Iranproteste: Angehörige müssen »Kugelgeld« zahlen
Parade der Revolutionsgarden
Das iranische Regime instrumentalisiert seine Opfer, indem es sie als Basidsch-Mitglieder zwangsregistriert oder ihre Angehörigen für die Freigabe der Leichen bezahlen lässt.
Nachdem die Opferzahlen im Iran beständig weiter nach oben korrigiert werden müssen, kommen auch immer neue Berichte ans Licht der Öffentlichkeit, dass die Repressionen des Regimes selbst vor Toten nicht Halt machen. Die Lage rund um Leichenhallen und Krankenhäuser gleicht einem Belagerungszustand, wobei der Zugang zu diesen Einrichtungen streng von Sicherheitskräften kontrolliert wird. Familien, die Informationen über vermisste Angehörige suchen, erzählen von chaotischen Szenen, langen Wartezeiten und eingeschränkter Kommunikation.
»Kugelgeld«
Mehrere Quellen berichteten gegenüber Iran International, dass Familien, die versuchen, die Leichen ihrer Angehörigen zu bergen, Einschüchterungen und Druck seitens der Sicherheitskräfte ausgesetzt sind, darunter auch Zivilbeamte und Mitglieder der Islamischen Revolutionsgarde. Den Berichten zufolge haben Sicherheitskräfte die Häuser der Familien der Opfer und ihrer Nachbarn durchsucht, Mobiltelefone kontrolliert, Familienmitglieder beschimpft und in einigen Fällen bei nächtlichen Razzien Schüsse auf Wände abgegeben.
Auch die Lage in den Krankenhäusern wird als kritisch beschrieben, wobei Familien von einer starken Sicherheitspräsenz innerhalb der medizinischen Einrichtungen berichten. Laut Quellen hätten die Behörden den Familien mitgeteilt, dass die Leichen nur in den frühen Morgenstunden freigegeben werden können. Begräbniszeremonien seien auf Einzelbegräbnisse beschränkt und müssten bis vier Uhr am Morgen abgeschlossen sein. Mehrere Familien berichteten, gewarnt worden zu sein, dass die Leichen ihrer Angehörigen ohne ihre Zustimmung gemeinsam beigesetzt würden, weigerten sie sich, diese Bedingungen zu erfüllen.
Eines der am stärksten übereinstimmenden Elemente in den international vorliegenden Zeugenaussagen ist die Forderung nach Geld als Gegenleistung für die Freigabe der Leichen. Mehreren Quellen zufolge wird den Familien mitgeteilt, dass sie für jede Kugel, mit der ihre Angehörigen getötet wurden, bezahlen müssen. Die geforderten Beträge reichen je nach Fall von 700 Millionen bis zu 2,5 Milliarden Rial pro Kugel. Bei einem aktuellen Wechselkurs von etwa 1.450.000 Rial pro Dollar entspricht dies etwa 480 bis 1.720 Dollar. Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Arbeiters im Iran liegt unter hundert Dollar, sodass solche Zahlungen für viele unerschwinglich sind.
Diese Praxis ist nicht neu und wurde von den Behörden bereits bei früheren Repressionswellen angewendet, allerdings nicht in solch großen Ausmaß wie jetzt.
Zwangsweise Basidsch-Mitgliedschaft
Zusätzlich zu den finanziellen Forderungen berichten Familien von Druck, der auf sie ausgeübt wird, damit sie zustimmen, dass ihre Angehörigen als Mitglieder der Basidsch-Miliz, der paramilitärischen Freiwilligentruppe der Revolutionsgarde, identifiziert werden. Laut Menschenrechtsorganisationen und anderen Quellen werde den Familien gesagt, die Leichen ihrer Angehörigen könnten ohne Zahlung freigegeben werden, wenn sie der posthumen Ausstellung einer Basidsch-Mitgliedskarte für sie zustimmen.
Laut der Menschenrechtsorganisation Dadban haben die Behörden in mehreren Städten die kostenlose Freigabe der Leichen davon abhängig gemacht, dass die Familien die Registrierung ihrer getöteten Angehörigen als Basidsch-Mitglieder akzeptieren, die angeblich von Demonstranten getötet worden sein. Diese Praxis komme einer erzwungenen Identitätsänderung gleich und ist ein Versuch, die offiziellen Angaben zu den Opfern der Sicherheitskräfte aufzublähen, um die Behauptungen der Behörden zu untermauern, dass an den Unruhen »terroristische Elemente« beteiligt gewesen wären.
Die Beschränkungen für Beerdigungen und Bestattungen zielen darauf ab, zu verhindern, dass die öffentliche Bekundung von Trauer zu einem Brennpunkt für weitere Proteste wird. Deshalb werden Familien auch gezwungen, ihre Toten schnell, still und unter Aufsicht zu begraben. Einige gaben an, dass ihnen verboten wurde, öffentlich über ihre Angehörigen zu sprechen oder Bilder zu teilen, während andere von einer fortgesetzten Überwachung nach der Beerdigung berichteten.
Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch