Dienstag, 13.01.2026 / 17:00 Uhr

Sudan: Gräueltaten gehen weiter

Einheit der sudanesischen Armee

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Rawpixels

Stand Januar 2026 hat sich der Konflikt im Sudan weiter verschärft, begleitet von erheblichen Veränderungen in der territorialen Kontrolle, einer Zuspitzung regionaler Stellvertreterkonflikte und Hinweisen auf systematische Gräueltaten.

Was sich im Januar 2026 als Verschärfung des Konflikts im Sudan präsentiert, begann am 8. Dezember 2025 als die Rapid Support Forces (RSF) das Heglig-Ölfeld im Süden Sudans eroberten. Während die Weltpresse mit halbem Auge auf Gaza, Taiwan oder TikTok schaut, fand in West-Kordofan ein Ereignis statt, das nicht nur die sudanesische Ökonomie durchbohrt wie eine alte Bohrinsel, sondern auch das fragile Gleichgewicht der Golfregion ins Wanken bringt. Und wer genau hinschaut, sieht: Das ist kein Bürgerkrieg mehr. Das ist ein Golfkrieg mit anderen Mitteln.

Dass sich im Sudan Massengräber häufen, liegt nicht allein an der kriegsbedingten Logistik. Vielmehr daran, dass die saubere Trennung zwischen Freund und Feind, zwischen Regierung und Miliz, zwischen Islamismus und Anti-Islamismus längst in sich zusammengefallen ist – wie ein Friedensplan auf einer Münchner Sicherheitskonferenz. Und was übrig bleibt, sind Stellvertreter – nicht für das sudanesische Volk, sondern für zwei rivalisierende Staaten, die lieber Subunternehmen anheuern, als selbst ins Feld zu ziehen.

SAF vs. RSF – oder: Wer hat Angst vor dem Chaos, das er selbst gestiftet hat?

Beginnen wir bei den Fakten, bevor wir sie interpretieren. Die SAF, also Sudans reguläre Streitkräfte unter General Burhan, werden politisch, diplomatisch und neuerdings auch militärisch von Saudi-Arabien unterstützt. Das Königreich, bekannt für seine Aversion gegen Instabilität – außer wenn sie selbstverursacht ist – sieht im Sudan einen Pufferstaat, eine geopolitische Schallmauer gegen alles, was aus Afrika in Richtung Rotes Meer kriecht. Extremismus, Waffen, Menschen. Oder, wenn’s schlecht läuft: iranische Stellvertreter.

Dagegen die RSF, paramilitärisch, brutal, effizient – mit den Vereinigten Arabischen Emiraten als wahrscheinlichem Waffenlieferant. So behauptet es zumindest Amnesty International , so belegen es Berichte aus dem Südsudan, wo Transitkorridore für Gold und Gewehre durch freundliche Militärnetzwerke offengehalten werden. Die RSF eroberte El Fasher, marschierte durch Kordofan und sicherte sich Heglig. Warum? Weil Macht keine Landkarte kennt, nur Ölpreise.

Und ja: Beide Seiten verüben Gräueltaten. Die SAF warf in Gezira Leichen in Kanäle. CNN und Lighthouse Reports dokumentierten das sorgfältig – mit Satellitenbildern, Zeugenaussagen, Videos, wie es sich für Kriegsverbrechen im 21. Jahrhundert gehört. Und die RSF? Bombardierte Kindergärten in Kalogi. Eine Gleichung ohne moralischen Bruchteil.

Was diesen Bürgerkrieg zur Farce mit geopolitischer Lizenz macht, ist der unerklärte, aber allgegenwärtige Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Einst Verbündete in der Anti-Huthi-Allianz, stehen sie heute auf gegenüberliegenden Seiten – im Sudan, im Jemen, vielleicht bald in Somaliland. Der Südliche Übergangsrat (STC) in Aden wurde von den Emiraten gefüttert, bis er zu gierig wurde und saudische Grenzregionen besetzen wollte. Daraufhin flogen saudische Jets.

Und die Reaktion der VAE? Rückzug, vorerst. Wie ein älterer Bruder, der dem jüngeren seine Wut gewähren lässt – so ein Regierungstreuer aus Abu Dhabi via X. Ironie oder Realpolitik? Wahrscheinlich beides.

Der Bruch geht tief. Saudi-Arabien verfolgt mit Vision 2030 eine Agenda, die Stabilität als Geschäftsmodell braucht. Die Emirate dagegen kultivieren ein Netzwerk von Stellvertretern, Häfen und Söldnern entlang der afrikanischen Küste – von Berbera bis Bengasi. Und während Riad versucht, sich als neuer Stabilitätsgarant der Region zu inszenieren, betreiben die VAE eine Außenpolitik, die einem Hedgefonds gleicht: breit gestreut, hochriskant, nur selten solidarisch.

Was beide vereint – theoretisch – ist die Ablehnung der Muslimbruderschaft. In der Praxis führt das zu grotesken Widersprüchen. Saudi-Arabien stützt im Sudan jene SAF, deren Umfeld aus Islamisten der alten al-Baschir-Garde besteht. Die Emirate hingegen bekämpfen dieselben Milizen – angeblich, um den politischen Islam zu verhindern. Aber wer einen Krieg mit Argumenten rechtfertigt, hat entweder zu wenig Munition oder zu viele Berater.

Der Widerspruch wird in Washington immer sichtbarer. CNN berichtet, dass saudische Beamte erbost sind über Emirate, die sich wie der Iran benehmen – Waffen liefern, Separatisten fördern, Staatszerfall akzeptieren, solange er den richtigen Akteuren nutzt. Die Ironie: Dieselbe Anklage wurde einst gemeinsam gegen Teheran erhoben. Heute steht sie zwischen Riad und Abu Dhabi.

Rohöl und Realismus: Heglig als Wendepunkt

Mit der Einnahme von Heglig hat die RSF nicht nur eine strategisch kritische Infrastruktur übernommen – sie hat Saudi-Arabien gezwungen, in eine Ecke zu rücken, aus der es kaum elegant entkommen kann. Denn wenn die wichtigste Verarbeitungsanlage für südsudanesisches Öl (130.000 Barrel pro Tag laut Sudan Tribune) in die Hände einer als "milizlich" etikettierten Truppe fällt, dann steht nicht nur der regionale Energiemarkt, sondern auch ein Teil von Vision 2030 zur Disposition. Saudi-Arabien will die Küste touristisch erschließen. Wer will dort schon Kriegslärm hören?

Ein trilaterales Abkommen mit dem Südsudan zur "Neutralisierung" des Feldes zeigt: Die Geopolitik hat die Logik des Krieges übernommen. Wo früher Befehle erteilt wurden, wird heute verhandelt. Doch dass man Heglig mit Dialog sichern kann, glaubt höchstens die PR-Abteilung der OPEC.

Und während westliche Staaten wie üblich zwischen Waffenexporten und besorgtem Schweigen pendeln, versinkt die sudanesische Bevölkerung im Sumpf ihrer kolonial vererbten Grenzen und postkolonial gepflegten Eliten. 150.000 Tote, 12 Millionen Vertriebene – laut Responsible Statecraft die „weltweit größte humanitäre Krise“. Aber das interessiert erst dann, wenn eine Pipeline brennt.

Ein dunkles Land erhellen“, sagte Anwar Gargash, diplomatischer Berater des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate noch 2025. Seither beleuchten die VAE tatsächlich viele dunkle Ecken – mit Drohnen, Söldnern und Subventionen. Ihre Gegner? Islamisten, Islamisten und manchmal die Saudis.

Es gibt Kriege um Territorium, um Ideologie, um Öl. Der Sudan steht exemplarisch für einen neuen Typus: Kriege um Einflusszonen, geführt mit plausibler Leugnung und strategischer Amnesie. Das Heglig-Feld zeigt, wie wirtschaftliche Interessen, außenpolitische Rivalitäten und moralischer Opportunismus eine perfekte toxische Allianz eingehen können.

Ob daraus ein neuer Golfkrieg wird, hängt nicht allein von Riad oder Abu Dhabi ab. Sondern von der Frage, wie viel Kontrolle ein Regime über seine Stellvertreter wirklich hat – und ob es sich leisten kann, sie zu verlieren.

Oder, wie es der saudische Kommentator Ali Shihabi formulierte: „Kleine Staaten verfallen der Illusion, gleichberechtigte Partner zu sein.“ Vielleicht. Aber manchmal reicht eine Miliz, um einen Riesen zum Stolpern zu bringen.