Syrien: "Keine Freunde als die Berge". Ist Rojava Geschichte?
Milizionäre der syrischen Armee entfernen ein Bild Abdullah Öcalans in Tabqa
In wenigen Tagen sind große Teile der SDF verwalten Region in Nordostsyrien von Truppen der syrischen Interimsregierung erobert. Viele Kurden fürchten nun um ihre Existenz. Unterstützung aus den USA kommt derweil keine.
Vom gestrigen Telefonat zwischen Donald Trump und dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmad al-Sharaa berichtet Amberin Zaman in Al-Monitor unter Berufung auf vertrauliche Quellen, dass Sharaa zugesagt habe, seine Soldaten Hasakah, die mehrheitlich kurdisch bevölkerte Hauptstadt der PYD-geführten autonomen Verwaltung in Nordostsyrien (DAANES), nicht betreten zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt sicherten sich die Soldaten der syrischen Armee bzw. deren integrierten Milizen bereits nach Gefechten mit den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) die Kontrolle über die Ortschaft Shaddadi im Süden der Provinz Hasakah – einschließlich des dort gelegenen Gefängnisses für Kämpfer des Islamischen Staates. Etwa 120 laut Regierungsangaben, laut SDF 1500 IS-Mitglieder sollen am Montag aus dem Gefängnis entkommen sein, die syrische Regierung behauptete heute, 81 wieder festgenommen zu haben.
Die Strategie von Teilen der PYD, die arabische Bevölkerung zur Loyalität zu disziplinieren, etwa durch Verhaftungen beim Zeigen der neuen syrischen Nationalflagge oder durch Verbot von Feiern des Jahrestags des Sturzes des Assad-Regimes – womit auch ein Widerstand gegen die zugesagte Integration in den neuen syrischen Staat ausgedrückt wurde – ist gescheitert.
Im am Sonntag vereinbarten 14-Punkte-Abkommen zwischen SDF-Kommandant Abdi und Präsident Sharaa war ein sofortiger Waffenstillstand vorgesehen sowie eine sofortige Übergabe der Kontrolle über die Provinzen Deir ez-Zor und Raqqa. Auch die Integration der SDF-Kämpfer in die syrischen Streitkräfte und die Integration der Verwaltung von Hasakah und Kobane (Ain al-Arab) in den syrischen Staat war Teil des Abkommens – jedoch ohne eine unmittelbare Übergabe, was in den nächsten Tagen in Hasakah und Kobane (offiziell Teil der Provinz Aleppo) geschehen sollte. Die SDF sollten durch die Posten eines stellvertretenden Verteidigungsministers und des Gouverneurs von Hasakah in die Regierung integriert werden. Durch den Vormarsch der syrischen Streitkräfte (und nach wie vor die Präsenz türkischer Streitkräfte mit verbündeten Milizen in Raʾs al-ʿAin (Serekaniye)) ist Kobane jetzt von Hasakah abgeschnitten – wie zuletzt während der Belagerung durch den Islamischen Staat 2014–2015.
In der vom syrischen Präsidialamt veröffentlichten Zusammenfassung des Gesprächs mit Trump ist von einem Halt des Vormarschs auf Hasakah und überhaupt vom Konflikt mit den SDF/YPG keinerlei Rede. Das Weiße Haus übt sich indes in Intransparenz und veröffentlicht bislang keine Zusammenfassung des Telefongesprächs – mit der unter anderen Präsidenten üblichen Praxis einer solchen Veröffentlichung zu jedem Telefongespräch mit ausländischen Staats- und Regierungschefs hat Trump bereits mit seiner ersten Amtszeit gebrochen.
Der Seitenwechsel der arabischen SDF-Fraktionen
Anders als es gerade unter linken Kritikern des Bündnisses der SDF/YPG mit den USA lange erwartet (und evtl. befürchtet) wurde, war es nicht einmal ein Verrat der USA, durch den die SDF in den letzten drei Tagen den Großteil ihres Territoriums verloren. Noch am Wochenende drangen die USA auf einen Halt des Vormarschs der syrischen Armee westlich des Euphrats und de Verbleib von Al-Tabqah südlich des Euphrats unter Kontrolle der SDF. Vielmehr brachen die arabischen Hauptbündnispartner, von sunnitisch-arabischen Stämmen in Deir ez-Zor und Raqqa gestellte Verbände das Bündnis mit den SDF und unterstellten sich der syrischen Regierung in Damaskus. Die YPG hatten im Zuge des Kampfes gegen den Islamischen Staat das Bündnis mit diesen Stammesgruppen gesucht, die teilweise zuvor auch den Islamischen Staat oder die Assad-Regierung unterstützt hatten.

(Bild: US-Truppen mit Einheiten der SDF, Quelle NPA)
Während die PYD ideologisch eine Neuausrichtung weg von einem exklusiv-kurdischen Projekt hin zu einer nationaler Reinheit und dem Nationalstaat gegenüber kritischen Doktrin vollzog, beruhte das Bündnis jedoch nicht auf einer solchen gemeinsamen politisch-ideologischen Ausrichtung. Kurdische Kader wurden mit der Überwachung der politischen Entscheidungen in den mehrheitlich arabischen Gebieten betraut, gleichzeitig blieb die Durchsetzung des ideologischen Projekts der PYD, etwa hinsichtlich gleichberechtigter Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen der Gesellschaft, sehr beschränkt. So wurde selbst die Umsetzung des Verbots der Polygamie aufgrund von stammespolitischem Widerstand kaum umgesetzt.
Konflikte führten bereits in den letzten Jahren teils zum Bruch der Bündnisse, die erst nach Gewalteskalation wiederhergestellt werden konnten. Angesichts des Vormarschs der syrischen Armee Richtung Al-Tabqah entschieden sich die maßgeblichen Stammesführer, nicht mehr Vollstrecker der autoritären Einparteien-Herrschaft der PYD – mit ihren ideologischen Zumutungen wie Frauenemanzipation und Öcalan-Personenkult – zu sein, sondern sich der syrischen Regierung unterzuordnen, deren zentralistisch-autoritäres System allerdings keine politischen Parteien kennt und auf religiösem Konservativismus verbunden mit einem nationalistischen Populismus für die sunnitisch-arabische Mehrheit aufbaut, in den sich auch die eher konservativen Stämme von Raqqa und Deir ez-Zor gut einfügen können – ohne, anders als Kurden oder christliche Minderheiten schon aufgrund der Gruppenzugehörigkeit befürchten zu müssen, als fünfte Kolonne zu gelten.

(Bild: Treffen von arabischen Stammeschefs, die Teil der anti IS-Koalition sind, Quelle: Nick Gregory)
Die Strategie von Teilen der PYD, die arabische Bevölkerung zur Loyalität zu disziplinieren, etwa durch Verhaftungen beim Zeigen der neuen syrischen Nationalflagge oder durch Verbot von Feiern des Jahrestags des Sturzes des Assad-Regimes – womit auch ein Widerstand gegen die zugesagte Integration in den neuen syrischen Staat ausgedrückt wurde – ist gescheitert. Dieser Entwicklung am Boden hätten die USA oder gar Israel mit Luftschlägen nichts entgegensetzen können, allenfalls wäre eine gewisse Verzögerung im Vorfeld denkbar gewesen zu einem Zeitpunkt, als es allerdings so schien, dass eine Rückzugs- und Waffenstillstandsvereinbarung umgesetzt würde.
Das Abkommen zwischen SDF und Damaskus im März 2025
Als absehbar wurde, dass Sharaa, der die Offensive der islamistischen HTS-Miliz im Bündnis mit anderen Milizen Ende 2024 angeführt hatte, seine Herrschaft über den Großteil Syriens konsolidieren und seine Regierung international anerkannt würde, unterzeichneten die SDF im März 2025 ein Abkommen mit Sharaa, welches die Integration der SDF und der DAANES in die syrische Armee bzw. den syrischen Staat bis zum Jahresende 2025 vorsah. Kritische Konfliktpunkte, etwa inwiefern SDF-Einheiten innerhalb der syrischen Armee und die Verwaltung innerhalb des syrischen Staates Eigenständigkeit bewahren könnten, wurden nicht gelöst. Eine Föderalisierung Syriens wurde von Sharaa, aber auch von der ihn unterstützenden türkischen Regierung und vom US-Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, kategorisch abgelehnt.
Kriegsverbrechen in Suweida und Latakia
Das Abkommen fiel in die Zeit, als zunächst einige alawitische Assadisten in der Küstenregion, insbesondere Latakia, eine Erhebung versuchten, jedoch blutig niedergeschlagen wurden mit zahlreichen von Regierungskräften bzw. verbündeten Milizen begangenen Racheakten und außergerichtlichen Hinrichtungen, an Gefangenen und alawitischen Zivilisten.
Im Juni folgte eine massive Eskalation eines lokalen Konflikts zwischen Drusen und Beduinen in Suweida. Sharaa mobilisierte, um Suweida unter Kontrolle der Regierung zu bringen, drusische Kräfte nahmen zahlreiche Geiseln, auf Seiten der Regierung stehende Bewaffnete verübten zahlreiche außergerichtliche Hinrichtungen an Gefangenen und Zivilisten. Die israelische Luftwaffe bombardierte Regierungskräfte auf dem Vormarsch nach Suweida und rüstete auch drusische Kräfte am Boden aus. Die Eskalation führte dazu, dass der auch innerhalb der drusischen Gemeinschaft umstrittene Geistliche Hikmat al-Hijri, der die von seinen Gegnern befürwortete Eingliederung drusischer bewaffneter Kräfte in die neue Regierung immer abgelehnt hatte, eine Kooperation mit Israel suchte und auch der gewatsamen Einschüchterung seiner Gegner verdächtigt wird, zur maßgeblichen politischen Führungsfigur der Drusen in Suweida wurde. Im Zuge der massiven israelischen Intervention, suchte Sharaa eine Deeskalation und eine Trennung zwischen den von den drusischen Milizen kontrollierten Gebieten und mit ihnen verfeindeten lokalen Bewaffneten durchzusetzen.
Die Kriegsverbrechen in Latakia und Sweida unterliefen das Vertrauen in die syrische Regierung international wie auch bei Unterstützern der SDF. Sharaa versuchte jedoch, sich öffentlich von Verbrechen zu distanzieren und eine stärkere Kontrolle mit ihm verbündeter Milizen durchzusetzen.
Erneutes Abkommen im Oktober 2024 und interner Widerstand
Im Oktober gelang mit amerikanischer Vermittlung eine Konkretisierung des Abkommens von März. Sharaa erklärte sich bereit, Einheiten der SDF als eigenständige Divisionen, einschließlich eines Frauen-Regiments, in die syrische Armee zu integrieren. Insbesondere die Türkei lehnte diese kollektive Integration der SDF in die Armee ab.

(Bild: Mazlum Abdi, Quelle: NPA)
Abdi, der das Abkommen unterzeichnet hatte, stieß jedoch ebenfalls auf internen Widerstand gegen den Kompromiss und verlangte Nachverhandlung über das Rekrutierungsverfahren der SDF-Einheiten sowie über die (bereits laut März-Abkommen der Zentralregierung zufallande) Kontrolle der Außengrenzen. In der Folge war es nicht möglich, das Abkommen bis zum Jahresende umzusetzen. Auch aus dem US-Militär wurde über Frustration mit YPG-/PYD-Kadern berichtet, die Abdis Verhandlungsposition unterminierten und die Umsetzung verhinderten.
Eskalation in Aleppo und Beginn der Regierungsoffensive
Nach einem mutmaßlichen Drohnenangriff der YPG auf ein Militärfahrzeug bei Deir Hafer am 5. Januar konnten sich die SDF nur unglaubwürdig (das Schadensbild passte nicht zu einem Verkehrsunfall) von dem Angriff distanzieren. Bei Deir Hafer, 50km entfernt von Aleppo, folgte zunächst dort eine Eskalation zwischen Armee-/SNA- und YPG-Einheiten. In einem Zwischenfall am 6. Januar töteten kurdische Polizeikräfte in Aleppo einen syrischen Soldaten, ebenfalls am 6. Januar mobilisierte Damaskus für eine militärische Lösung in Aleppo. Die von den SDF-kontrollierten Gebieten isolierten Nachbarschaften, aus denen nach einem Abkommen von April teilweise auch Waffen und Personal der SDF abgezogen waren, waren militärisch nicht zu verteidigen. Dutzende Zivilisten starben unter Artillerie- und Gewehrfeuer, beide Seiten warfen sich gegenseitig Kriegsverbrechen vor. Bereits am 9. Januar verkündete Sharaa ein Waffenstillstandsübereinkommen einschließlich eines Abzugs der kurdischen Polizeikräfte in Ashrafiyah und Sheikh Maqsoud – die von der Regierung als Operationsbasen für Angriffe gegen Regierungskräfte beschrieben wurden.
Doch der „Volksrat“ der beiden Viertel beschloss, die aussichtslose Verteidigung fortzusetzen, das Abkommen wurde dementiert. Der Widerstand – einschließlich Selbstmordangriffen durch fünf kurdische Kämpferinnen und Kämpfer – endete jedoch einen Tag später mit dem vereinbarten Abzug der Polizeikräfte. Es stabilisierte sich jedoch kein Waffenstillstand, am 13. Januar intensivierte Damaskus die Kampagne, die YPG aus den Gebieten von Deir Hafer und Maskanah westlich des Euphrats zu vertreiben, worauf der Vormarsch Richtung Tabqah folgte, den die USA noch zu stoppen suchten – in Hoffnung auf den Euphrat als militärisch stabiler Grenze, der jedoch, wie sich herausstellte, nicht die Grenze zwischen der SDF gegenüber loyalen und illoyalen Einheiten und Bevölkerung darstellte.
Verhandlungen nach dem Seitenwechsel der SDF-Verbände in Raqqa und Deir ez-Zor
Am 19. Januar, verhandelte Abdi über fünf Stunden mit Sharaa in Damaskus. Nach Darstellung des Präsidialamts versuchte Abdi gegenüber der Vereinbarung vom Vortag wiederum nachzuverhandeln bzw. das vorherige Abkommen zu konkretisieren, was die Eigenständigkeit der SDF und der Verwaltung in Hasakah angeht, während Sharaa auf Präsenz von Regierungspolizeikräften in Hasakah bestand.

(Bild: Syrische Milizen auf dem Vormarsch, Bildquelle: Levant 24)
Nach Darstellung des Präsidenten scheiterten die Verhandlungen am Ende, weil Abdi um einen Aufschub des weiteren Vorgehens um fünf Tage bat, um mit der Führung in Hasakah zu beratschlagen, Sharaa diese Verzögerung jedoch ablehnte. Sharaa ist sich offenbar der Schwäche Abdis, was die Umsetzung von Abkommen in den eigenen Reihen angeht, bewusst, beharrte aber dennoch auf einer sofortigen Zusage.
Vormarsch in Richtung Hasaka und Kobane – zwischen Zeichen des guten Willens und Bereitschaft zur äußersten Eskalation
Die Angriffe in Richtung der mehrheitlich kurdisch, aber auch von Arabern und aramäischen, armenischen, tschetschenischen, turkmenischen und jesidischen Minderheiten bewohnten Gegenden von Hasakah und Kobane wurden fortgesetzt. Vor einer gewaltsamen Integration dieser nicht-arabischen Gebiete hatten zahlreiche Beobachter im Ausland und selbst ausgesprochene Befürworter und Feinde der SDF wie Robin Yassin-Kassab aufgrund des zu erwartenden Blutvergießens und der nichtarabischen Bevölkerung, die nach einer solchen Operation die Regierung nur als Besatzung wahrnehmen kann, gewarnt. Ein Vermeiden solchen Blutvergießens schien Sharaa gestern keine Verzögerung von fünf Tagen und das damit verbundene symbolische Nachgeben wert.
Während trotz der vielen getöteten Zivilisten und einer geschändeten Leiche einer kurdischen Kämpferin auch kurdische Medien nach der Einnahme von Ashrafiyah und Sheikh Maqsoud – trotz Gerüchten während der Kämpfe – keine Massaker dokumentierten, häufen sich jetzt zirkulierende Bilder von YPG-Kämpfern, denen die Kehle durchgeschnitten wurde, und weiteren Verstümmelungen durch Kräfte der syrischen Regierung. Noch am Sonntag vor dem Abkommen mit Abdi beschloss Sharaa per Dekret die Erhebung des kurdischen Newroz-Festes zum Feiertag, die Staatsbürgerschaft für in Syrien durch jahrzehntelange Ausschlüsse staatenlose Kurden und die Erhebung des Kurdischen nur Nationalsprache – im starken Kontrast zur Übergangsverfassung, die Syrien als ausschließlich arabische Nation definiert. Er suchte mit dem von kurdischen Parteien begrüßten Beschluss auch einer kurdisch-nationalistischen Mobilisierung gegen seine Regierung den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Antikurdische Botschaft aus dem Religionministerium
Doch am Sonntag dann mobilisierte das für die Moscheen zuständige Waqf-Ministerium mit einer klar anti-kurdischen Botschaft: Ein Rundschreiben an die Moscheen mit der Aufforderung, für den Sieg bei der Eroberung der Gebiete im Osten des Landes zu beten, wird eingeleitet mit dem Beginn des 9. Vers der Anfal-Sure, in welchem Gott aufs Gebet hin die Unterstützung durch eine Armee von Engeln zusagt.

Nach dieser Sure (der Name bedeutet „Kriegsbeute“) benannte Saddam Hussein im Iran-Iraq-Krieg seine Operation gegen die kurdische Bevölkerung 1986–1989 – der wohl größten Massenmordkampagne gegen Kurden in der Geschichte mit 50.000–100.000 Opfern, in deren zeitlichen Zusammenhang Saddam Hussein auch Giftgas gegen Kurden einsetzen ließ.
Erfolglose Gespräche
Mit dem Ausbleiben erfolgreicher Vermittlung beim gestrigen Gespräch zwischen Sharaa und Abdi und dem Nichteingreifen während der Übernahme der Gefängnisse von Al-Aqtan und sogar von Shaddadi in unmittelbarer Nähe einer Militärbasis, nehmen die USA nicht einmal mehr ihr Kerninteresse in Nordostsyrien wahr – nämlich der Absicherung der Erfolge im Kampf gegen den IS, wofür auch einige hohe US-Militärs und Senatoren starke Bündnisloyalität zu den SDF verspüren, während die Orientierung an der Stärkung von Demokratie im Nahen Osten für die USA unter Trump keine Rolle mehr spielt, wie es auch Tom Barrack klar zum Ausdruck gebracht hat, und Sympathie für die PKK und ihr ideologisches Programm selbstredend noch nie Motivation der US-Regierung war. Heute folgte der Abzug der SDF vom größten Internierungslager für IS-Frauen und ihre Kinder Al-Hol südostlich der Stadt Hasakah. Der Bericht vom gestrigen Telefongespräch legt nahe, dass Trump schlecht informiert sein Vertrauen auf Versprechen Sharaas gesetzt hat, die dieser nicht einhalten wollte oder konnte. Auch eine Eigenständigkeit der nach Hasakah und Kobane vorrückenden Milizen im Siegesrausch ist dabei als Faktor zu bedenken. Pro-PYD-Medien berichten auch von Angriffen durch kurdische Drohnen, was in der Vergangenheit durch die USA immer wieder unterbunden wurde, von türkischer Seite jedoch dementiert wird.
Quo vadis?
Ein Ende der moderierenden Rolle der USA ließe auch die Hoffnungen auf einen andauernden Waffenstillstand und eine friedliche Lösung des Konflikts noch weiter schwinden. Die PYD hat zur Volksbewaffnung sowie zur Mobilisierung von Kurden aus der ganzen Welt zur Verteidigung der Autonomie in Nordostsyrien aufgerufen. In Iraqi-Kurdistan verbreiten ideologisch auch nicht der PKK nahestehende Stimmen die Aufrufe, sich an die Grenze zur Provinz Hasakah zu begeben, hunderte Kurden aus der Türkei haben die Grenze in Qamishli schon überschritten. Gerade diejenigen Kräfte, die eine Vereinbarung über eine Eingliederung in den syrischen Staat sabotiert haben, begründet mit Furcht vor Massakern und falschen Hoffnungen auf amerikanisches oder gar israelisches Eingreifen (vom SDF-General Sipan Hamo sowie von aus Kandil nach Rojava abbeorderten PKK-Kadern wird vermutet, dass sie bei der Opposition gegen die Abkommen eine besondere Rolle spielten), sehen sich angesichts des Scheiterns aller Waffenstillstände, dem fortgesetzten Blutvergießen und dem sich abzeichnenden Überlebenskampf der auf ein kleines Gebiet zurückgezogenen SDF jetzt paradoxerweise bestätigt und mobilisieren zu einer Verteidigung, die für militärisch unerfahrene Zivilisten aus dem Ausland womöglich nur Selbstopferung bedeutet.

(Bild: Solidaritätsdemonstration im irakisch-kurdischen Suleymaniah, Quelle: privat)
Das Spielen auf Zeit, Verzögerung der Integration in den Staat, Bruch von Waffenstillständen, Hoffen auf fremde Hilfe, ohne jegliche positive Perspektive, wie das künftige Verhältnis zu Damaskus, aber auch zur kurdischen Opposition, Teilen der eigenen Bevölkerung, die von Wirtschaft und Bildung in den großen Städten Syriens profitieren wollen, und den arabischen Bündnispartnern in Zukunft aussehen soll, während gleichzeitig Abdi Abkommen voranzutreiben suchte, hat sich als fatale Sackgasse erwiesen. Sharaa, der die Zeit auf seiner Seite hätte und von manchen seiner Anhänger gar für sein Abwarten im Vorgehen gegen die SDF kritisiert wurde, fand in Abdis Schwäche bei jeder Eskalation, so auch gestern einen vorzeigbaren Grund für die Wahl der gewaltsamen Option – und ging bislang jedes Mal als Gewinner aus der Eskalation hervor. Die PYD hatte sich in eine Situation manövriert, in der ihr bei Unnachgiebigkeit Sharaas nur noch Mobilisierung zu Verzweiflungstaten blieb – mangels Bergen fehlt auch die Tiefe für einen strategischen Rückzug.
Gleichsetzung der syrischen Armee mit dem IS
Pro-PYD-Medien setzen jetzt die syrische Armee mit dem IS gleich und warnen vor Genozid. Obwohl Sharaa mittlerweile eher auf Basis von Nationalpopulismus für ein starkes, geeintes Syrien, besonders die sunnitisch-arabische Mehrheit adressierend, als auf Basis von früheren Vorstellungen des Jihads gegen die Welt des Unglaubens mobilisiert und eher einen technokratisch-autoritären, wirtschaftsfreundlichen Regierungsstil unter staatstragender Einbindung konservativer Religion pflegt, in den er auch Mitglieder von Minderheiten einschließen kann und sich seine Regierung aus Sicht der USA als ein glaubhafter und auch aufgrund vom besseren Zugang zu IS-Insider-Informationen durch Überläufer effektiver Partner im Kampf gegen den IS bewährt hat, bedeutet dies mitnichten eine Entwarnung für das Gewaltpotential der sich in Nordostsyrien entladenden Ideologien und Einstellungen – ob lange Feindschaft mit den YPG seitens türkisch unterstützter ehemaliger SNA-Einheiten, ob sunnitisch-arabischer Nationalismus, Identifikation der SDF mit dem Assad-Regime, Vergeltung für Repression unter den SDF, Hass auf den PYD-Säkularismus oder salafistisch motivierter Jihadismus (einschließlich ausländischer tschetschenischer, uigurischer und anderer Kämpfer).
Auch für diejenigen Syrer, die die SDF aus schlechten Erfahrungen und nicht aus Nationalismus oder Islamismus ablehnen, die Übernahme Sharaas in Damaskus aus guten Gründen als Befreiung empfunden haben und sich von der Stabilisierung der Regierung Sharaas einen ersten Schritt ein Richtung eines freieren und zumindest in einigen Jahren demokratischen Syriens erhofft haben, wäre ein Einmarsch in Hasakah, Qamishli und Kobane (Ain al-Arab) eine schlechte Nachricht. Während die syrische Übergangsverfassung keinerlei checks and balances für die Macht des Präsidenten vorsieht, würde mit der gewaltsamen Zerschlagung der SDF und der DAANES ein Hauptgrund dafür, dass Sharaa dennoch auf Basis von Interessenausgleich regieren muss, wegfallen.
Weg zu mehr Demokratie fraglich
Obwohl die Übergangsverfassung der Syrisch-Arabischen Republik nicht Sharaas frühere salafistischen Überzeugungen verkörpert, ist ein Weg zur Demokratie, zu einer Republik aller Bürger keineswegs garantiert. Die Aufwertung der islamischen Jurisprudenz zu der Hauptquelle der Gesetzgebung, die Einschränkung der Religionsfreiheit auf die monotheistischen Religionen und die Abwesenheit von Frauenrechten in der Übergangsverfassung ebenso wie die enge Bindung der Regierung an Qatar und die Türkei sowie die Liebelei der Trump-Administration mit dem Regierungssystem der Golfmonarchien sind zumindest Indikatoren für eine Tendenz, der eine friedliche Übereinkunft mit den SDF mit einer ohne gewaltsame Eroberung intakt bleibenden Zivilgesellschaft (einschließlich demokratischer Institutionen auf Gemeindeebene und der starken Rolle von Frauen in der Gesellschaft) entgegenwirken könnte bzw. bei einem früheren Abkommen noch besser hätte entgegenwirken können.
Doch ein Waffenstillstand?
Soeben meldete das Präsidialamt, dass den SDF nun doch nunmehr noch vier Tage Zeit zur Beratschlagung einberaumt wurde – die Frist, welche nach der gestrigen Darstellung die Verhandlungen zum Scheitern gebracht hatte. Anders als gestern sagt er nun auch öffentlich zu, keine Soldaten in die Städte Hasakah und Qamishli zu senden – der Status von Ain al-Arab bleibt wiederum unklar. Eine diplomatische Intervention der USA nach einem Tag augenscheinlicher Untätigkeit mag hier geholfen haben ebenso wie die Sorge Sharaas vor Reputationsverlust im Falle weiterer Kriegsverbrechen oder Massaker und eine Einsicht, dass eine längerfristige Insurrektion in Nordostsyrien sowie unkontrollierbare Konflikte zwischen Fraktionen seiner Anhänger und Unterstützern der PYD bzw. der kurdischen Bevölkerung und aramäischen, armenischen und jesidischen Minderheiten nicht im Interesse der Absicherung seiner Macht wären.