Sonntag, 17.05.2026 / 22:01 Uhr

Wenn der Krieg um Hormus bis nach Darfur reicht

Sudan Bauer

Bauer im Sudan

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UN Photo/Fred Noy, Flickr (Bildquelle)

Sudans Bauern kämpfen im Frühjahr 2026 nicht nur gegen den Bürgerkrieg im eigenen Land. Störungen der Schifffahrt im Nahen Osten verteuern Dünger, Treibstoff und Hilfslieferungen – und bedrohen die Aussaat in Darfur, Kordofan, Gezira, Gedaref, Kassala und am Blauen Nil.

Im Frühjahr 2026 stehen Sudans Bauern mit einem Fuß im Bürgerkrieg und mit dem anderen in der Weltwirtschaft. Sie müssen sich vor Plünderern, Checkpoints und Granaten hüten, und zugleich vor Rechnungen, die aus einer Meerenge kommen, die die meisten von ihnen nie gesehen haben. Störungen der Schifffahrt im Nahen Osten treiben die Kosten für Dünger, Treibstoff und Hilfslieferungen nach oben. Die Aussaat gerät in Darfur, Kordofan, Gezira, Gedaref, Kassala und am Blauen Nil unter Druck.

Omer al-Hassan steht im Mai 2026 auf seinem Feld bei Omdurman und rechnet. Vor zwei Jahren hat ihn der Krieg aus dem Sudan vertrieben. Jetzt versucht er zurück in ein Leben, das nach Erde, Wasser und Ernte aussieht. Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten. So der Plan. Doch während im Land weiter geschossen wird, entscheidet eine zweite Front über sein Jahr: die Straße von Hormus.

Dort sammeln sich Handelsschiffe. Andere nehmen Umwege, manche warten auf militärische Freigaben. Was daraus folgt, kommt im Sudan nicht als Schlagzeile an, sondern als Preiszettel. Treibstoff verteuert sich. Dünger bleibt aus oder kommt zu spät. Pumpen stehen. Felder schrumpfen. Wer noch säen will, sät weniger. Wer ohnehin am Rand stand, lässt es ganz.

Der Iran-Krieg hat alles, was mit Landwirtschaft zu tun hat, beeinträchtigt“, sagte al-Hassan der Associated Press am 8. Mai 2026. Man hört in solchen Sätzen oft das übliche „Die Welt hängt zusammen“. Hier steckt mehr drin. Der Krieg im Nahen Osten zeigt sich im Sudan zuerst auf dem Acker, nicht auf der Landkarte der Militärs.

Im Westen fällt bei „Hormus“ vielen als Erstes Öl ein, Tanker, Börsenkurse. In Sudan heißt Hormus inzwischen: weniger Sorghum, weniger Sesam, weniger Hirse. Ein blockierter Seeweg entscheidet mit darüber, ob in Darfur im Herbst Brot gebacken wird oder Hilfsorganisationen Kalorientabellen verteilen.

Krieg kommt heute gern mit Begleitpersonal. Lieferketten gehören dazu.

Die zweite Front des sudanesischen Krieges

Sudans Landwirtschaft war schon vor der Eskalation im Nahen Osten auf Talfahrt. Seit April 2023 kämpfen die sudanesische Armee unter General Abdel Fattah al-Burhan und die paramilitärischen Rapid Support Forces unter Mohammed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, um Macht, Territorium und Ressourcen. Der Bürgerkrieg hat laut AP mindestens 59.000 Menschen getötet und rund 13 Millionen vertrieben. Le Monde nennt unter Berufung auf humanitäre Quellen bis zu 400.000 Tote seit Kriegsbeginn.

Der Krieg hat Märkte zerrissen, Straßen unpassierbar gemacht, Bewässerungssysteme beschädigt, Kredite verdampfen lassen. Jetzt trifft eine weitere Krise ein Land, dessen Institutionen bereits ausgehöhlt sind. Das ist der Moment, in dem Belastung in Zusammenbruch kippt. Ein Staat, der funktioniert, puffert Preisschocks. Sudan zählt sie ab.

Die Zahlen zeigen, wie diese neue Front arbeitet. Nach Angaben der Associated Press stammt mehr als die Hälfte der per Schiff importierten Düngemittel aus der Golfregion . Spannungen in der Straße von Hormus und Angriffe rund um Bab al-Mandab bremsen Lieferungen. Das Welternährungsprogramm meldet Umwege von bis zu 9.000 Kilometern für Hilfslieferungen, um gefährdete Routen zu umgehen.

In den Berichten internationaler Organisationen heißt das „Störung logistischer Korridore“. In Gezira heißt es einfacher: keine Aussaat.

Abdoun Berqawi, Landwirt in einer der wichtigsten Agrarregionen, beschreibt die Folgen ohne Pathos. Ein Sack Harnstoffdünger koste jetzt 50 Dollar statt 11 Dollar im Vorjahr, sagte er der AP. Diesel für Traktoren sei von 2,50 Dollar auf 8 Dollar pro Gallone gestiegen.

Man kann dann sagen: Der Markt passt sich an. In Wahrheit passt sich der Mensch an. Der Markt verteilt bloß die Schäden.

Die Geografie des Hungers

Hunger verteilt sich nie gleich. Katastrophen haben ihre Lieblinge. Wer Infrastruktur hat, hungert später. Wer keine hat, wird zur Fußnote.

Besonders betroffen sind laut FEWS NET Nord-Darfur, Süd-Kordofan und Nord-Kordofan. Genannt werden Kadugli, Dilling, El-Obeid, Um Baru und Kernoi. In Teilen dieser Regionen besteht weiterhin ein glaubwürdiges Risiko einer Hungersnot nach IPC-Phase 5, der höchsten Stufe akuter Ernährungsunsicherheit.

IPC-Phase 5 klingt nach Verwaltung. Gemeint ist ein Zustand, in dem Menschen sterben, weil sie nichts mehr essen können.

Im Blauen Nil verschärfen Kämpfe und Vertreibungen die Lage zusätzlich. In Darfur behindern geschlossene Grenzübergänge, Angriffe auf Hilfskorridore und lokale Konflikte zwischen Hirten und Bauern den Transport von Lebensmitteln. Der Krieg zeichnet dabei eine eigene Karte. Er isoliert nicht nur Regionen, er sperrt Zeit. Wer die Aussaat verpasst, erntet später den Mangel.

Die Sudan Tribune schätzt, dass die gesamte Anbaufläche inzwischen auf etwa 35 Prozent des Vorkriegsniveaus geschrumpft ist. Rund 60 Prozent ehemals genutzter Flächen liegen brach. Die Getreideproduktion fiel demnach von früher fünf bis sechs Millionen Tonnen auf weniger als drei Millionen.

Das liest sich wie Statistik. Es ist eine Chronik politischer Zerstörung, geschrieben in Hektar und Tonnen.

Besonders deutlich wird es am Al-Jazirah-Projekt. Einst galt die Region als Rückgrat der Landwirtschaft. Heute seien 55 Prozent der Anbauflächen aus dem Produktionszyklus gefallen, berichtet Sudan Tribune. „Produktionszyklus“ ist ein nüchterner Begriff. Er passt zu Fabrikhallen. Hier geht es um Nahrung.

Wenn Bauern hungern

Wer Hunger wirklich kennt, sind oft die, die Lebensmittel erzeugen. Das ist eine Ironie ohne Trost.

Mohammed al-Badri, ein Bauer aus Sudan, sagte der AP, er könne nur noch die Hälfte seines Feldes bestellen. „Der Rest ist nichts“. In diesem Satz steckt mehr politische Ökonomie als in manchem Entwicklungsseminar. Hunger beginnt selten mit dem großen Nichts. Er beginnt mit dem Kleinen, das fehlt. Mit Halbierungen. Halbe Ernten. Halbe Mahlzeiten. Halbe Medikamente. Halbe Staaten.

Melaku Yirga, Vizepräsident von Mercy Corps, beschreibt, wie Familien Besitz verkaufen, Mahlzeiten auslassen, Blätter oder Tierfutter essen, um durchzukommen. In internationalen Berichten taucht dafür gern „negative coping mechanisms“ auf. Das klingt, als hätte jemand schlecht geplant. Gemeint ist Überleben im Zerfall.

Die IPC berichtet, dass mehr als 19,5 Millionen Menschen, über 40 Prozent der Bevölkerung, akut von Ernährungsunsicherheit betroffen sind. 135.000 Menschen befinden sich demnach bereits in IPC-Phase 5. Für 825.000 Kinder unter fünf Jahren wird 2026 schwere akute Mangelernährung erwartet.

Zahlen schaffen Abstand. Vielleicht braucht Bürokratie diesen Abstand, um weiterzuarbeiten. Hinter den Zahlen bleibt es konkret. Eine Mutter entscheidet, welches Kind heute isst. Ein Bauer rationiert Dünger. Ein Arzt behandelt Unterernährung ohne Medikamente. Das sind keine Bilder. Das ist Alltag im Mangel.

Die Lieferkette als Waffe

Der Krieg im Nahen Osten trifft Sudan nicht, weil dort Bomben fallen, sondern weil Handelswege blockiert werden. Konflikte laufen heute über Infrastruktur. Wer Häfen und Routen kontrolliert, kontrolliert am Ende auch, wer satt wird.

Das Welternährungsprogramm warnt, die aktuellen Störungen gehörten zu den schwersten seit der COVID-19-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine. Höhere Transportkosten verteuern humanitäre Hilfe und zugleich das gesamte Ernährungssystem. Ein Sack Reis wird teurer, weil ein Tanker umgeleitet wird. So funktioniert Globalisierung, wenn man sie nicht in Werbebroschüren erklärt.

Le Monde legt nach: Die petrochemische Industrie der Golfstaaten sei zu einem zentralen Lieferanten synthetischer Düngemittel geworden. Sudan hänge an diesen Importen wie andere Länder an Strom oder Wasser.

Der Weltmarkt wird gern als Netz beschrieben, als wechselseitige Abhängigkeit mit freundlichem Klang. Praktisch fühlt er sich oft wie eine Kette an. Und das schwächste Glied sucht man verlässlich in Afrika.

WFP warnt zudem, anhaltend hohe Treibstoffpreise könnten weltweit weitere 45 Millionen Menschen in akuten Hunger treiben. Die Gesamtzahl würde auf 363 Millionen steigen.

In solchen Momenten zeigt sich eine stille Moral der Weltwirtschaft: Diesel bleibt verfügbar, Nahrung wird knapp.

Die Politik des Staatszerfalls

Es wäre bequem, die Krise auf den Nahostkonflikt zu schieben. Der Konflikt wirkt eher als Verstärker. Die Zerrüttung ist älter.

Sudans Landwirtschaftsbank leidet laut Sudan Tribune unter akuter Liquiditätsknappheit. Richtlinien für die neue Saison verzögern sich. Das Landwirtschaftsministerium warnt vor Produktionslücken bei Sorghum und Sesam, wirkt aber kaum handlungsfähig.

Der Agrarökonom Ghareeq Kambal nennt die Regierungspolitik „gescheitert“. Er kritisiert neue Abgaben und höhere Gebühren für Produktionsmittel. In Kordofan koste ein Barrel Diesel inzwischen mehr als zwei Millionen sudanesische Pfund.

Ein Staat, der eine kollabierende Landwirtschaft zusätzlich belastet, handelt auf den ersten Blick widersinnig. Zerfallende Staaten handeln oft kurzatmig. Sie leben von der Substanz und nennen es Verwaltung.

Le Monde spricht von „der größten humanitären Katastrophe unserer Zeit“. Der Satz klingt groß. Die Zahlen dahinter sind größer: Millionen Vertriebene, zerstörte Infrastruktur, kollabierende Versorgung, Hungerzonen in Darfur und Kordofan.

Trotzdem bleibt Sudan medial am Rand. Vielleicht, weil dort kein geopolitischer Sieg zu holen ist. Vielleicht auch, weil Hunger schlechter zu inszenieren ist als Raketen. Ein verhungerndes Kind bewegt selten Kurse.

Was in Hormus beginnt und in Darfur endet

Diese Krise zeigt, was internationale Politik ungern zugibt: Konflikte bleiben kaum noch dort, wo sie entstehen. Sie wandern. Entlang von Lieferketten, Rohstoffrouten, Finanzströmen. Der Krieg im Nahen Osten verteuert Treibstoff. Teurer Treibstoff trifft Bewässerung. Ohne Bewässerung sinken Ernten. Sinkende Ernten treiben Preise. Höhere Preise treiben Hunger. Hunger treibt Instabilität. Instabilität treibt Flucht.

Das ist keine Globalisierungstheorie. Das ist das tägliche Protokoll.

Mo Ibrahim warnte in der Financial Times vor einem „Bogen unregierbarer Gebiete“ vom Atlantik bis zum Roten Meer. Le Monde zitierte ihn mit dem Vergleich, Europa könne sonst ein „vereintes Afghanistan und Syrien direkt vor der Haustür“ erleben. Solche Formeln bedienen westliche Sicherheitsreflexe. Sie enthalten dennoch einen Punkt, den man nicht wegwischen sollte: Staatszerfall bleibt selten lokal.

Sudan wird oft als Ausnahme behandelt. Man kann es auch als Brennglas lesen. Hier sieht man, was passiert, wenn Bürgerkrieg, Weltmarkt und geopolitische Kämpfe ineinandergreifen.

Omer al-Hassan steht weiter auf seinem Feld bei Omdurman und rechnet. Das ist vielleicht die genaueste Szene dieser Krise. Ein Bauer kalkuliert Düngerpreise, während Kriegsschiffe Meerengen sichern und Diplomaten Stabilität beschwören. Dazwischen liegen Tausende Kilometer. Politisch ist der Abstand kleiner, als die Sprache internationaler Gipfel glauben machen will.

Wenn im Sudan ein Feld unbestellt bleibt, ist das keine Randnotiz. Es ist die sichtbare Form einer Ordnung, in der Gewalt, Handel und Gleichgültigkeit sich gegenseitig stützen. Was in Hormus passiert, endet nicht an Hormus. Es landet in Darfur. Auf einem halben Feld. In einer ausgelassenen Mahlzeit. In einem Staat, dessen Bauern längst wissen, dass geopolitische Krisen nicht erst beginnen, wenn Soldaten auftauchen.