Iran und die verwundete Psyche der Demonstranten
Leichensäcke in Teheran
Nach den vergangenen Protesten der Bevölkerung, die vom Regime mit beispielloser Unterdrückung und Massenmorden beantwortet wurden, steht das Leben für Millionen von Menschen im Iran still.
»Ich bin jetzt noch am Leben, weil ich nicht an den Protesten teilnehmen konnte. Hätte ich auf den Rat meiner Familie gehört und mich den Demonstrationen angeschlossen, wäre ich vielleicht unter den Toten«, berichtete ein Mann mit noch immer zitternder Stimme. »Es stimmt, dass ich am Leben bin, aber ich kann nicht froh darüber sein, überlebt zu haben.«
Das ist nicht die Stimme eines Helden. Es ist die Stimme eines Überlebenden. Und vielleicht ist es die Stimme einer ganzen Generation, die diesen inneren Dialog führt. Nach den heurigen Protesten im Iran, die mit beispielloser Unterdrückung und Massenmorden beantwortet wurden, kehrt das Leben für Millionen von Menschen nicht zum alten Zustand zurück und geht auch nicht wirklich weiter. Was bleibt, ist eine hartnäckige und verheerende Frage, die man auch aus anderen Zusammenhängen kennt: Warum habe ich überlebt, während andere gestorben sind?
Anders als früher
Für diejenigen, die den Iran hauptsächlich aus den Nachrichten kennen, mögen die aktuellen Proteste wie eine weitere Welle sozialer Unruhen in einem Land erscheinen, das unter wirtschaftlichem und politischem Druck steht – ähnlich wie die Proteste in den Jahren 1999, 2009, 2017, 2019, 2021 und 2022. Was dieses Mal jedoch anders machte, war nicht nur das Ausmaß der Demonstrationen, sondern auch die Reaktion der Regierung:
- Wochenlange landesweite Internetabschaltung,
- direkte Schüsse auf Demonstranten auf den Straßen,
- Angriffe auf Krankenhäuser und das Töten von Verwundeten,
- Verhaftungen von Ärzten und Sanitätern,
- Drohungen gegen Familien und Einschränkungen der Trauerfeierlichkeiten.
Auch jetzt noch dauern die Verhaftungen, Hinrichtungen und Kommunikationsstörungen an. Das Regime, das Angst vor Hunderttausenden von Menschen in den kleinen und großen Städten des Landes hatte, unternahm nichts, um die Krise durch Zugeständnisse und Lösungen in den Griff zu bekommen, sondern führte Massenmorde als Strategie der kollektiven Einschüchterung durch.
Ein Überlebender erzählt: »Ich erinnere mich an die Nacht vor den Morden am 8. und 9. Januar 2026. Das staatliche Fernsehen drohte der Öffentlichkeit und warnte, dass jeder, der an den Protesten oder den von ihnen so bezeichneten ›Unruhen‹ teilnehme, für seinen eigenen Tod, seine Verletzungen oder seine Verhaftung verantwortlich sei. Am 9. Januar, nach den Massenmorden, erschien Khamenei im Fernsehen und wiederholte die Drohungen in einer anderen Form. Er war so sichtlich aufgeregt, dass seine Hand gegen das Mikrofon schlug – ein für ihn seltener Verlust der Selbstbeherrschung.«
Die unmittelbaren Opfer sollten nicht die einzige Folge bleiben: Millionen von Überlebenden blieben mit einer verwundeten Psyche und einem Leben zurück, das man nicht mehr als normal bezeichnen kann.
Bei früheren Protesten gab es deutliche Differenzen: Kleinere Städte warfen größeren vor, sich nicht ausreichend zu beteiligen; verschiedene ethnische Gruppen verfolgten unterschiedliche Protestwege, weswegen ihnen von anderen Separatismus vorgeworfen wurde. Das Regime nutzte diese Spaltungen, um selektive Repressionen durchzusetzen.
Aber im heurigen Jahr bewies die massive Präsenz von Menschen in allen Städten und allen Provinzen des Landes, dass die Unzufriedenheit nicht mehr lokal oder sporadisch war. Die Proteste begannen in Teheran und unter der Schicht der Basarhändler und breiteten sich rasch über die gesamte Gesellschaft aus. Mit den Morden an Demonstranten brach die unverhohlene Gewalt der Regierung endgültig alle Barrieren zwischen den verschiedenen Gruppen nieder. Sobald das Internet wieder funktionierte, zeigte sich in den sozialen Medien, dass sich niemand mehr in erster Linie mit seiner ethnischen Zugehörigkeit oder seiner Stadt identifizierte, sondern mit dem gemeinsam geteilten Schmerz.
Diesmal verstanden die Menschen, dass es nicht um lokale Identitäten oder separate Missstände ging, sondern um ein Regime, das sich nicht um das Leben seiner Bevölkerung kümmert und nur um sein eigenes Überleben um jeden Preis besorgt ist, weswegen nur sein Sturz eine Veränderung und Verbesserung der Lage bedeuten kann.
Verbotene Trauer
In der Traumapsychologie ist die »Überlebensschuld« ein bekanntes Phänomen. Sie tritt auf, wenn jemand eine Katastrophe überlebt, während andere dies nicht tun. Der menschliche Verstand sucht nach einem Sinn in den unkontrollierbaren Ereignissen und ersetzt manchmal das Verständnis durch Schuldgefühle. Im Iran tritt diese Schuld in vielen Formen auf: Schuldgefühle wegen der Flucht; Schuldgefühle, weil man nicht auf der Straße war; Schuldgefühle, weil man nicht verhaftet wurde; Schuldgefühle, weil man nicht erschossen wurde; Schuldgefühle, weil man einfach überlebt hat.
Ein Überlebender erzählte: »Jeden Morgen, wenn ich aufwache, fühle ich mich jemandem gegenüber verpflichtet. Es ist keine finanzielle, sondern eine moralische Verpflichtung. Aber ich weiß nicht, wie ich diese Schuld zurückzahlen kann.«
Für viele Überlebende kommt der Geist nie zur Ruhe. Sie vergleichen sich ständig mit jenen, die getötet oder inhaftiert wurden. Es entsteht ein permanentes inneres Gericht, in dem der Überlebende sowohl Ankläger, Richter und Angeklagter ist. Die angelegten Maßstäbe sind extrem: Heldentum bis zum letzten Atemzug wird von sich selbst verlangt. Alles, was darunter liegt – Vorsicht, Angst, Selbsterhaltung oder einfach das bloße Überleben –, wird als Versagen angesehen.
Trauer kann, wenn sie erlaubt ist, heilend wirken. Aber im Iran wird die Trauer kontrolliert: Teilnehmer von Beerdigungen wurden bedroht, Familien unter Druck gesetzt, Zeremonien eingeschränkt oder verboten. Ein anderer Überlebender berichtete: »Um die Leiche meines Kindes zu bekommen, verlangten sie Geld. Selbst nachdem wir die Leiche erhalten hatten, wurde uns gesagt, dass sie um fünf Uhr am Morgen in aller Stille und mit nicht mehr als zehn Personen beerdigt werden müsse. Später wurde uns verboten, Gedenkfeiern in Moscheen oder Privathäusern abzuhalten.«
Das Ergebnis ist eine eingefrorene Trauer, die weder ausgedrückt noch verarbeitet werden kann. In einem solchen Umfeld verstärkt sich die Schuld der Überlebenden, denn sie haben nicht nur überlebt, sondern ihnen wird sogar die Trauer um diejenigen verwehrt, die sie überlebt haben.
Heute mögen die Straßen des Irans ruhig erscheinen. Die Geschäfte sind geöffnet, Autos fahren, Menschen gehen zur Arbeit. Aber diese Ruhe ist nicht echt, sie ist eine erzwungene Pause. Nichts ist zur Normalität zurückgekehrt, denn unter diesem Regime gibt es keine Normalität mehr.
Unter der Stille brodelt eine tiefe, kollektive Wut, die sich vermischt mit der Schuld der Überlebenden. Viele fragen sich noch immer: Käme so ein Moment wieder, würde ich dann schweigen? Diese fragile Ruhe kann durch jeden Funken zerbrechen. Wenn dies geschieht, wird eine Menschenmenge zurückkehren, die nicht nur von Wut getrieben ist, sondern auch von Scham über das Schweigen in der Vergangenheit und der Last des Überlebens.
Die Proteste des vergangenen Januars waren nicht nur eine weitere Welle von Demonstrationen, sie markierten einen tiefgreifenden Bruch in der kollektiven Psyche des Landes. Heute leben Millionen von Iranern inmitten einer explosiven Mischung aus unterdrückter Trauer, angestauter Wut und Schuldgefühlen der Überlebenden, die weder der Vergangenheit angehören noch mit der Zeit verblassen werden.
Die entscheidende Frage für die Welt lautet: Wie lange können wir als Beobachter angesichts von Menschen, die den Preis des Überlebens bezahlt haben, noch Stillschweigen bewahren?
Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch.