Dienstag, 16.06.2026 / 17:02 Uhr

Äthiopien, die logistischen Drehscheibe der RSF im sudanesischen Bürgerkrieg?

Gastbeitrag von Peter Laskowski
Addis

Blick auf Addis Abeba

Bild:
Christian Wittmann (Bildquelle)

Während Addis Abeba jede Beteiligung bestreitet, verdichten sich die Hinweise auf seine Unterstützung der RSF im Sudan.

Addis Abeba weist jede Beteiligung am Sudanesischen Bürgerkrieg zurück. Doch Satellitenbilder, diplomatische Berichte und internationale Recherchen lassen dieses Dementi zunehmend erklärungsbedürftig erscheinen. Einrichtungen der äthiopischen Armee sollen den sudanesischen Rapid Support Forces, kurz RSF, als Ausbildungs- und Logistikraum gedient haben. Nicht als bewiesene Tatsache im Sinne eines Geständnisses, aber als Verdacht, der inzwischen auf mehr ruht als auf politischem Hörensagen.

Wer den Krieg im Sudan begreifen will, darf nicht nur nach Khartum, Omdurman oder El Fasher sehen. Ein Teil seiner Mechanik liegt offenbar jenseits der Grenze, in Benishangul-Gumuz, nahe Asosa, nicht weit vom Grand Ethiopian Renaissance Dam.

Der Staudamm ist Äthiopiens nationales Versprechen und zugleich ein regionaler Zankapfel. Dort, wo Wasserpolitik, Grenzsicherheit und Militärinteressen einander berühren, soll nach Recherchen von Reuters, dem Humanitarian Research Lab der Yale University und Berichten von Al Jazeera ein Netz entstanden sein: Ausbildung, Nachschub, Umbau ziviler Fahrzeuge für den Krieg.

Im Zentrum der Vorwürfe steht die Ethiopian National Defense Force, die reguläre Armee Äthiopiens. Genannt werden ein verborgenes Ausbildungslager für Tausende RSF-Kämpfer und ein Stützpunkt bei Asosa, auf dem zivile Fahrzeuge offenbar kriegstauglich gemacht wurden.

Bestätigt sich das, wäre der sudanesische Bürgerkrieg noch weniger ein innerer Krieg, als er ohnehin schon ist. Dann hätte er nicht nur Fronten im Sudan, sondern Werkstätten, Korridore und Gönner außerhalb seiner Grenzen.

Das Lager im Wald

Anfang 2026 wurden die ersten belastbaren Hinweise öffentlich. Reuters berichtete unter Berufung auf 15 Quellen, darunter äthiopische Beamte, Diplomaten und Sicherheitsleute, von einem geheimen Lager in Benishangul-Gumuz nahe der sudanesischen Grenze. Es soll für die Ausbildung von RSF-Kämpfern gebaut worden sein.

Auffällig ist nicht bloß, dass es ein Lager gegeben haben soll. Auffällig ist seine Größe. Nach einem diplomatischen Telegramm, das Reuters einsehen konnte, war die Anlage für bis zu 10.000 Kämpfer ausgelegt. Satellitenbilder zeigten Ende November bereits mehr als 640 Zelte. Analysten von Janes kamen zu dem Schluss, die vorhandene Infrastruktur reiche mindestens für 2.500 Personen.

Ein interner Sicherheitsvermerk, den Reuters zitiert, sprach Anfang Januar von 4.300 RSF-Kämpfern in militärischer Ausbildung. Ihre logistische und militärische Versorgung werde von den Vereinigten Arabischen Emiraten gestellt.

Damit beginnt die größere Geschichte. Die Emirate stehen seit Jahren im Verdacht, die RSF zu unterstützen. Abu Dhabi bestreitet das. Zugleich hielten UN-Experten und US-Gesetzgeber frühere Vorwürfe über Waffenlieferungen aus den Emiraten für glaubwürdig.

So sieht Plausible Deniability im Satellitenzeitalter aus: Ein Staat weist alles zurück, während Zelte, Transportwege und Stimmen aus Apparaten eine weniger höfliche Fassung der Ereignisse liefern. Je dichter die Indizien, desto lauter das Dementi.

Reuters nennt auch den äthiopischen Militärnachrichtendienst. Ein interner Sicherheitsbericht soll General Getachew Gudina als Initiator des Lagers ausweisen. Mehrere diplomatische und sicherheitspolitische Quellen bestätigten diese Darstellung. Al Jazeera sprach später von einigen der schwersten öffentlich zugänglichen Hinweise auf äthiopische Hilfe für die RSF.

Die Lage des Lagers ist ebenso brisant wie seine Größe. Es liegt nahe der sudanesischen Grenze, in einer Region, die auch für die Sicherheit des GERD wichtig ist. Was als logistische Zweckmäßigkeit erscheinen könnte, wirkt im Zusammenhang regionaler Machtpolitik weniger zufällig.

Asosa, Werkbank des Krieges

Wenn das Lager Männer liefert, könnte der Stützpunkt Asosa Material liefern. Das Humanitarian Research Lab der Yale School of Public Health wertete Satellitenbilder aus, die zwischen dem 29. März und dem 21. Mai 2026 Aktivitäten auf einem ENDF-Stützpunkt in Asosa zeigen sollen.

Die Forscher sprechen von einer aktiven militärischen Logistikkette. Zivile Fahrzeuge seien dort umgebaut, umlackiert und bewaffnet worden, mutmaßlich zur Versorgung der RSF .

Die Einzelheiten klingen nach Werkstattbericht. Gerade darin liegt ihre politische Sprengkraft. Fahrzeuge, zunächst weiß oder hell lackiert, erschienen später in dunklen Tarnfarben, wie sie RSF-Einheiten im sudanesischen Bundesstaat Blauer Nil nutzen. Open-Source-Videos aus Kampfgebieten hätten diese Veränderungen nach Angaben der Yale-Forscher gestützt.

Besonders verräterisch waren die unvollkommenen Spuren der Tarnung. Außenflächen dunkel überlackiert, innen noch weiß. Türen, Trittstufen, Reste alter Farbe. Logos und Stoßfänger übermalt. Das waren, der Darstellung zufolge, keine regulären Militärfahrzeuge. Es waren zivile Fahrzeuge, deren Herkunft verschwinden sollte.

Hinzu kamen dunkle Objekte von etwa 1,6 Metern Länge neben Fahrzeugen mit montierten Plattformen. Das Yale-Team hielt es aufgrund von Größe und Anordnung für sehr wahrscheinlich, dass es sich um schwere Maschinengewehre des Kalibers .50 handelte.

Aus Lieferwagen wurden Kampfmaschinen. Nicht metaphorisch. Praktisch.

Auch die Lieferbewegungen passen dazu. Am 10. Mai zeigten Satellitenbilder mindestens zehn Fahrzeugtransporter, die neue zivile Fahrzeuge auf den Stützpunkt brachten. Zeitweise verfolgten die Forscher bis zu 13 große Transporter und 25 kleinere Transportfahrzeuge.

Das hat den Charakter industrieller Fertigung. Nur verlässt am Ende kein Produkt für den Markt das Gelände, sondern Gerät für einen Bürgerkrieg.

Auffällig war zudem, dass sich nach früheren Veröffentlichungen über die Aktivitäten ein Teil der Arbeiten von offenen Flächen in die Nähe eines großen Lagergebäudes verlagerte. Die Forscher deuten das als möglichen Versuch, Satellitenbeobachtung zu erschweren. Auch das ist keine neue Erfindung: Was sichtbar wird, macht Ärger. Also schiebt man es unters Dach.

Der Blaue Nil als Frontlinie

Warum sollte Äthiopien die RSF unterstützen? Eine abschließende Antwort gibt es nicht. Aber die Landkarte antwortet mit.

Der sudanesische Bundesstaat Blauer Nil wurde 2025 und 2026 zu einem wichtigen Kriegsschauplatz. Er grenzt direkt an Äthiopien und öffnet Wege in das Zentrum des Sudan. Als die sudanesische Armee im Mai 2026 Khor Hassan von der RSF zurückeroberte, zeigte sich erneut, wie wichtig diese Region ist.

Al Jazeera zitierte Einschätzungen, nach denen Kurmuk nahe der äthiopischen Grenze ein zentraler Korridor für Handel, Nachschub und Infrastruktur sei. Wer diese Route kontrolliert, kontrolliert nicht alles. Aber er entscheidet mit, wer versorgt wird und wer warten muss.

Die sudanesische Regierung wirft Äthiopien seit längerem vor, gemeinsam mit den Emiraten die RSF zu stützen. Beide Staaten bestreiten das.

Damit stellt sich nicht nur die Frage, ob Hilfe geleistet wird. Es geht auch um ihren Zweck. Und hier führt die Spur wieder zum Grand Ethiopian Renaissance Dam.

Der GERD ist kein bloßes Bauwerk. Er ist Äthiopiens Anspruch auf Entwicklung, Souveränität und regionale Macht. Für Ägypten dagegen ist er seit Jahren ein Problem, weil Kairo seine Wasserrechte am Nil bedroht sieht. Ägypten wiederum gilt als Unterstützer der sudanesischen Armee.

So wird der Krieg im Sudan lesbar als Fortsetzung regionaler Rivalität mit anderen Mitteln. Wo einst Verhandlungen geführt wurden, bewegen sich nun Milizen, Drohnen und Nachschubkolonnen. Das heißt nicht, dass jede äthiopische Entscheidung allein vom Staudamm her erklärbar wäre. Politik ist selten so sauber gebaut wie ihre Rechtfertigungen. Aber Grenzsicherheit, Bündnisse und Interessen am Nil überlagern sich hier zu deutlich, um sie für Zufall zu halten.

Das Dementi und sein Schatten

Die Recherchen leben nicht von dem einen unwiderlegbaren Beweis. Ihre Stärke liegt in der Häufung.

Reuters beschreibt Lager, Transporte und Aussagen aus Sicherheitskreisen. Al Jazeera verweist auf Satellitenbilder und deren Bewertung durch Analysten. Das Humanitarian Research Lab der Yale University rekonstruiert eine Logistikkette auf einem ENDF-Stützpunkt.

Keine dieser Quellen ist unfehlbar. Satellitenbilder zeigen Bewegung, nicht Absicht. Geheimdienstquellen können eigene Rechnungen offen haben. Open-Source-Material muss geprüft werden. Doch gerade deshalb zählt, dass verschiedene Methoden, Institutionen und Beobachtungen in dieselbe Richtung weisen.

Die offiziellen Dementis sind damit nicht erledigt. Aber sie tragen schwerer. Ein Vorwurf, der auf Gerüchten ruht, ist leicht wegzuwischen. Ein Vorwurf, der aus Bildanalyse, Zeugenaussagen, Logistikdaten und unabhängigen Recherchen zusammengesetzt ist, verlangt mehr als ein Nein.

Wer die Hinweise heute für belanglos erklärt, hat mehr zu erklären als jene, die sie vorlegen.

Der Krieg im Sudan hat nach den im Text genannten Angaben bereits mehr als 150.000 Menschen getötet und über zwölf Millionen vertrieben. Er ist eine der großen Katastrophen der Gegenwart. Die neuen Befunde legen nahe, dass dieser Krieg nicht nur von seinen unmittelbaren Parteien verlängert wird. Er könnte auch von Mächten genährt werden, die offiziell draußen stehen und praktisch drinnen sind.

Sollten sich die Vorwürfe gegen die ENDF bestätigen, wäre Äthiopien nicht bloß Nachbar eines brennenden Landes. Es wäre Hinterraum, Werkbank und Durchgangsstation dieses Krieges. Dann verschwimmt die Grenze zwischen Beobachter und Beteiligtem.

Die eigentliche Bedeutung der Recherchen liegt nicht in einem Lager, nicht in einem Fahrzeug, nicht in einer einzelnen Lieferung. Sie liegt im Muster.

Der Sudan erscheint immer stärker als Schauplatz eines Krieges, in dem regionale Akteure ihre Interessen verfolgen, ohne ihren Namen auf die Kriegserklärung zu setzen. Die Diplomatie spricht von Stabilität. Die Satellitenbilder sprechen eine andere Sprache.

Zwischen beiden Fassungen verläuft eine Grenze. Sie liegt nicht am Blauen Nil. Sie liegt in der Frage, wer diesen Krieg führt und wer nur so tut, als sähe er ihm zu.