Spannungen zwischen Saudi Arabien und den Emiraten nehmen zu
Fahne der UAE
Wie aus Partnern Rivalen wurden – und warum das Rote Meer nun politischer ist als je zuvor
Riad und Abu Dhabi streiten offen. Der Konflikt eskalierte Ende 2025 im Jemen, griff auf Sudan, Somalia und das Horn von Afrika über und stellt Washingtons Nahoststrategie infrage. Zwei Staaten, die jahrelang als geschlossener sunnitischer Block gegen Iran galten, verfolgen inzwischen konkurrierende Ordnungsmodelle. Was als Differenz über Taktik begann, ist ein Streit über Prinzipien – über Staat, Macht und Einfluss.
„Dies ist keine taktische Meinungsverschiedenheit“, zitiert die New York Times den Analysten HA Hellyer, „es ist eine strategische Spaltung darüber, was Stabilität im Nahen Osten bedeutet.“ Der Satz markiert den Kern der Entwicklung.
Das Wichtigste zuerst: Eine Allianz zerfällt
Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate standen 2015 noch Schulter an Schulter im Jemen. Heute bombardieren saudische Kräfte Einheiten, die von den Emiraten unterstützt werden. Die Washington Post beschreibt eine „Schlacht in den sozialen Medien“, in der Saudi-Arabien die Emirate als „Israels trojanisches Pferd“ diffamiere.
Aus einem gemeinsamen Feldzug gegen die Huthi-Rebellen ist ein Wettbewerb um Einflusszonen geworden. Der einst geschlossene Golfblock existiert nur noch in Sonntagsreden.
Das ist kein diplomatischer Betriebsunfall. Es ist ein struktureller Wandel.
Im Kern stehen zwei konkurrierende Konzepte regionaler Macht.
Saudi-Arabien setzt auf ein staatszentriertes, hierarchisches Modell. Territoriale Integrität, Grenzsicherung, politische Kontrolle. Stabilität bedeutet: kein Zerfall von Staaten an der eigenen Peripherie.
Die Emirate verfolgen ein anderes Prinzip. Einfluss entsteht durch Häfen, Investitionen, Milizen, Handelsrouten. Wer Seewege kontrolliert, kontrolliert Ströme – von Waren, Energie, Gold.
Das Middle East Forum formuliert zugespitzt: „Saudi-Arabien priorisiert Hierarchie und territoriale Integrität. Die VAE projizieren Einfluss über Häfen und Stellvertreter. Diese Ansätze können nicht dauerhaft nebeneinander bestehen.“
Hier kollidieren nicht Temperamente, sondern Systeme.
Der Jemen ist das Labor dieser Rivalität.
Riad will einen geeinten Staat an seiner Südgrenze. Abu Dhabi unterstützte separatistische Kräfte im Süden. Als STC-Verbände Ende 2025 vorrückten, reagierte Saudi-Arabien mit Luftschlägen auf Lieferungen mit Emiratsbezug.
Die Ironie ist offensichtlich. Laut Middle East Forum sind die Huthis heute nicht stärker, „weil Teheran seine Investitionen erhöht hat, sondern weil ihre Gegner ihre Koalition zerschlagen haben“.
Iran musste wenig tun. Der Golf erledigte es selbst.
Was im Jemen begann, setzt sich am Horn von Afrika fort.
Im Sudan unterstützen die Emirate die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF), während Saudi-Arabien – zunehmend im Gleichklang mit Ägypten – die sudanesischen Streitkräfte (SAF) stützt.
Der New Arab beschreibt die strategische Divergenz klar: Abu Dhabi agiere über „Häfen, lokale Stellvertreter und subnationale Akteure“, während Riad „staatliche Souveränität“ betone.
Somalia wird zur nächsten Frontlinie. Die Emirate investieren in Somaliland (Hafen Berbera, Bosaso). Saudi-Arabien unterstützt die Zentralregierung in Mogadischu.
Der Streit ist ökonomisch, militärisch, symbolisch. Es geht um Seewege, um Goldrouten, um Zugangspunkte zum Indischen Ozean. Wer das Rote Meer kontrolliert, kontrolliert Energie- und Handelsströme zwischen Asien und Europa.
Das ist Geopolitik ohne Romantik.
Die saudisch-ägyptische Annäherung gewinnt an Gewicht. Beide Staaten teilen das Interesse an stabilen Seewegen und staatlicher Integrität.
Gleichzeitig verliert die Annahme einer einheitlichen „Golf-Achse“ ihre Grundlage. Regionale Foren wirken zunehmend wie Kulissen.
Der New York Times-Bericht verweist darauf, dass frühere Krisen – etwa gegen Katar 2017 – noch mit klaren Forderungen operierten. „In diesem Fall gibt es keine Liste von Forderungen“, heißt es dort. Das Fehlen klarer Mechanismen macht die Lage weniger kalkulierbar.
Konflikte mit Forderungskatalog lassen sich verhandeln. Strukturkonflikte nicht.
Für eine US-Regierung unter Donald Trump entsteht ein Dilemma.
Washington braucht beide Staaten: für Druck auf Iran, für die Stabilisierung Israels Einbindung in die Region, für militärische Koordination im Roten Meer.
Die Washington Post zitiert einen Beamten: „Das ist kein Fall für Vermittlung.“ Persönliche Spannungen zwischen MBS und MBZ verschärfen den Konflikt, erklären ihn aber nicht.
Strategische Divergenz lässt sich nicht per Telefonat lösen.
Machtvakuum und Gewinner der Fragmentierung
Der Zerfall der Golf-Einheit schafft Räume.
Iran nutzt sie. Milizen nutzen sie. Lokale Akteure nutzen sie.
Das Middle East Forum spricht von „Sicherheitsvakuen“, die von Teheran systematisch ausgenutzt würden. Ob man dieser Diagnose vollständig folgt oder nicht – der Befund bleibt: Koordinationsverlust schwächt Abschreckung.
Wo Rivalen konkurrieren, gewinnen Dritte.
Die saudische Argumentation beruft sich auf Ordnung durch Hierarchie. Doch Hierarchie setzt Anerkennung voraus. Kleinere Partner akzeptieren Führung nur, solange sie profitieren.
Die emiratische Strategie verspricht Flexibilität. Doch Einfluss über Milizen erzeugt Fragmentierung – und Fragmentierung entzieht langfristig auch Investitionen die Grundlage.
Beide Modelle tragen Widersprüche in sich.
Riad verteidigt staatliche Einheit, interveniert aber militärisch jenseits seiner Grenzen. Abu Dhabi setzt auf Handel, stützt jedoch bewaffnete Akteure.
Die Frage ist nicht, wer moralisch im Recht ist. Die Frage ist, welches Modell unter den Bedingungen multipolarer Konkurrenz tragfähiger ist.
Die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den VAE ist kein episodischer Streit. Sie markiert einen Wendepunkt.
Die Ära der geschlossenen Golf-Allianz gegen Iran ist vorbei. Stattdessen entsteht ein Wettbewerb um Einflusszonen entlang der strategischen Achse vom Persischen Golf bis zum Horn von Afrika.
Für Europa bedeutet das: instabilere Handelsrouten.
Für Israel: weniger koordinierte Partner.
Für Washington: höhere Transaktionskosten.
Für die Region: mehr Unsicherheit.