Der Krieg in Israel: Beschuss Heimatfront Heim Hoffnung
Wie überall an der israelischen Heimatfront müssen sich auch die Menschen im Altenheim Pinkhas Rozen in Ramat Gan mehrmals am Tag und in der Nacht vor iranischem Beschuss in Sicherheit bringen. Wie überall im Land sind sie bereit, dies auf sich zu nehmen, wenn der Krieg zum Ende des klerikalfaschistischen Terrorregimes führt und den Menschen im Iran, in Israel und überhaupt im Nahen Osten eine friedliche Zukunft beschert.
Als meine Spätschicht Freitag Abend begann, löste ein möglicher Krieg mit dem iranischen Regime zunehmend alle anderen Gesprächsthemen sowohl im Fernsehen als auch in der Lobby des Heims ab. Einer Inspektion der Bunker folgte die an mich gerichtete Bitte, die Nacht nach meiner Spätschicht im Heim zu verbringen, um der Nachtschicht bei den erwarteten Raketenalamen an die Hand zu gehen. Die Aussicht auf einen nächtlichen Angriff auf den Iran und iranischer Gegenschläge weckten Erinnerung an den 12 Tage Krieg im letzten Mai und die enorme Sprengkraft der iranischen Raketen, Die alten Menschen in der Nacht in Sicherheit zu bringen ist eine ganz große Herausforderung im Heim, die allein von der Nachtschicht nicht bewältigt werden kann.
Entgegen der Erwartungen weckte mich der Wecker und nicht die Sirenen und ich begann meine 12 Stunden Schicht an der Rezeption um sieben Uhr. Schon zum zweiten Kaffee sollte dann die Sirene ertönen, die uns ansagte, dass der Krieg begonnen hat. Die außergewöhnliche Uhrzeit für einen Kriegsbeginn war der Möglichkeit geschuldet, die Führungsriege des klerikalfaschistischen Regimes, einschließlich des obersten Führers Chamenei innerhalb weniger Minuten zu liquidieren. Nachdem Netanyahu jahrelang auf jeder sich bietenden Bühne Parallelen zwischen der geplanten Vernichtung des jüdischen Volkes im alten Persien und dem Vernichtungsantisemitismus der Mullahs gezogen hatte, ereilte die führenden Köpfe des Terrorregimes ausgerechnet an Purim ihr Ende, dem Fest, an dem die Rettung der Juden vor ihrer Vernichtung im alten Persien gefeiert wird.
Die stillen Heldinnen
Eine gute Stunde nach Bekanntmachung des Krieges begann der Raketenbeschuss auf Israel, dieses Mal wieder mit der mehrminütigen Vorbereitungszeit, die uns erlaubte, alle BewohnerInnen in Sicherheit zu bringen plus einige Familien aus der Nachbarschaft, die die Bunker des Heims den Schutzräumen ihrer Gebäude vorziehen, bzw. gar keine Schutzräume haben. Im Gegensatz zum letzten Krieg mit dem Iran wurden zunächst nicht alle paar Stunden Raketensalven auf Israel abgefeuert, sondern wenige Raketen in kurzen Intervallen. Dies hatte ein ständiges runter in die Bunker und wieder zurück zur Folge, das den BewohnerInnen im Laufe des Vormittags dann an die Substanz ging. Die Familien, die im Bunker Schutz suchten, schafften es zum Teil nicht einmal zurück zu sich nach Hause, bevor sie wieder kehrt machen mussten, um wieder bei uns Sicherheit zu suchen.
Das Mittagessen konnte nicht in einer Sitzung eingenommen werden, was erste Verstimmungen nach sich zog und das Ausreizen der Vorwarnzeit, doch der eigentliche Irrsinn sollte sich dann am Nachmittag entfalten, als Kaffee und Kuchen in die Lobby serviert wurden, bzw. hätten serviert werden sollen. Die Zeit zwischen den Angriffen verkürzte sich derart, dass zwischen den Alarmen kaum Zeit blieb, überhaupt vom Untergeschoss zurück in die Lobby zu kommen und dann reihten sich die Alarme derart aneinander, dass man den Anweisungen der Heimatfron folgend die Bunker gar nicht mehr verlassen konnte für eine lange Zeit.

(Bild: BewohnerInnen des Altenheims verfolgen die Nachrichten, Bild. Oliver Vrancovic)
BewohnerInnen, die sich schon so schwer tun mit der Orientierung waren z.T. völlig aus dem Konzept gebracht. Es galt viel zuzureden und zu erklären und es blieb wenig bis keine Zeit selbst die Nachrichten zu verfolgen. Wir hatten in den letzten drei Stunden meiner Schicht 16.11, 16.33, 16.54, 17.13, 17.36, 17.44. 18.02, 18.16, 18.35 und 18.45 Alarme und manche BewohnerInnen haben sich irgendwann entschlossen, den Daueraufenthalt im Bunker zu unterbrechen, um sich in den Speisesaal zu setzen zum Abendessen. Dabei wurde die Vorwarnzeit dann voll ausgereizt und manche beschlossen, erst fertig zu essen und dann wieder in die Bunker zu gehen. Es mussten Bereitschaft, Fahrdienste und Schlafplätze in den Bunkern organisiert werden.
Die eigentliche Herausforderung kam dann erwartungsgemäß in der Nacht als die alten Menschen aus ihren Betten in die Bunker gebracht werden mussten. Die BewohnerInnen aufzuwecken und ihnen zu assistieren und dem Chaos vor den Aufzügen Herr zu werden, wäre eine nicht zu bewältigende Herausforderung ohne die privaten Pflegehelferinnen von den Philippinen und aus Indien und ich kann nur wiederholen, was ich beim letzten Irankrieg für die Jüdische Allgemeine über die „heimlichen Heldinnen“ geschrieben habe, die die Situation vielleicht schwer einordnen können, aber den ihnen anvertrauten Alten nicht von der Seite weichen, bis diese in Sicherheit sind und dann unaufgefordert mithelfen, wo sie nur können. Es handelt sich um dieselben Frauen, die nach dem 7. Oktober, als überall Chaos und Unsicherheit herrschten, geblieben sind". Das Gegenteil der Reporterdarsteller, die hier hergekommen sind wegen und nicht trotz der Raketen und deren größter Beitrag für die Menschen hier ist, nicht im Weg rumzustehen.
Kriegsalltag
Die seit zweieinhalb Jahren jede Woche stattfindenden Proteste fanden selbstverständlich nicht statt Die Regierungskritiker saßen in ihren Bunkern oder befanden sich über Teheran. Mit den innerisraelischen Auseinandersetzungen ging es nach Ende des Shabbat und als Kanal 14 wieder auf Sendung ging, weiter. Nach dem Schlag gegen die Mullahs, so der Tenor auf Kanal 14, müsse Netanyahu begnadigt werden.
Einer der Alarme in der ersten Nacht war von einem gewaltigen Knall begleitet, der sich als Einschlag in Tel Aviv herausstellen sollte, bei dem mehrere Häuser zerstört und viele Menschen verletzt wurden und der ein Todesopfer zur Folge hatte. Eine 32jährige phillipinische Pflegehelferin, die an der Seite der alten Frau geblieben ist, für die sie gearbeitet hat.
Die alten Menschen in der Nacht in Nachthemden in den Fluren zu sehen auf dem Weg in die Bunker und dann dort sitzend, einschlafend auf ihren Stühlen, oder sich um ihre Kinder und Enkel und Urenkel sorgend ist etwas, an das ich mich im Gegensatz zu Alarmen und Explosionen nicht gewöhnen kann.
Nach paar wenigen Stunden Ruhe zwischen 2 und 6 ging es dann am frühen Morgen wieder voll los mit Alarm auf Alarm, der uns mehr als eine Stunde in die Bunker zwang und diejenigen, die auf dem Weg zur Frühschicht waren unterwegs erwischt hat. Tatsächlich sind dann aber alle MitarbeiterInnen zur Arbeit erschienen. Die israelische Resilenz ist Menschen außerhalb Israels nicht zu erklären. Es gab dann weitere Alarme, von denen der für die BewohnerInnen unangebrachteste während des Mittagessen war und auch hier wurde die Vorwarnzeit wieder voll ausgereizt, was dann dazu führte, dass es nicht alle in die Bunker geschafft haben.
Die unzähligen Alarme wurden mit Ironie aufgenommen. Auch integrierten sich die Nachbarn mit ihren Kindern immer mehr in die große Heimfamilie. Der Schock folgte dann mit dem Alarm um 2 bzw. Den darauf folgenden Berichten von dem Einschlag in Beit Shemesh, der mindestens neun Menschen das Leben gekostet hat.
Purim im Raketenhagel
Zu Beginn des dritten Kriegstages waren BewohnerInnen, Mitarbeiter und private Betreuerinnen schon sichtbar erschöpft vom ständigen hoch und runter, doch der Morgen blieb vergleichsweise ruhig. Die Leitung des Heims hatte sich konsolidiert und die für Montag geplante Purimfeier wurde nicht abgesagt, sondern im unterirdischen Veranstaltungssaal, der zugleich Schutzraum ist, veranstaltet. Die Idee, für Ablenkung und Aufheiterung zu sorgen ging voll auf, ein Duo spielte südamerikansiche Musik und die Menschen freuten sich. Wie die Feier vorbei war und die BewohnerInnen aufgestanden sind, um in den Speisesaal zu gehen, wo mexikanisches Essen wartete, dann Alarm. Schließlich fad das Mittagessen dann aber doch recht ungestört ab.
Zum Mittag bin ich nach Tel Aviv gefahren, um für die privaten Betreuerinnen, die keinen Schritt mehr vor das Haus tun können im phillipinischen Laden im Busbahnhof einzukaufen. Entgegen der überdramatisierten Berichterstattung ist draußen nicht nix los, aber vergleichsweise wenig. Busse sind Montag schon alle gefahren, mit wenig Fahrgästen und ohne ständig im Stau zu stehen. Auf dem Gelände einer Schule beim Heim, mit vielen Bunkern, ist recht viel los, viele Jugendliche und Eltern mit ihren Kindern, die Basketball und Fußball spielen.
Abend und Nacht von Montag auf Dienstag verliefen vergleichsweise mild, wobei ein Alarm um 2 in der Nacht ein Durchschlafen verhinderte. Viele BewohnerInnen verblieben im Treppenhaus. Nach einem ereignisarmen Morgen im Zentrum, an dem die Gedanken vor Allem mit den Menschen im Norden waren, die sich im Kreuzfeuer von Iran und Hezbollah befinden.
Der erste Alarm erwischte mich bei der Vervollständigung des Einkaufs vom Vortag unterwegs unter einer Brücke. Die Vorwarnung führte einige Leute unter der Brücke zusammen, wo sie in unspektukalärer Weise auf den Alarm gewartet haben und kaum das die Schläge, die dem Alarm folgten, verklungen waren, ging es weiter. Ein wenig scheint es als würden die Menschen nachlässiger, was angesischts der Sprengkraft der iranischen Rakteten nicht ungefährlich ist.
Sorgen und Hoffnung
Hört man bisschen in die Gespräche rein, gibt es Leute, die hochzufrieden sind mit den Ereignissen der letzten Tage. Andere sind extrem angespannt und besorgt, ob der Möglichkeit einer Ausweitung des Kriegs. Verstehen zu wollen, was uns die nächsten Tage und Wochen erwartet ist sehr schwer, das die Auseinandersetzung inzwischen die ganze Region betrifft.
Die deutsche Berichterstattung lässt soweit ich das überblicken kann sehr zu wünschen über. Die meisen Reporter kommen nicht über ihren israelkritischen Reflex hinweg, der ihnen jeden israelischen Zug verdächtig macht und ihnen die Fähigkeit nimmt, zu begreifen, das es hier nicht um politische Spielchen, sondern um überlebensnotwendigen Antifaschismus in Form praktizierter Antisemitismuskritik geht. Und die „Reporter” berichten über sich selbst, wie sie ihre Schuhe vor die Tür stellen und im Bunker schlafen, als ginge es bei dem Krieg v.A. um sie selbst.
Für die Menschen, die sich die letzten Jahre mit dem Nahen Osten beschäftigt haben und sich ideologiekritisch mit dem Vernichtungsantisemitismus auseinandersetzten und das Fortbestehen dieser Ideologie nach Ende des zweiten Weltkriegs im Nahen Osten begreifen, muss die Solidarität mit Israel eine Solidarität mit der Prämisse Nie Wieder sein. Das in Israel zur Staatsräson erhobene NIE WIEDER meint Nie Wieder eliminatorisch gesinnten Antisemiten wehrlos ausgeliefert zu sein.
Solidarität mit Israel
Diese Solidarität ist eine unbedingte Solidarität mit dem jüdischen Staat als notwendiger Heimstätte aller Juden. Diese Solidarität ist eine unbedingte Solidarität mit der jüdischen Souveränität und den israelischen Streitkräften und jeder reagierenden und präventiven Verteidigung des jüdischen Staates.
Diese Solidarität ist keine Aufforderung die Positionen rechter Israelis in innerisraelischen Auseinandersetzungen zu adoptieren und erst Recht keine Aufforderung die Diskreditierung linkszionistischer Parteien oder zivilgesellschaftlicher Initiativen als anti-israelisch zu affimieren.
Ein Mensch, der sich ideologiekritisch mit dem Vernichtungsantisemitismus auseinandersetzt und begreift dass diese Ideologie vom iranischen Mullah Regime geteilt wird, muss die Auseinandersetzung mit der iranischen Gefahr als wichtigsten Aspekt seiner Israelsolidarität begreifen.
Der Iran ist nach Meinung aller zionistischen Parteien und nach Meinung aller israelischen Sicherheitsexperten, egal welcher politischen Prägung, die größte und einzige wirkliche Gefahr für den jüdischen Staat. Es gibt hinsichtlich der iranischen Gefahr einen seltenen israelischen Konsens.
Dazu kommt, dass jeder Mensch, der auch nur einen Rest Moral in sich trägt und nicht komplett kaputt ist im Kopf, dem Terrorregime, das unlängst Tausende Iraner*innen massakriert hat, den Tod wünscht und seine Solidarität denen zukommen lässt, die den klerikalfaschistischen Akteuren dieses Terrorregimes den Tod aus der Luft bringen.
Kritiker*in oder Unterstützer*in von Bibi oder Trump hin oder her: Es gibt keinen Grund sich nicht über das Ende von Chamenei zu freuen oder wie es die Deutsch-Israelische Gesellschaft Region Stuttgart e.V. richtig ausdrückt:
Die DIG Stuttgart beglückwünscht die israelische Luftwaffe zur erfolgreichen Liquidierung des Ober Mullah und wünscht den Israelis, den Menschen im Iran und quer durch den Nahen Osten, dass das Ende von Chamenei den Anfang vom Ende des klerikalfaschistischen vernichtungsantisemitischen Terrorregimes bedeutet, und mit der Beseitigung der Wurzel eines der größten Übels in der Region der Weg frei wird für einen friedlicheren Nahen Osten.