschaftssystem, das im Inneren auf Unterdrückung setzt und nach außen Terrorunterstützung sowie regionale Destabilisierung betreibt.
In den vergangenen acht Tagen reagierte das Regime mit massiver Gewalt. Menschenrechtsgruppen melden inzwischen mindestens 35 Tote und mehr als 1.200 Festnahmen (AP News). Zahlreiche Demonstrierende wurden verletzt, die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte höher liegen.

(Bild: Sicherheitskräfte im nächtlichen Teheran, Quelle: Iran International)
In mehreren Regionen setzten Sicherheitskräfte schwere Waffen ein. Aus Malekshahi und Ilam werden systematische Gewalttaten gemeldet. Am 4. Januar stürmten Sicherheitskräfte das Imam‑Khomeini‑Krankenhaus in Ilam, in dem verletzte Demonstrierende behandelt wurden, um sie festzunehmen oder aus dem Hospitalbereich zu drängen. Zahlreiche Augenzeugen berichten, dass dabei Tränengas und Gewalt gegen Personal und Verletzte eingesetzt wurden - ein Vorgehen, das als Verbrechen gegen die Menschheit einzustufen ist.
Im Teheraner Bazar ging die Polizei mit Tränengas gegen Protestierende vor. Am 6. Januar 2026 riefen die Bazaris: „Freiheit, Freiheit – Azadi, Azadi“. Beerdigungen Ermordeter wurden wiederholt selbst zu neuen Protestaktionen (ncr-iran.org).
Was als Widerstand gegen die Wirtschaftspolitik begann, hat sich zu einer Regimewechselbewegung entwickelt. Gerufen werden Parolen wie: „Tod dem Diktator, Khamenei“, „Wir wollen keine Islamische Republik“, "Tod den Revolutionsgarden!", „Mullahs, verschwindet“, „Weder Gaza noch Libanon – mein Leben für die Freiheit Irans“, „Lasst Palästina in Ruhe, denkt an uns“ sowie „Freiheit, Freiheit – Sayyed Ali wird gestürzt“, wobei mit Sayyed Ali, Ali Khamenei gemeint ist.
Khamenei droht mit Gewalt
Khamenei hat die prekäre Lage seines Regimes erkannt und droht offen mit der staatsgewalt. In einer Rede am 3. Januar 2026 zur aktuellen Protestwelle erklärte er: „Protest ist legitim, aber Protest ist etwas anderes als Unruhe. Mit Protestierenden reden wir, aber mit Unruhestiftern zu reden ist sinnlos. Unruhestifter muss man auf ihren Platz verweisen.“
Er erklärte die Proteste erneut zum Werk äußerer Feinde: „Vom Feind bezahlte Söldner verstecken sich hinter Händlern und missbrauchen die Proteste und erzeugen Chaos."
Das Regime wird bis zum letzten Atemzug für den Erhalt seines „göttlichen islamischen Systems“ kämpfen und dabei keine List, Intrige oder politisches Manöver auslassen, um die Islamische Republik zu retten.
Am Montag, dem achten Tag der Proteste, verschärfte der iranische Justizchef Gholamhossein Mohseni Ejei den Ton. Er drohte an, dass die Justiz den Protestierenden keinerlei Toleranz entgegenbringen gewähren würde. Gegenüber der Nachrichtenagentur Mizan erklärte Ejei, es gebe „keine Zugeständnisse an die Protestierenden" da sie offiziell von den USA und Israel unterstützt würden.
Zugleich reagierte der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Esmail Baghaei, auf Äußerungen des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, der sich mit den „Freiheitsbestrebungen des iranischen Volkes“ solidarisiert hatte. Baghaei warf Israel vor, die „nationale Einheit“ zerstören zu wollen, und bezeichnete die Aussagen Netanjahus sowie die mehrere US-amerikanischer Regierungsvertreter als „Anstiftung zur Gewalt“.
In der politischen Praxis der Islamischen Republik belegen die Aussagen von Khamenei, Ejei und Baghaei keinerlei Willen zu Reformen, sondern bedeuten die Ankündigung noch radikalere Repressionsmaßnahmen: Verhaftungen, Gewalt und strafrechtliche Verfolgung bis hin zur Folter und Hinrichtung.
Lage in Teheran, im Land und an Universitäten
In Teheran, Schiras und den westiranischen Regionen, die zu zentralen Protestzentren geworden sind, finden zudem nächtliche Kundgebungen statt. Der Große Basar bleibt teilweise geschlossen, Lieferketten sind unterbrochen. In armen Stadtteilen wie Naziabad, Molavi, Charsou, Hafthouz, Narmak blockieren Jugendliche Straßen, errichten Barrikaden und entzünden Mülltonnen. Sicherheitskräfte verlieren zeitweise die Kontrolle.
Besonders auffällig ist die zunehmende Präsenz von Frauen. Am Abend des 5. Januar 2026 stellten Frauen die Mehrheit der Demonstrierenden im Teheraner Stadtteil Haft Hoz. Sie riefen lautstark: „Tod Khamenei“, „Tod dem Diktatur“ und „Verflucht sei Khamenei“.
Ebenso an den Universitätscampus halten Studierende ihre Präsenz trotz Tränengas und Massenverhaftungen aufrecht, mit Frauen an vorderster Front. Aktiv sind Studierende von mindestens 17 Universitäten, darunter in Teheran, Isfahan, Yazd, Yasuj.
Proteste finden zudem in Schiras, Fasa, Isfahan, Karaj, Kermanshah, Babo, Amol, Mashhad, Qom, Hamadan, Yasuj, Nahavand, Sangsar, Dehloran, Asadabad, Malard, Qeshm, Lordegan, Kouhdasht, Azna und Teilen von Lorestan statt. In Sistan-Balutschistan, Zahedan und den kurdischen Gebieten eskaliert die Gewalt besonders stark: Brandanschläge auf Mullah-Büros, getötete Sicherheitskräfte und massive Repressionen werden gemeldet. Polizei und Behörden rechtfertigen ihr Vorgehen mit angeblichen bewaffneten Aufständen, während die Protestierende in mehreren Städten die Kontrolle über öffentliche Räume gewinnen, ohne dass es zu direkten Gewaltausbrüchen kommt.
In der Stadt Abdanan in der Provinz Chuzestan protestierten gestern eine große Zahl von Menschen mit unterschiedlichen Forderungen und politischen Überzeugungen. Gemeinsam riefen sie Parolen wie: „Tod der Islamischen Republik“, „Tod Khamenei“ und „Tod den Revolutionsgarden“, 6.1.2025.

(Bild: Proteste in Abdanan, Quelle: FB)
Gestern haben Demonstranten das Gebäude des Islamischen Stadtrats der Karadsch-Region in Fardis in Brand gesetzt. In diesem Viertel reißen junge Aufständische entschlossen Banner, Symbole und Flaggen der Islamischen Republik aus den öffentlichen Räumen der Stadt, 6.1.2025.
Reaktionen: Israel, USA, Europa und UN – Solidarität ohne Konsequenzen
Der israelische Ministerpräsident erklärte am 4. Januar 2026 die Solidarität Israels „mit dem Kampf des iranischen Volkes“ und fügte hinzu, die Iraner:innen könnten nun „ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen“.
US-Präsident Donald Trump äußerte sich auf Truth Social: „Wenn der Iran friedliche Demonstranten tötet, werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zu Hilfe kommen.“ Was diese Hilfe ausdrücklich bedeutet, bleibt offen. Militärische Maßnahmen oder gezielte politische Interventionen wurden nicht angekündigt; das Signal blieb rein rhetorisch.
Das Regime reagierte umgehend. Ali Laridschani, Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrats, warnte auf X, jede US-Einmischung würde „die gesamte Region destabilisieren“.
Parallel postete das US-Außenministerium ein Bild Trumps mit einer Warnung auf persischen: „Spielt nicht mit Präsident Trump.“ Trump wird als „Mann der Tat“ inszeniert – eine Drohkulisse ohne Taten.
Die europäische Zurückhaltung verschafft der Islamischen Republik Zeit und Handlungsspielraum. Das Regime kann Gewalt kalkulieren, Repression einziehen und die Proteste unterdrücken. Die Fortsetzung dieser Appeasementpolitik erhöht den Preis für die Protestierenden
Europa beschränkte sich auf verbale Reaktionen. Deutschland und die EU verurteilten die brutalen Angriffe auf die Proteste, konkrete Schritte blieben aus. Sanktionen gegen die Revolutionsgarden wie auf die EU-Terrorliste, Maßnahmen gegen Khamenei und Massoud Pezeshkian, gegen Geheimdienste oder regime-nahe Institutionen unterbleiben nach wie vor. Unterstützung für unabhängige Kommunikation oder politische Absicherung oppositioneller Akteure findet nicht statt.
Berlin übt keinen Druck aus sondern betreibt wie immer eine Appeasementsstrategie.
Großbritannien fordert Deeskalation und politische Lösungen, Frankreich verurteilt Gewalt und ruft zu Schutz der Freiheitsrechte auf – ohne bindende Konsequenzen.
Der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte äußerte „tiefe Besorgnis“ und forderte den Schutz von Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Resolutionen des Sicherheitsrats bleiben aus.
Diese Zurückhaltung verschafft der Islamischen Republik Zeit und Handlungsspielraum. Das Regime kann Gewalt kalkulieren, Repression einziehen und die Proteste unterdrücken. Die Fortsetzung dieser Appeasementpolitik erhöht den Preis für die Protestierenden
Zivile Kraft der „Jin, Jiyan, Azadi“-Bewegung im Iran und die Grenzen der Opposition im Exil
Die Proteste richten sich nicht auf die Rückkehr eines einzigen Führers, sondern auf die Freiheit des Iran. Auch wenn Einzelne Sympathien für eine Monarchie zeigen und auf Demonstrationen entsprechende Rufe zu hören waren, überwiegen die Rufe nach einem freien Iran. Es geht um „Javid Iran“ – nicht um die Rückkehr eines bestimmten Thronanwärters, "Javid Shah".
Toomaj Salehi im Iran weist auf die Probleme autoritärer Exilstrukturen hin: „Die monarchistische Strömung unterdrückt ihre Gegner, attackiert Kritiker und verfolgt sogar diejenigen, die sich nicht ausdrücklich zu ihr bekennen. Wie soll sie den Menschen im Iran da eine freie Zukunft versprechen?“

(Bild: Schild auf einem Protest in Iranisch-Kurdistan 2022)
Forderungen nach „Einheit um jeden Preis“ dienen nicht dem Zusammenhalt, sondern der Immunisierung der Führung gegen Kritik. Die Opposition steht damit vor einer doppelten Front: den Rückzug des Unterdrückers durch die Mobilisierung der Bevölkerung zu organisieren – und gleichzeitig dem Versuch autoritärer Kräfte abzuwehren, der Freiheitsbewegung ihren politischen Stempel aufzudrücken. Diese Strömungen haben in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie keinen Anteil an der Bewegung gehabt, versuchen nun aber, sie zu okkupieren.
Gleichzeitig nutzt das Regime die Monarchie-Frage strategisch, um die Aufstände als Versuch einer Restauration alter Machtstrukturen darzustellen – angeblich gesteuert und unterstützt von den USA und „Zionisten“.
Diese propagandistische Konstruktion spaltet die Opposition und liefert dem Regime die ideologische Rechtfertigung für verschärfte Repression, Terror und Willkür gegen die Protestierenden. Vor diesem Hintergrund besteht die Sorge, dass monarchistische Kreise und ihre überrepräsentierten Medien im Falle eines Regimewechsels die Vorentscheidung über Wahlergebnisse bereits im Voraus treffen könnten – unabhängig vom tatsächlichen Willen der Bevölkerung.
Trotz der Komplotte des Regimes: Kooperation zivilgesellschaftlicher und kurdischer Kräfte
Das Regime wird bis zum letzten Atemzug für den Erhalt seines „göttlichen islamischen Systems“ kämpfen und dabei keine List, Intrige oder politisches Manöver auslassen, um die Islamische Republik zu retten. Man muss äußerst wachsam sein, damit es innerhalb der Kräfte der Sturzbewegung keine Spaltungen erzeugen kann.
Gleichzeitig zeigt die neue Dynamik, dass sich die oppositionellen Kräfte im Land zunehmend koordinieren: Nachdem sich die verschiedenen kurdischen Oppositionsparteien auf eine gemeinsame Position zur Unterstützung der Massenproteste geeinigt haben, wurde nun ein Generalstreik in Iranisch-Kurdistan ausgerufen – ein historischer Ausdruck der wachsenden Macht der zivilen Bewegung. Ebenso wurde in einer gemeinsamen Erklärung von sechs Frauenorganisationen Kurdistans (Sandschad, Saqqez, Mariwan) erklärt: „Die heutige Bewegung im Iran ist keine Rückkehr in die Vergangenheit – sie ist der Durchbruch durch alle Formen der Tyrannei.“.