Samstag, 10.01.2026 / 19:59 Uhr

Iran im Aufstand: Repression, Blackout und der Bruch mit der Angst - Teheran hat letzte Nacht nicht geschlafen

Proteste in Teheran am Abend des 10. Januar

Bild:
Telegram

Der Iran ist in Aufruhr. Seit dem 28. Dezember begonnene Streiks im Bazar von Teheran haben sich zu landesweiten politischen Protesten ausgeweitet. Die Demonstrationen entstehen gleichzeitig in großen Metropolen wie in kleinen Provinzstädten und führten jüngst zu heftigen Kundgebungen in der Hauptstadt – dem Machtzentrum der Mullahs. Hier wird das Schicksal der islamischen Republik entschieden.

Nach 47 Jahren Terror, Willkür und Armut sowie den Erfahrungen niedergeschlagener früherer Proteste geht die Bevölkerung auf die Straßen.

Die Proteste vereinen fast alle Schichten: Marktleute, Studierende, Frauen, die junge Generation, Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Angehörige ethnischer Minderheiten. Viele verteidigen ihren Platz im öffentlichen Raum, Sicherheitskräfte müssen ihnen vielerorts weichen.

Parolen wie „Nieder mit Khamenei“, „Nieder mit der Diktatur“, „Iran, Iran“ und „Weder Gaza noch Libanon, mein Leben für die Freiheit des Iran“ markieren den offenen Bruch mit der bestehenden Terrorherrschaft. Einzelne Rufe wie „Javid Shah“ oder andere bleiben hingegen vereinzelt und finden in der Menge keine Resonanz.

Die Proteste sind ein sichtbarer Ausdruck kollektiver Entschlossenheit: Trotz verschärfter Repression, Gewalt und digitaler Abschottung treten die Menschen für Freiheit und Selbstbestimmung ein.

Drohungen der Führung, Internetsperre und Starlink

Am 9. Januar 2026 bezeichneten der religiöse Führer Ali Khamenei und Justizchef Gholamhossein Ejei die Demonstrierenden als „Aufrührer, Saboteure und Schädlinge“, angeblich unterstützt von Israel und den USA. Sie drohten mit härtesten Strafen.

Zuvor hatte die Regierung am 8. Januar 2026 das Internet landesweit abgeschaltet, um die Proteste zu isolieren und die Weltöffentlichkeit fernzuhalten. Selbst regierungsnahe Medien hatten keinen Zugang. Laut NetBlocks sank der Internetzugang auf etwa ein Prozent des normalen Niveaus.



 

Dennoch gelang es über Satellitenverbindungen – unter anderem über Starlink – Bilder und Videos aus den zensierten Städten Teheran, Mashhad, Karaj, Tabriz und anderen Orten in die sozialen Medien zu senden. Die Bevölkerung machte so ihre Stimme trotz digitaler Abschottung hörbar.

Kurdische Proteste und von Balutschen als Motor der Erhebung in Teheran

Eine Schlüsselrolle für die Entwicklung der Proteste in Teheran spielte die Bereitschaft der Bevölkerung, ihre Angst zu überwinden. Am 8. Januar folgten mehr als 34 Städte in Kurdistan erfolgreich einem Generalstreikaufruf. In Kermanshah und Sanandaj kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Basij-Milizen, bei denen nach Berichten mehrere Menschen ihr Leben verloren.

In der vergangenen Nacht wurde in Nurabad im Lorestan eine Basis der Revolutionsgarden angegriffen, wobei mehrere Angehörige dieser Station das Leben verloren und verletzt wurden, und die Basis vollständig zerstört wurde. In Kouhdasht im Lorestan kam es ebenfalls gestern Abend zu Kampfhandlungen, bei denen mehrere Personen unter den Demonstranten getötet oder verletzt wurden.

Fakten über konfrontative Proteste in Sistan-Balutschistan, Zabol und Zahedan sowie unter nationalen arabischen Minderheiten verdeutlichen zusätzlich die Entschlossenheit dieser Regionen. Sie fungieren als Katalysator der landesweiten Erhebung – das Zentrum der Bewegung bleibt jedoch Teheran.

Straßenproteste und Kontrollverlust des Regimes

Nach 8. standen am 9. Januar 2026 abends erneut Hunderttausende Menschen auf den Straßen – trotz vollständiger Internetsperre, massiver Drohungen durch Khamenei und Ejei sowie des Einsatzes von mobilisierten Sicherheitskräften und Regimeanhängern gegen vermeintliche „Saboteure“.

In den ersten zwölf Tagen wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mindestens 65 Menschen getötet, darunter Kinder und Jugendliche. Mehr als 2.277 Personen wurden festgenommen.

In Teheran verlagerte sich der Protest auf die Pasdaran-Straße, in der Einrichtungen der Geheimdienste liegen. Zehntausende zogen außerdem auf den Ajatollah-Kaschani-Boulevard und in die Bezirke Sattarkhan, Haft-Hoz, Sadeghieh und Coca-Cola, wie Videos aus der Stadt zeigen. In Nazyabad hielten Tausende zentrale Verkehrsachsen besetzt, um die Durchfahrt der Sicherheitskräfte zu blockieren.

Bis in die frühen Morgenstunden des Samstags, 10. Januar 2026, wurden aus Dächern und Fenstern vieler Wohngebiete Parolen gegen Khamenei und das System gerufen. Gleichzeitig kontrollierten Demonstrierende die Strecke von Tajrish bis Parkway und weitere wichtige Straßen.

Symbolische Akte des Widerstands

In Saadat-Abad in Teheran wurde eine große Moschee in Brand gesetzt, in der Stadt Karaj nahe Teheran geriet das Bürgermeisteramt in Flammen. In den Pilgerstädten Mashhad und Qom wurden einige religiöse Kaderschulen (Hoze Elmieh) durch Brand zerstört – Einrichtungen, die für viele Menschen jahrzehntelang Orte der Unterndrückung, Diskriminierung und ideologischen Indoktrinierung waren.

Bilanz der Gewalt: Tote, Festnahmen, junge Generation

Die Repression ist brutal. Über die Opfer am 9. Januar 2026 gibt es keine genauen Informationen. In den ersten zwölf Tagen wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mindestens 65 Menschen getötet, darunter Kinder und Jugendliche. Mehr als 2.277 Personen wurden festgenommen.

Hengaw berichtet, dass in Kermanshah mindestens fünf kurdische Bürger durch direktes Feuer von Regierungstruppen getötet wurden. Saman Nazari, Yasin Mirzaei, Keyvan Rezaei, Behrouz Safaei, Sayyad Faramarzi.

(Bild: Frauen, die sich ihre Zigaretten mit brennden Khameinei Bilder anzünden sind zu Ikonen des Protests geworden)

 

Die amerikanische Zeitschrift Time berichtete in einem am Freitag veröffentlichten Artikel, dass ein Arzt in Teheran, der unter der Bedingung der Anonymität mit der Zeitschrift sprach, angegeben habe, dass nur sechs Krankenhäuser in der Hauptstadt mindestens 217 Todesfälle von Demonstranten registriert hätten, wobei die Todesursache bei den meisten „durch Kriegsmunition“ gewesen sei. Donald Trump, der Präsident der USA, habe die Islamische Republik gewarnt, dass sie, wenn sie wie zuvor Demonstranten töte, schwere Konsequenzen von den USA zu erwarten habe.

Volker Türk, UN-Hochkommissar für Menschenrechte, forderte eine schnelle, unabhängige und transparente Untersuchung der Todesfälle. Verantwortliche müssen nach internationalen Standards zur Rechenschaft gezogen werden.

Außenpolitischer Druck, der von Trump und vermutlich begrenzte Eskalation des Regimes

Die internationale Dimension beeinflusst die Kalkulation des Regimes. Präsident Donald Trump warnte die iranische Regierung wiederholt, dass die USA eingreifen würden, sollte das Regime gewaltsam gegen Demonstrierende vorgehen. Er betonte, dass jede vorsätzliche Tötung von Protestierenden eine „rote Linie“ darstelle, deren Überschreitung mit einer sehr harten Reaktion der Vereinigten Staaten beantwortet werde – ohne Bodentruppen, aber mit ernsthaften Konsequenzen für die Führung in Teheran.

Eine demokratische Zukunft Irans setzt voraus, die Vielfalt in einem multinationalen, multikulturellen Iran anzuerkennen und politisch zu schützen, nicht zu bekämpfen.

Die EU-Troika (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) äußerte ebenfalls Besorgnis über das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte und verurteilte die Tötungen von Demonstrierenden.

Bislang fehlen jedoch konkrete Maßnahmen der EU. Die Revolutionsgarden, Ali Khamenei und Gholamhossein Ejei stehen weiterhin nicht auf europäischen Terrorlisten. Ihre Listung wäre ein zentraler Schritt. Sie würde das Regime und seinen Repressionsapparat psychologisch wie organisatorisch schwächen und damit das Leben der Protestierenden schützen.

Stärken der Straße – Schwächen der Organisation

Gleichzeitig bleiben Schwächen sichtbar: Es fehlt an zentraler Organisation, an einer anerkannten politischen Führung für die Mehrheit der Bevölkerung und an strukturierter Koordination der Proteste. Die Zurückhaltung westlicher Regierungen, die über verbale Solidarität kaum hinausgeht, verschafft der Staatsmacht Handlungsspielräume.

Gezwungene "Einheit" und Personenkult Pahlavi als "Führer" der Bewegung

Die starke Betonung auf Parolen einer begrenzten Zahl von Pahlavi-Sympathisanten – wie „Javid Shah“, „Dies ist der letzte Kampf – Pahlavi kehrt zurück“, „Ohne Pahlavi hat Iran keine Rechenschaft“ oder Täter-Opfer-Umkehr-Parolen wie „Tod den drei Verdorbenen, Mullahs, Linken, Mudjahedin“ – projiziert kollektive Erwartungen auf eine einzelne Person. Durch die Forderung nach „Einheit“ und Reza Pahlavi als Führungsfigur geraten zentrale Parolen der Bewegung – „Nieder mit der Islamischen Republik“, „Nieder mit der Diktatur“, „Tod dem Diktator Khamenei“ und „Jin, Jiyan, Azadi / Frau, Leben, Freiheit“ – zunehmend in den Hintergrund und werden durch Slogans wie „Es lebe Reza Pahlavi“ ersetzt. Selbst wohlmeinende Kritik wird oft als Schwächung Pahlavis gebrandmarkt.

Diese Verschiebung entkernt die demokratische Bewegung politisch, führt zu Spannungen und Spaltung und nützt direkt oder indirekt den Interessen des Regimes, das seit Jahrzehnten von Spaltung und Diffamierung der Opposition profitiert.

Eine demokratische Zukunft Irans setzt voraus, die Vielfalt in einem multinationalen, multikulturellen Iran anzuerkennen und politisch zu schützen, nicht zu bekämpfen. Eine Opposition, die diese Grundlagen verdrängt und durch Monarchieverklärung, Nationalismus, Feindbildpolitik oder autoritäre republikanische Modelle ersetzt, reproduziert alte Herrschaftsmuster unter neuen Symbolen und widerspricht demokratischen Prinzipien.

Die stärkste Kraft jeder Revolution ist die Liebe zum Leben, zu den Menschen und zur Gerechtigkeit. 

Entgegen dieser Tatsache schreibt NIUS: "Heimat-Parole prägt Proteste im Iran: Warum „Javid Schah“ die Kraft besitzt, das Regime zu Fall zu bringen. Die aktuellen Proteste im Iran setzen bewusst auf monarchistische Parolen wie „Javid Schah“, um Vereinnahmung zu verhindern und einen klaren Regimewechsel zu fordern. Die Rückbesinnung auf nationale Identität stellt das herrschende System offen infrage.

Ob der Aufstand die Schwelle zur unumkehrbaren Veränderung überschreitet, entscheidet sich daran, ob diese Defizite überwunden werden.

Perspektive des Aufstands: Befreiung politischer Gefangener als Schlüssel für einen möglichen Umbruch

Der entscheidende Wandel hat bereits begonnen: Er besteht in der Überwindung der Angst. Der mögliche Wendepunkt liegt an den Toren der Gefängnisse. Gefängnisse. In Evin und anderen Haftanstalten sitzen Frauen und Männer, die als moralische und politische Bezugspunkte der Bewegung gelten. Ihre Freilassung würde das Machtgefüge des Regimes unmittelbar infrage stellen, die Architektur der Repression erschüttern und möglicherweise auch das Problem der Führungslosigkeit der Proteste verändern.

In dieser Dynamik gewinnen Institutionen wie Parlamente, Rundfunkanstalten und die zentralen Organe des Repressionsapparats symbolische Bedeutung: Wer sie kontrolliert, bestimmt die politische Deutungshoheit und die Richtung des Wandels. 

Jin Jiyan, Azadi: Liebe, Leben, Freiheit

Die stärkste Kraft jeder Revolution ist die Liebe zum Leben, zu den Menschen und zur Gerechtigkeit. Sie ist eine konstruktive, verbindende Kraft, die tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel ermöglicht und auf Wertschätzung des Lebens, Solidarität, Mitmenschlichkeit und Würde gründet. Wer Veränderung will, muss diese Liebe bewusst stärken – im Geist der demokratischen Bewegung Jin, Jiyan, Azadî, die für Leben und Entfaltung, für Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung im Iran kämpft.

Quellen:
https://www.reuters.com/world/middle-east/irans-army-vows-protect-public-property-tehran-seeks-quell-growing-unrest-2026-01-10/

https://apnews.com/article/iran-protests-us-israel-war-nuclear-economy-c867cd53c99585cc5e0cd98eafe95cc867cd53c99585cc5e0cd98eafe95d16

https://en.wikipedia.org/wiki/2026_Internet_blackout_in_Iran

https://www.theguardian.com/global-development/2026/jan/09/iran-supreme-leader-harsher-crackdown-protest-movement-swells