Sonntag, 01.03.2026 / 23:07 Uhr

Iran und Afghanistan: Ein Bündnis der Bedrängten

Iranisch-afghanischer Grenzübergang

Bild:
IRNA

Warum Teheran ausgerechnet in Kabul Halt sucht

47 Jahre nach dem Sturz des Schahs feiert die Islamische Republik sich selbst – und sucht gleichzeitig nach neuen Freunden. Und die braucht sie angesichts des Krieges, der sie in völlige Isolation im Nahen Osten treibt, ganz dringend. Und die scheint sie nun ausgerechnet in Kabul gefunden zu haben.

Das ist kein Scherz der Geschichte, sondern deren Ironie.

Die Taliban, mit denen man sich einst an der Grenze beschoss, sollen nun diplomatisch umarmt werden. Der iranische Botschafter in Kabul, Alireza Bigdeli, formulierte es höflich: „Zum gegebenen Zeitpunkt werden wir diese rechtliche Entscheidung treffen“ – also die Anerkennung des „Islamischen Emirats Afghanistan“. Man höre den Ton: kein Pathos, kein Triumph. Eher Verwaltungssprache. Wer Geschichte macht, klingt anders.

Was ist geschehen?

Der Iran stand schon vor Ausbruch des Krieges unter enormem Druck.  Ahmad Mansoor Ramizy beschreibtam 19. Februar die Lage in Middle East Uncovered als „verzweifelte“, nachdem regionale Verbündete geschwächt wurden und „die Möglichkeit unmittelbar bevorstehender Angriffe wie ein Damoklesschwert über dem Regime schwebt“. Wer so spricht, redet nicht von Selbstvertrauen. Er redet von Not.

Not schafft Allianzen, die Ideologien nicht überstehen würden.

Iran und die Taliban – das war einmal eine Erzählung der Feindschaft. Schiitische Republik hier, sunnitisches Emirat dort. 1998 standen beide Länder nach der Ermordung iranischer Diplomaten in Mazar-i-Sharif am Rand des Krieges. Heute reden sie über Freihandelszonen.

Bigdeli meldete im Februar 2025 die Beilegung des jahrzehntelangen Wasserstreits um den Helmand-Fluss. Afghanistan habe zugesichert, „auf der Grundlage islamischer Prinzipien und brüderlicher Beziehungen“ zu kooperieren. Brüderlichkeit – das ist die neue Vokabel. Noch vor wenigen Jahren hieß sie Grenzzwischenfall.

Ökonomie schlägt Orthodoxie

Auch wirtschaftlich verschiebt sich das Gewicht. Laut SpecialEurasia übersteigt der bilaterale Handel inzwischen 3,4 Milliarden US-Dollar; Afghanistan ist „strukturell in die iranische Wirtschaft eingebunden“. Grenzübergänge wie Dugharun wurden zu Freihandels- und Industriezonen erklärt. Wer Handel treibt, schießt nicht – jedenfalls nicht sofort.

Man muss die Zahlen nicht lieben, um ihre Botschaft zu verstehen: Kabul braucht Zugang zu Märkten; Teheran braucht Märkte, die nicht von westlichen Sanktionen blockiert sind. Ein Binnenstaat sucht das Meer, ein sanktionierter Staat sucht Umwege. Chabahar wird zum Treffpunkt beider Bedürfnisse.

Der Hafen ist mehr als Beton am Indischen Ozean. Er ist ein politisches Statement: Pakistan umgehen, Indien einbinden, Russland anbinden. SpecialEurasia spricht von einer möglichen Integration Afghanistans in den Internationalen Nord-Süd-Transportkorridor. Das klingt nach Logistik, meint aber Geopolitik. Wer Warenströme lenkt, verschiebt Machtachsen.

Hinzu kommt die Khaf–Herat-Bahn. Infrastruktur ist das stille Gegenteil der Ideologie. Schienen diskutieren nicht über Theologie; sie verbinden Punkte. Und sie schaffen Abhängigkeiten.

Doch wer glaubt, hier entstehe eine islamistische Internationale, überschätzt die Romantik der Macht. Es handelt sich um eine Zweckgemeinschaft – nicht um eine Wertegemeinschaft.

Sicherheit als kleinster gemeinsamer Nenner

Sicherheit ist der zweite Motor. Beide Regime haben mit dem „Islamischen Staat Wilayat Khorasan“ (ISKP) einen gemeinsamen Feind. SpecialEurasia nennt die Anerkennung eine „strategische Sicherheitsmaßnahme“, um die Ostgrenze zu stabilisieren und zu verhindern, dass Afghanistan „als Plattform für feindliche Geheimdienstinformationen oder militante Aktivitäten genutzt wird“. Man könnte es auch schlichter sagen: Man will keine Überraschungen mehr aus dem Osten.

Die Taliban wiederum signalisieren Solidarität. Ihr Sprecher Zabihullah Mujahid erklärte laut Ramizy, man sei bereit, im Falle eines US-Angriffs mit dem Iran zu „kooperieren und ihm ihre Solidarität zu bekunden“. Solidarität ist ein großes Wort für eine Bewegung, die noch vor wenigen Jahren auf internationalen Terrorlisten stand. Aber Politik kennt keine Archive, nur Interessen.

Und Interessen ändern sich.

Der Iran hat offenbar begriffen, dass Isolation nicht durch moralische Entrüstung überwunden wird, sondern durch Routen. Russland hat die Taliban bereits anerkannt. Moskau schafft damit einen Präzedenzfall. Wenn der Kreml ein Emirat akzeptiert, wird aus Tabu Gewohnheit.

Das eigentliche Drama liegt jedoch nicht in Moskau oder Kabul, sondern in Teheran selbst. Unter Präsident Raisi pochte man noch auf eine „inklusive Regierung“ in Afghanistan. Nun, so berichtet SpecialEurasia, schweigt die aktuelle Führung zur Inklusivität. Stabilität ersetzt Prinzipien. Das ist keine Kapitulation – es ist Priorisierung.

Die Frage ist nur: Wessen Stabilität?

Der Iran hat im eigenen Land Proteste niedergeschlagen. Die Taliban regieren ohne Wahlen. Beide Regime sehen sich „seit Langem mit Vorwürfen schwerer Menschenrechtsverletzungen konfrontiert“, wie Ramizy nüchtern festhält. Eine formelle Allianz wird diese Vorwürfe nicht aus der Welt schaffen. Sie wird sie bündeln.

Hier liegt die Ironie: Zwei Systeme, die ihre Legitimität aus religiöser Gewissheit beziehen, handeln nun aus politischer Unsicherheit.

Natürlich bleibt die Kooperation fragil. Der Wasserstreit ist beigelegt – vorerst. Bigdeli berief sich auf das Abkommen von 1973. Doch Wasser fließt nicht nach diplomatischen Kalendern. Dürre kennt keine Brüderlichkeit.

(Bild: Sceenshot aus der Jerusalem Post v. 16.02.2026)

Hinzu kommt die Flüchtlingsfrage. Millionen Afghanen leben im Iran; Abschiebungen haben Spannungen erzeugt. Eine formelle Anerkennung ändert nichts an der sozialen Realität in den Grenzprovinzen. Integration beginnt nicht mit einem Botschafterzitat.

Und doch ist die Annäherung rational.

Teheran versucht, seine Ostgrenze in einen „kontrollierten Sicherheitsbereich“ zu verwandeln, wie es in der strategischen Analyse heißt. Wer an mehreren Fronten unter Druck steht, sucht wenigstens eine ruhige Flanke. Afghanistan wird vom Problem zum Puffer.

Man kann das strategische Klugheit nennen. Oder defensive Improvisation.

Die größere Bewegung vollzieht sich im eurasischen Raum. Russland, Iran, Afghanistan – ergänzt um China und die zentralasiatischen Staaten – experimentieren mit einer Ordnung, die ohne westliche Anerkennung auskommen will. Keine liberale Konditionalität, keine moralischen Vorbedingungen. Dialog statt Isolation, sagen sie.

Das klingt pragmatisch. Es ist zugleich ein Bekenntnis zur Macht des Faktischen: Die Taliban kontrollieren das Territorium. Also verhandelt man mit ihnen.

Aber Faktizität ersetzt keine Legitimität. Sie verschiebt nur den Maßstab.

Die Islamische Republik steht heute nicht vor der Wahl zwischen Gut und Böse, sondern zwischen Isolation und Integration unter Bedingungen, die sie selbst nicht vollständig kontrolliert. Eine Anerkennung der Taliban wäre kein Triumph. Sie wäre ein Eingeständnis, dass geopolitische Spielräume enger geworden sind.

Vielleicht ist das der Kern der Sache: Teheran sucht keine ideologische Nähe, sondern strategische Tiefe. Kabul bietet beides nur begrenzt, aber mehr als niemand.

Die Frage, die bleibt, lautet daher nicht, ob dieses Bündnis moralisch vertretbar ist. Moral war selten der Maßstab regionaler Ordnungspolitik. Die Frage lautet vielmehr: Gewinnt der Iran durch diese Annäherung Handlungsspielraum – oder dokumentiert er damit, wie sehr sein Spielraum bereits geschrumpft ist?

Wenn zwei Regime, die sich jahrzehntelang misstrauten, einander die Hand reichen, dann aus Überzeugung oder aus Furcht.

Und vielleicht ist es gerade diese Unterscheidung, an der sich entscheidet, ob wir hier eine neue Achse entstehen sehen – oder nur das Protokoll einer Defensive, die sich als Strategie verkleidet.