Der Krieg im Sudan weitet sich auf Äthiopien aus
Milizionäre der RSF
Zwischen Khartum und Assosa entsteht eine neue Linie auf der Landkarte des Krieges. Und niemand will sie gezogen haben.
Seit April 2023 kämpfen im Sudan die Sudanese Armed Forces (SAF) unter General Abdel Fattah al-Burhan gegen die Rapid Support Forces (RSF) unter Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti. Was als Machtkampf in Khartum begann, hat sich in einen territorial zergliederten Krieg verwandelt. Nun verlagert sich die Front in die Provinz Blauer Nil – an die Grenze zu Äthiopien. Sudanesische Regierungsvertreter werfen Addis Abeba vor, RSF-Kämpfer auf eigenem Boden auszubilden und logistisch zu unterstützen. Äthiopien weist das zurück. Satellitenbilder, diplomatische Depeschen und Berichte aus Assosa zeichnen ein anderes Bild – oder zumindest ein unruhiges.
Der Krieg nach Khartum
Der Konflikt ist das Produkt eines gescheiterten Übergangs. Nach dem Sturz Omar al-Bashirs 2019 und dem Militärputsch 2021 standen SAF und RSF zunächst nebeneinander. Seit April 2023 stehen sie sich gegenüber. Der Krieg brachte Millionen Vertriebene hervor, Hungersnöte, Massaker – und eine faktische Aufteilung des Landes.
Bis 2025 hatte die RSF große Teile Zentralsudans kontrolliert. Dann drehte sich das Blatt. Laut ACLED führten „eine Reihe von SAF-Offensiven zwischen September 2024 und Mai 2025 zu einer dramatischen Wende“. Am 11. Januar 2026 verlegte die Armee ihren Regierungssitz zurück nach Khartum. Doch militärische Siege lösen keine politischen Probleme. Sie verlagern sie.
Der Bundesstaat Blauer Nil war lange Peripherie. Jetzt ist er Drehpunkt. Die Region grenzt an Äthiopien und Südsudan, beherbergt die Hochburg Yabusa der SPLM-N und liegt strategisch zwischen al-Damazin und Kurmuk.
Am 25. Januar kam es laut ACLED zu „der ersten offenen Konfrontation“ zwischen SAF und einer Allianz aus RSF und der SPLM-N-Fraktion um Abdelaziz al-Hilu. Die Kämpfer seien „aus dem Südsudan“ eingedrungen. Kurz zuvor hatte die SAF einen Konvoi bei Yabusa bombardiert. Die Armee erklärte, er habe „ausländische Söldner transportiert, die in Äthiopien ausgebildet worden seien“. Die SPLM-N sprach von getöteten Zivilisten.
Ausbildungslager in Äthiopien
Was hier geschieht, ist militärisch logisch. Nach Rückschlägen in Kordofan sucht die RSF neue Achsen. Wer den Blauen Nil kontrolliert, öffnet Wege nach Sennar und weiter nach Zentralsudan. Der Fluss ist nicht nur Wasser, sondern Route.
Sudanesische Regierungsvertreter gehen weiter. Ein Beamter sagte der Sudan Tribune, Äthiopien habe „sein Territorium für die Ausbildung von RSF-Kämpfern und verbündeten Streitkräften in vier Grenzgebieten innerhalb der Region Benishangul-Gumuz geöffnet“. Man beobachte RSF-Kommandeure in Assosa. Zudem seien „massive Mengen militärischer Ausrüstung aus den VAE“ auf zwei Luftwaffenstützpunkten eingetroffen.
Reuters präzisiert. Die Nachrichtenagentur berichtet von einem „geheimen Lager zur Ausbildung Tausender Kämpfer“ nahe Menge, 32 Kilometer von der Grenze entfernt. Acht Quellen, darunter „ein hochrangiger äthiopischer Regierungsbeamter“, erklärten, die Vereinigten Arabischen Emirate hätten den Bau finanziert. Anfang Januar hätten sich dort „4.300 RSF-Kämpfer in militärischer Ausbildung“ befunden; „ihre logistische und militärische Versorgung wird von den VAE bereitgestellt“, heißt es in einer internen Sicherheitsnotiz.
Satellitenbilder zeigen laut Reuters mehr als 640 Zelte, neue Rodungen, Container, schwere Fahrzeuge. Am Flughafen Assosa seien Hangars entstanden; Experten identifizierten „eine Bodenkontrollstation für unbemannte Luftfahrzeuge (UAV)“. Ein hochrangiger Beamter sagte, das Militär plane, den Flughafen in ein Drohnenzentrum umzuwandeln.
Das sind keine Gerüchte aus Grenzdörfern. Es sind Aussagen mit Bildmaterial. Zugleich betont Reuters, man habe „die Beteiligung der VAE an dem Projekt oder den Zweck des Lagers nicht unabhängig überprüfen“ können. Janes erklärte, anhand der Bilder lasse sich nicht bestätigen, dass es sich um ein militärisches Objekt handle. Beweismittel und Vorbehalt stehen nebeneinander.
Addis Abeba dementiert – und relativiert
Äthiopien bestreitet die Vorwürfe. Ein hochrangiger Beamter nannte die Berichte „haltlos“ und betonte, man werde „keine feindseligen Aktivitäten gegen ein Nachbarland dulden“. Die Kommunikationskanäle nach Khartum seien offen.
Der Africa Report zeichnet ein differenzierteres Bild. Analyst Connor Trumpold von Control Risks sagt: „Wir konnten die Existenz eines Lagers der RSF oder der SPLM-N in Äthiopien nicht eindeutig bestätigen.“ Eine lokale Quelle in Asosa habe von einem Militärlager berichtet, jedoch nichts über RSF-Ausbildung gewusst. Gleichzeitig räumt Trumpold ein: „Eine Quelle aus dem äthiopischen Geheimdienst bestätigte die Richtigkeit der Berichte.“ Die Unklarheit ist Teil der Geschichte.
Sollten sich die Hinweise auf Ausbildung und logistische Unterstützung der RSF auf äthiopischem Boden erhärten, würde der sudanesische Bürgerkrieg eine neue Qualität erreichen: von der innerstaatlichen Auseinandersetzung zur regionalisierten Konfrontation.
Cameron Hudson vom CSIS verschiebt den Fokus: Es sei „mittlerweile allgemein bekannt“, dass Äthiopien nahe der Grenze einen neuen Militärstützpunkt errichte – unter anderem zum Schutz des GERD-Staudamms. Doch die eigentliche treibende Kraft seien die VAE. Diese hätten „in der Vergangenheit ihre Klientelstaaten für ihre eigenen strategischen Zwecke instrumentalisiert“. Äthiopien sei womöglich weniger Akteur als Transitroute – „der letzte natürliche Ort“ für die Aufrechterhaltung der RSF-Nachschublinien.
Das ist keine Entlastung, sondern eine Verschiebung der Verantwortlichkeit.
Misstrauen zwischen Khartum und Addis Abeba hat Tradition. Die Grenzregion al-Fashaga ist umstritten. Der GERD-Staudamm belastet das Verhältnis zu Sudan und Ägypten. Äthiopien unterstützte in den 1980er und 1990er Jahren die SPLM/A. Sudan wiederum kooperierte zeitweise mit Äthiopiens Kriegsgegnern aus Tigray. In diesem Kontext wird jede Bewegung an der Grenze als Signal gelesen.
Die Modernisierung des Flughafens Assosa könnte defensiv motiviert sein – Schutz des Damms, Verlagerung von Luftwaffenstützpunkten. Sie könnte zugleich offensiv nutzbar sein. Infrastruktur kennt keine Moral, nur Funktion.
Sollten sich die Hinweise auf Ausbildung und logistische Unterstützung der RSF auf äthiopischem Boden erhärten, würde der sudanesische Bürgerkrieg eine neue Qualität erreichen: von der innerstaatlichen Auseinandersetzung zur regionalisierten Konfrontation. Selbst eine „stillschweigende“ Beteiligung, wie Hudson warnt, könnte Eritrea oder andere Akteure auf den Plan rufen.
Wenn Äthiopien lediglich Transitland ist, bleibt die Frage, warum es diese Rolle akzeptiert. Wenn es aktiv beteiligt ist, stellt sich die Frage nach dem Kalkül. In beiden Fällen verschiebt sich das Kräfteverhältnis im Blauen Nil – und damit im gesamten Sudan.
Der Krieg folgt dem Fluss. Und mit ihm fließen Interessen: Nilpolitik, Grenzfragen, Golfgelder. Wer behauptet, er stehe nur am Ufer, sollte erklären, warum seine Häfen so belebt sind.
Am Ende steht kein Beweis, der alles entscheidet, sondern ein Muster aus Indizien, Dementis und strategischer Logik. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: In diesem Krieg ist Neutralität weniger eine Position als eine Behauptung.