Syrien und Libanon nach dem Umbruch
Libanesischer Soldat kontrolliert die Grenze zu Syrien
Zwischen historischer Last und strategischem Neuanfang
Am 8. Dezember 2024 floh Baschar al-Assad nach Moskau. Zwei Monate zuvor war Hassan Nasrallah in einem Bunker in Beiruts Süden getötet worden. Innerhalb weniger Monate zerfiel die Machtarchitektur, die Syrien und den Libanon über Jahrzehnte verbunden – oder besser: verkettet – hatte. In Damaskus übernahm Ahmed al-Sharaa die Führung. In Beirut formierte sich eine Doppelspitze aus Präsident Joseph Aoun und Premierminister Nawaf Salam. Die Frage, die nun über beiden Hauptstädten schwebt: Kann aus dem Zusammenbruch von Vormundschaft und Stellvertreterkrieg eine neue Ordnung entstehen – oder ist dies nur die Pause vor der nächsten Erschütterung?
Das Ende einer Achse
Der Fall der Hisbollah war kein bloßer militärischer Rückschlag. Er war das Ende eines strategischen Weltbilds.
Wie Quillette analysiert, beruhte die Macht der Miliz auf einer „Konzeption“ – einem Sicherheitsparadigma, das sich zur Fehlvorstellung verfestigt hatte. Die Überzeugung: Ein Arsenal von rund 65.000 Kurzstreckenraketen, 4.800 Mittelstrecken- und 400 Langstreckenraketen, dazu Drohnen, Präzisionsgeschosse und zehntausende Kämpfer würden Israel dauerhaft abschrecken. Nasrallah formulierte es 2000 so: Israel sei „schwächer als ein Spinnennetz“.
Zwei Jahrzehnte später wurde das Bild unfreiwillig zur Selbstbeschreibung.
Zwischen September und November 2024 zerstörten israelische Operationen große Teile des Arsenals. Eine Serie gezielter Angriffe – von der Explosion präparierter Funkgeräte bis zur Tötung Nasrallahs – „lähmte die Operationen der Hisbollah und beeinträchtigte ihre Fähigkeit, Raketenbeschuss, Logistik und Truppenbewegungen zu koordinieren“. Der erwartete Raketenhagel blieb aus. Das Abschreckungsnarrativ zerfiel schneller als die Bunker.
Der Zusammenbruch hatte Folgen über den Libanon hinaus. Laut dem libanesischen Politologen Khaldoun El-Charif löste Nasrallahs Tod ein „regionales Erdbeben“ aus, „für das Baschar al-Assad den Preis zahlte“. Ohne die militärische Rückendeckung der Hisbollah verlor das Assad-Regime seinen wichtigsten externen Stabilitätsanker. Als islamistische Rebellen Ende November 2024 eine Offensive starteten, konnte niemand sie aufhalten.
Innerhalb weniger Wochen war die sogenannte „pro-iranische Achse“ von Teheran über Damaskus nach Beirut Geschichte.
Im Libanon bedeutete die Schwächung der Hisbollah zweierlei: Befreiung und Leerstelle.
Viele Libanesen empfanden „Erleichterung“, als das syrische Regime verschwand. Doch die konfessionellen Reflexe blieben. Während in sunnitischen Hochburgen gefeiert wurde, äußerten Schiiten, Christen und Drusen Sorge, die neue sunnitisch dominierte Führung in Damaskus könne ihrerseits hegemoniale Ambitionen entwickeln.
Der maronitische Patriarch Béchara Raï sagte: „Das neue Syrien hat sich als islamistischer Staat entpuppt.“ Das ist weniger eine Zustandsbeschreibung als eine Warnung. Denn die libanesische Geschichte lehrt: Jede Verschiebung jenseits der Grenze wirkt im Inneren fort.
Gleichzeitig versucht Beirut, aus der Schwächung der Miliz politisches Kapital zu schlagen. Premier Salam reiste im April 2025 nach Damaskus. Außenminister al-Shaibani kam im Oktober nach Beirut. Vizepremier Tarek Mitri sprach von einer Atmosphäre „echter Freundschaft“. Das klingt nach Diplomatie im Präsens, nicht nach Vertrauen im Perfekt.
Die Altlasten sind konkret: der Syrisch-Libanesische Hohe Rat, Symbol der syrischen Vormundschaft von 1990 bis 2005; ungeklärte Grenzverläufe; die Frage der Schebaa-Farmen; mehrere hundert syrische Häftlinge in libanesischen Gefängnissen.
Damaskus signalisiert Gesprächsbereitschaft, aber keine Eile. Beirut drängt auf formale Grenzziehung – ein Akt der Souveränität, der im 20. Jahrhundert versäumt wurde. Dass Frankreich Karten aus der Mandatszeit liefert, weckt historische Erinnerungen, die in Syrien nicht verblasst sind.
Ahmed al-Sharaa hat international schneller Erfolge erzielt als viele erwarteten. Sanktionen wurden ausgesetzt oder gelockert. Investitionen aus den Golfstaaten stehen in Aussicht. Die USA vermittelten Sicherheitsgespräche zwischen Israel und Syrien.
Doch im Inneren ist die Lage brüchig. Zusammenstöße in alawitischen und drusischen Regionen im Frühjahr und Sommer 2025 und 2026 zeigen, dass der Machtwechsel nicht automatisch Versöhnung bedeutet. Der Staat muss neu gebaut werden: Institutionen, Verwaltung, Wirtschaft.
Le Monde zitiert Joseph Bahout mit dem Hinweis, viele Libanesen wüssten nicht, „was in Syrien vor sich geht“. Das gilt umgekehrt ebenso. Die Gesellschaften sind verflochten, ihre Narrative jedoch konkurrierend.
Damaskus hat bislang keine expansionistischen Ansprüche formuliert. Aber in Beirut genügt die Erinnerung an den Satz Hafez al-Assads – „Ein Volk, zwei Staaten“ –, um Skepsis wachzuhalten. Worte überleben Regime.
Die strategische Lehre des Zusammenbruchs
Der Niedergang der Hisbollah war weniger eine Frage der Feuerkraft als der Denkgewohnheit. „Der erwartete Raketenhagel blieb aus.“ Nicht, weil er technisch unmöglich gewesen wäre, sondern weil die organisatorische und strategische Grundlage zuvor zerlegt worden war.
Die Parallele, die der Text zieht, ist aufschlussreich: So wie Israel 1973 oder am 7. Oktober 2023 an eigenen „Konzeptionen“ festhielt, hielt die Hisbollah an der Annahme fest, Israel scheue die Eskalation. Sie „verwechselte Geduld mit Ohnmacht“.
Strategische Fehlannahmen sind langlebig. Sie sterben selten im Seminar, meist im Gefecht.
Für den Libanon bedeutet das: Die Schwächung der Miliz schafft Raum für staatliche Autorität – sofern die politische Klasse ihn nutzt. Für Syrien heißt es: Internationale Anerkennung ersetzt keine innere Integration. Für Iran: Der Verlust des libanesischen Ankers verändert das regionale Gleichgewicht, beendet aber nicht den Einfluss.
„Bilad al-Sham“ – Großsyrien – ist mehr als ein geografischer Begriff. Als der US-Gesandte Tom Barrack 2025 warnte, Beirut laufe Gefahr, „nach Bilad al-Sham zurückzukehren“, löste das Empörung aus. Der Satz berührt eine offene Wunde: die Angst vor erneuter Fremdbestimmung.
Gleichzeitig zeigt der Disput, wie sehr äußere Akteure weiterhin Rahmenbedingungen setzen. Saudi-Arabien, Katar, die USA, die Türkei – sie alle sind involviert. Die Region ist kein Vakuum, sondern ein Kreuzungspunkt.
Beirut und Damaskus stehen vor einer nüchternen Aufgabe: Sie müssen lernen, miteinander zu verkehren, ohne sich zu beherrschen.
Die Sicherheitskooperation an der Grenze wurde intensiviert. 500.000 syrische Flüchtlinge sind zurückgekehrt. Ein Justizabkommen zur Überstellung von Gefangenen steht im Raum. Das sind Schritte, keine Lösungen.
Der gegenwärtige Moment ist ein Prüfstein. Er zeigt, dass militärische Stärke allein keine Ordnung garantiert. Die Hisbollah war stärker bewaffnet als viele Staaten – und dennoch strategisch blind.
Die Frage ist, ob die neuen Akteure aus diesem Befund mehr machen als eine Anekdote. Wer strategische Annahmen nicht überprüft, wird von der Realität geprüft.
Für Syrien und den Libanon bedeutet das: Der Neuanfang ist möglich. Er ist nicht wahrscheinlich. Und er ist nicht gratis. Geschichte verschwindet nicht, sie wird verhandelt.