Montag, 06.04.2026 / 23:07 Uhr

Das Zweckbündnis des Terrors am Roten Meer

US-Marines bringen ein Boot vor der Küste Somalias auf

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Bryan Weyers/, US Navy, Picryl, CC Lizenz

Wie Huthis und al-Shabaab eine strategische Allianz formen – und warum sie mehr ist als nur ein weiteres Kapitel asymmetrischer Kriegsführung.

Die Berichte sind sich ungewöhnlich einig: Zwischen der jemenitischen Huthi-Bewegung (Ansar Allah) und der somalischen al-Shabaab hat sich in den vergangenen Jahren eine Zusammenarbeit entwickelt, die inzwischen militärische, logistische und strategische Dimensionen erreicht hat. Was lange als lose, opportunistische Verbindung galt, erscheint heute als strukturierte Allianz – mit Folgen für die Sicherheit am Roten Meer, im Golf von Aden und darüber hinaus.

Ein Bericht des somalischen Saldhig-Instituts vom Februar 2026 spricht von einer Entwicklung, die „über die grundlegende logistische und nachrichtendienstliche Koordinierung hinaus“ gehe und nun „politische, mediale und direkte militärische Kooperation“ umfasse. Parallel bestätigen UN-Expertengremien und Analysen westlicher Sicherheitsinstitutionen: Die Verbindung ist real, sie wächst – und sie wird gefährlicher.

Vom Schmuggel zur Strategie

Der Ausgangspunkt dieser Beziehung ist unspektakulär: Schmuggel. Waffen, Geld, Informationen – alles zirkuliert seit Jahren zwischen der Arabischen Halbinsel und dem Horn von Afrika. Doch genau diese banale Infrastruktur bildet nun das Rückgrat einer neuen Form der Kooperation.

Es ging hauptsächlich um Waffenschmuggel“, sagte der ehemalige somalische Sicherheitsberater Hussein Sheikh-Ali rückblickend. Heute sei die Lage „alarmierender, systematischer, strategischer“.

Diese Verschiebung ist entscheidend. Denn sie zeigt, dass die Allianz nicht aus ideologischer Nähe entstanden ist – sondern aus Funktionalität. Die eine Seite hat Waffen, die andere Geld und lokale Netzwerke. Der Rest ergibt sich.

Der Bericht vom Africa Center for Strategic Studies beschreibt die Arbeitsteilung nüchtern: Al-Shabaab erhält „verbesserte Ausrüstung (bewaffnete Drohnen, ballistische Raketen) und Ausbildung“, während die Huthis von „Piraterieaktivitäten und erweiterten Nachschubwegen“ profitieren.

Das klingt weniger nach Bündnis als nach Geschäftsmodell. Und vielleicht ist es genau das.

Im Zentrum der Kooperation steht der Transfer militärischer Fähigkeiten. Laut UN-Berichten bilden Huthi-Experten Kämpfer von al-Shabaab in Drohnentechnologie und beim Bau komplexer Sprengsätze aus. Was zuvor improvisiert war, wird systematisiert.

Das ist keine technische Randnotiz. Es verändert die Kriegsführung.

Al-Shabaab nutzt Drohnen bereits seit Jahren – allerdings primär zur Aufklärung. Der mögliche Übergang zu bewaffneten Systemen markiert eine qualitative Eskalation. „Sollte Al-Shabaab auch nur in geringem Maße in den Besitz dieser Technologie gelangen, würde ihre Fähigkeit … erheblich gesteigert“, heißt es im Saldhig-Bericht.

Die Formulierung ist vorsichtig. Ihre Implikation ist es nicht.

Denn asymmetrische Konflikte kippen nicht durch Masse, sondern durch Innovation. „Aufständische benötigen nur einen erfolgreichen Drohnenangriff, um die Richtung des Konflikts zu beeinflussen“, schreibt ISS-Analyst Moses Okello. Ein Satz, der weniger prognostiziert als erinnert – an Irak, Afghanistan, Ukraine.

Dass diese Technologien nun entlang bestehender Schmuggelrouten zirkulieren, ist kein Zufall. Es ist Effizienz.

Die Meerenge als Hebel

Parallel zur militärischen Aufrüstung intensivieren beide Gruppen ihre Aktivitäten auf See. Das Ziel: Kontrolle durch Störung.

Seit Ende 2023 haben die Huthis mehr als 100 Handelsschiffe angegriffen. Die Folgen sind messbar: Der Verkehr durch den Suezkanal ist um bis zu 60 Prozent zurückgegangen, Transportkosten haben sich vervielfacht.

Al-Shabaab ergänzt dieses Szenario durch Piraterie. Was lange als lokales Phänomen galt, wird nun Teil einer größeren Strategie. Laut UN-Berichten vereinbarten beide Gruppen 2024 explizit, Angriffe auf Schiffe zu koordinieren – im Austausch für Waffenlieferungen.

Die Logik ist einfach: Wer den Engpass kontrolliert, kontrolliert den Fluss.

Die Bab-al-Mandab-Straße ist kein geografisches Detail. Sie ist eine der zentralen Arterien des Welthandels. Ihre Destabilisierung wirkt global – ökonomisch, politisch, symbolisch.

Oder, weniger pathetisch: Sie macht aus regionalen Akteuren globale Störfaktoren.

Dass eine sunnitische al-Qaida-nahestehende Gruppe mit einer schiitischen, vom Iran unterstützten Bewegung kooperiert, widerspricht klassischen Deutungsmustern. Doch genau darin liegt die analytische Falle.

Die Berichte sind sich bemerkenswert klar: Die Allianz ist „transaktional oder opportunistisch“. Ideologische Differenzen werden nicht überwunden – sie werden ignoriert.

Das ist keine Ausnahme, sondern Regel. Schon die Beziehung zwischen Iran und al-Qaida war historisch „von Phasen der Zusammenarbeit und des Konflikts geprägt“.

Die Annahme, religiöse Differenzen verhinderten Kooperation, ist weniger empirisch als beruhigend. Sie erlaubt die Illusion von Ordnung, wo längst Pragmatismus herrscht.

Oder anders: Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund – aber ein nützlicher Partner.

Die dritte Seite: Iran als stiller Architekt

Was in den Berichten meist als Randnotiz erscheint, ist strukturell entscheidend: Die Allianz hat einen dritten Pol. Er sitzt nicht in Mogadischu und nicht in Sanaa.

Ein Bericht der Carnegie Endowment hält fest, dass sich die iranische Revolutionsgarde „zur Versorgung von Ansar Allah (Huthis) auf somalische Piraterienetzwerke, Al-Shabaab und Waffenhändler im Jemen und in Somalia“ stützt. Das ist mehr als Unterstützung. Es ist Infrastrukturpolitik unter anderen Vorzeichen.

Die oft bemühte Trennlinie zwischen schiitischen und sunnitischen Akteuren wirkt in diesem Kontext zunehmend wie ein analytisches Relikt. Tatsächlich war das Verhältnis zwischen Iran und al-Qaida „nicht immer feindselig“, sondern von „Phasen der Zusammenarbeit und des Konflikts geprägt“. US-Berichte behaupten, dass selbst Bewegungen von 9/11-Attentätern durch iranisches Territorium zumindest toleriert wurden. Andere Analysen sprechen davon, dass Teheran al-Qaida-Netzwerken über Jahre logistische Spielräume eröffnete.

Man muss diese Angaben nicht unbesehen übernehmen, um ihren politischen Gehalt zu erkennen: Die strategische Logik ist älter als die aktuelle Allianz.

Im Fall von al-Shabaab wird sie konkret. Waffenlieferungen an die Huthis passieren laut Studien teils über Somalia, wo sie „von Agenten wie Al-Shabaab … weiterverarbeitet“ werden. Umgekehrt erhält al-Shabaab Zugang zu Technologie und Ausbildung. Ein Kreislauf entsteht, der sich nicht mehr klar einem Zentrum zuordnen lässt.

Dass dabei auch hochentwickelte Waffensysteme zirkulieren, ist belegt. 2024 wurde vor Somalia ein Schiff abgefangen, das Komponenten für ballistische Raketen und Marschflugkörper transportierte – ein logistisches Detail mit strategischer Reichweite.

Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, ob Iran direkt steuert, sondern wie er wirkt. Eher als Dirigent denn als Befehlshaber. Ein regionaler Machtakteur, der seine Reichweite erweitert, indem er Netzwerke ermöglicht, statt sie zu kontrollieren.

Einige Analysten formulieren es offener: Teheran könne versuchen, „seinen Einfluss von der Sahara bis zur somalischen Küste auszudehnen“. Das klingt nach geopolitischer Ambition. Tatsächlich beschreibt es eine Methode.

Denn Einfluss entsteht hier nicht durch Besatzung oder Bündnistreue, sondern durch Anschlussfähigkeit. Wer Waffen liefert, Trainings organisiert und Routen sichert, wird Teil des Systems – unabhängig von theologischen Differenzen.

Oder anders: Ideologie trennt. Logistik verbindet.

Netzwerke statt Fronten

Die eigentliche Innovation dieser Allianz liegt nicht in einzelnen Waffen oder Operationen, sondern in ihrer Struktur. Sie verbindet zwei Konflikträume zu einem Netzwerk.

Somalia wird zur logistischen Drehscheibe für Waffenlieferungen in den Jemen. Der Jemen wird zur Quelle militärischer Innovation für Ostafrika. Dazwischen: ein Geflecht aus Schmugglern, Piraten, Milizen.

Ein abgefangenes Schiff vor Somalia transportierte 2024 Komponenten für Raketen und Drohnen – bestimmt für den Jemen. Der Weg ist nicht Umweg, sondern System.

Diese Vernetzung erschwert klassische Gegenstrategien. Marineeinsätze können Symptome bekämpfen, nicht Strukturen. „Es bedarf … anhaltender Anstrengungen zur Reduzierung der territorialen Kontrolle beider Gruppen“, heißt es entsprechend nüchtern.

Das ist richtig – und zugleich unzureichend. Denn Territorium ist nur noch ein Teil der Gleichung.

Ein oft übersehener Aspekt dieser Allianz ist ihre ökonomische Dimension. Beide Gruppen finanzieren sich nicht trotz, sondern durch Instabilität.

Al-Shabaab generiert laut Schätzungen bis zu 100–200 Millionen Dollar jährlich, unter anderem durch Erpressung und Piraterie. Die Huthis wiederum profitieren von Gebühren und indirekten Einnahmen aus gestörter Schifffahrt.

Instabilität ist hier kein Nebeneffekt, sondern Geschäftsmodell.

Das erklärt auch, warum die Kooperation über bloße Zweckmäßigkeit hinausgeht. Sie schafft einen gemeinsamen Markt – für Gewalt, Unsicherheit und Kontrolle.

Was bedeutet diese Entwicklung?

Erstens: Die Allianz zeigt, dass nichtstaatliche Akteure zunehmend in der Lage sind, strategische Räume zu beeinflussen, die bisher staatlicher Kontrolle vorbehalten waren. Die Störung globaler Handelsrouten ist kein Kollateralschaden mehr, sondern Ziel.

Zweitens: Ideologische Kategorien verlieren an Erklärungskraft. Die Zusammenarbeit zwischen sunnitischen und schiitischen Gruppen ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck eines Pragmatismus, der klassische Konfliktlinien unterläuft.

Drittens: Die Verbindung von Technologie und Netzwerkstruktur verschiebt die Balance asymmetrischer Konflikte. Drohnen, Raketen, Know-how – in den Händen flexibler Akteure entfalten sie eine Wirkung, die mit konventionellen Mitteln schwer zu neutralisieren ist.

Oder, weniger abstrakt: Die Allianz zwischen Huthis und al-Shabaab ist kein exotischer Sonderfall. Sie ist ein Hinweis darauf, wie sich Gewalt organisiert, wenn sie nicht mehr an Staaten gebunden ist.

Dass dabei ein Staat wie der Iran nicht verschwindet, sondern seine Rolle verändert, macht die Lage komplizierter, nicht einfacher. Er tritt nicht mehr nur als Akteur auf, sondern als Ermöglicher. Nicht überall sichtbar, aber an entscheidenden Knotenpunkten präsent.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Eskalationen im Nahen Osten wirkt diese Entwicklung weniger zufällig als folgerichtig. Wer in einem Konflikt gebunden ist, sucht Spielräume in anderen. Und wer keine klassischen Allianzen bilden kann, baut funktionale.

Die Annäherung an Gruppen wie al-Shabaab ist dann kein ideologischer Bruch, sondern eine Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln – nur ohne diplomatische Fassade.